Wenn der Schuh drückt

Schuhmacher

Schuhmacher- Meister Christoph Haas betreibt seit 35 Jahren ein kleines Schuhmacher-Orthopädie-Geschäft in der Würzburger Innenstadt. Auch seine Schwester Barbara Breunig und Ehefrau Anita Haas sind mit eingespannt. Einblicke hinter die Kulissen in ein unterschätztes Handwerk.

von Mareike Hoffmann

Wie Christoph Haas den Beruf als Schuhmacher beschreiben würde? Vor allem vielseitig: Jede der Reparaturen sei ein Unikat. „Es gibt keine Reparaturanleitungen. Man muss sich in jedes Arbeitsstück neu eindenken.“

Dingdong ertönt es, als die Tür aufgeht. Ein kräftiger Geruch kommt einem entgegen, wenn man das kleine Geschäft mit grünem Schild und weißer Aufschrift in der Sanderstraße 8 betritt. „Orthopädie Schuhmacher Christoph Haas“ steht in weißen, geschwungenen Buchstaben auf der Scheibe des Schaufensters. Mit der Aufschrift  werden hier auch die angebotenen Leistungen präsentiert: „Einlagen nach Maß – Schuh Reparaturen.“

„Das ist kein Ledergeruch, wie viele denken, sondern die Kleber und Lösungsmittel, die wir bei den Reparaturen verwenden“ erklärt Inhaber und Schuhmacher-Meister Christoph Haas. Er rieche diese schon gar nicht mehr nach so vielen Jahren. Mit grünem Kittel über dem karierten Hemd und Brille steht er hinter dem grauen, hölzernen Tresen seines Geschäfts. Auf dem langen Holzregal dahinter reihen sich Stiefel, Sandalen, Pumps, Sportschuhe und Anzugschuhe in allen möglichen Farben aneinander. Einige sehen aus wie neu, anderen sieht man an, dass sie oft und gerne getragen wurden. An jedem der Paare ist ein kleiner, pinker Zettel angepinnt, auf dem eine schwarze Nummer steht. Über dem Regal hängen zwei große Bilderrahmen. „Meisterbrief – Herr Christoph Haas – Schuhmacher“ und „Meisterbrief – Herr Christoph Haas – Orthopädie- Schuhmacher“ steht da auf den eingefassten Schriftstücken.

Haas nimmt ein Paar braune Lederschuhe mit dünnen Schnürsenkeln aus dem Regal vor dem Tresen. Durch eine weiße Tür am Tresen vorbei geht er in die kleine Werkstatt im hinteren Bereich der Schuhmacherei. Helles Licht strahlt einem von der Decke entgegen. Links ein Regal mit kleinen, gelben Schubkästen. Darunter reihen sich diverse kleine Fläschchen auf der mit braunem Tonkarton und Farbflecken bedeckten Arbeitsfläche. Musik ertönt aus dem Radio auf der Werkbank. Christoph Haas dreht die braunen Schuhe um und inspiziert die abgelaufene Sohle. Das Leder ist bereits deutlich in die Jahre gekommen.

„Es ist wichtig, dass man das Material der Sohle richtig erkennt. So können wir den passenden Kleber verwenden.“ Der Schuhmacher drückt auf einen Knopf an der Seite und mit einem lauten Rattern springt die graue Maschine an. Die schwarze Sohle verschwindet langsam, als er diese an eine der Rollen mit rotem Schleifpapier hält. So eine Fräsmaschine sei für sein Handwerk unverzichtbar, betont Haas. Es riecht nach Gummi und der schwarze Staub der Sohle verteilt sich in der Luft. Anschließend klebt er die aus einem großen Stück ausgeschnittene, neue Sohle auf den abgeschliffenen Absatz. An einem der kleinen Rädchen oben an einer der Maschinen wird der Druck eingestellt und Schuh und Absatz werden zusammen gedrückt. „Das ist eine Sohlen-Absatzpresse.“ erklärt Haas. Nach einer ganzen Weile nimmt er die gut verklebten Schuhe wieder aus der Maschine. An den seitlichen Rändern steht noch immer das Gummi des neuen Absatzes hervor. Haas hält den Schuh an eine Schneidemaschine und dreht an einem großen Rad an der Seite, sodass das überschüssige Gummi langsam rund herum abgeschält wird. Die alten, braunen Lederschuhe mit dem neuen Absatz kommen nun wieder in das Regal vor dem Tresen – bereit zur Abholung.

Vor dem großen Fenster der Werkstatt steht eine massive, dunkelgraue Nähmaschine. Davor sitzt Barbara Breunig in dunkelrotem Kittel. Vor ihr ein stehen ein Paar graue Filz-Hausschuhe mit schwarzem Klettverschluss. „Der Kunde möchte den Klettverschluss breiter haben. Das haben wir schnell  gemacht“ erklärt die gelernte Schneiderin. Sie fädelt einen schwarzen Faden in die kleine Öse an der Nähmaschine ein, spannt die Schuhe auf die Nähmaschine und betätigt ein Pedal auf dem Boden. Ein lautes Rattern ertönt, das große Rad an der Maschine dreht sich und der Hebel mit der Nadel vorne bewegt sich auf und ab. Ein paar Minuten später ist der neue Klettverschluss eingenäht. Haas ist stolz auf den Zusammenhalt: „Wir teilen uns die Arbeit auf. Meine Schwester macht Näharbeiten, wie Reißverschlüsse für Schuhe und Taschen und ich mache die sonstigen Reparaturarbeiten und fertige orthopädische Schuhänderungen an“.

Nachdenklich schaut Haas auf ein Paar blaue Stiefeletten mit einer Wildleder-Oberfläche und Keilabsatz. Zwischen Sohle und dem oberen Teil des Schuhs klafft bei beiden Schuhen eine große Lücke. Er zeigt die Schuhe Barbara Breunig: „Da können wir wohl nichts mehr machen. Die Verarbeitung ist bereits fehlerhaft.“ „Ja, das würde sich direkt wieder lösen.“, erwidert sie zustimmend. Sollte sich eine Reparatur nicht mehr lohnen, bekomme der Kunde natürlich sein Geld zurück. Haas sagt, er habe schon viele Schuhe im Keller, die nie abgeholt wurden. Deshalb nehme er immer eine Anzahlung. Er stellt die kaputten Stiefeletten zurück in das Regal hinter dem Tresen. Dass die Kunden mit der Arbeit zufrieden sind, zeigt sich auch wenn man sich die Online-Bewertungen bei Google anschaut. 5 von 5 Sternen erhält das kleine Schuhmacher-Geschäft von Christoph Haas dort. „Wir haben so gut wie keine Reklamationen“ erwähnt Barbara Breunig stolz.

Dingdong. Die Klingel ertönt. Haas geht durch die weiße Tür hinter den Tresen, vor dem eine junge Frau mit gelbem Rucksack und grüner Regenjacke steht. Sie sucht in ihrem Portemonnaie und findet schließlich eine pinke Marke, wie sie auch an den Schuhen im Regal hinter dem Tresen zu finden sind. „Ich möchte meine Stiefel abholen“ sagt sie. Haas schaut durch die rechteckige Brille herunter auf den pinken Zettel und dreht sich zu dem hölzernen Regal um. Gezielt nimmt er ein Paar lange Lederstiefel heraus und wendet sich wieder an die Kundin: „Bitteschön. Wir haben die Absätze neu gemacht.“ sagt Haas freundlich, während er die Schuhe umdreht und auf die dunkelbraune Sohle zeigt. Die junge Frau bedankt sich und steckt die Schuhe in einen blauen Beutel. „Es kommen auch viele junge Kunden zu uns.“ Die Schuh-Reparatur werde im Zuge des Nachhaltigkeits-Gedanken wieder wichtiger.

Unter den vielen Schuhen im Regal hinter dem Tresen sucht Haas ein Paar schicke Herren Schuhe aus Leder mit seitlicher, silberner Schnalle heraus. Dass es sich dabei um Pferdeleder handelt, erkenne er bereits an der Marke der Schuhe. Ein teures Exemplar, das aber beim Laufen quietscht. Barbara Breunig und Christoph Haas beraten sich, was die Ursache dafür sein könnte. Es liege wohl am Leder- so einigen sie sich schließlich. Da könne man nicht viel machen. Er stellt das Paar zurück an seinen Platz. „Manche Schuhe sind besonders teuer und empfindlich und werden deshalb extra gelagert“ sagt Haas, während er nach einem Paar brauner Mokassins mit hellbraun-kariertem Muster und fellartigem Stoff greift, die gesondert ganz oben auf einem Regal in der Werkstatt stehen. „Louis Vuitton“ steht da auf dem kleinen Stoffviereck auf der Innensohle.

Die schwarz-rote Uhr an der Wand zeigt 13 Uhr. Barbara Breunig verabschiedet sich. Sie hat Feierabend. Zwei bis drei Mal in der Woche arbeitet sie bei ihrem Bruder in der Werkstatt mit. Nachher komme auch seine Frau Anita vorbei und hilft mit den Abrechnungen. Der familiäre Zusammenhalt in seinem Geschäft ist Haas besonders wichtig.

Dieses Jahr wird Christoph Haas 64. Nach über 48 Berufsjahren weiß er, worauf es in seinem Handwerk ankommt: „Als Schuhmacher sollte man neben dem Fachwissen vor Allem Kreativität und Freude am Job mitbringen.“ Die Frage nach einem Nachfolger für sein Geschäft hat er sich noch nicht gestellt. Er ist aber zuversichtlich, dass sich jemand finden wird: „Es ist ein spannender Beruf, der immer benötigt wird.“

Dingdong. Beim Verlassen des Geschäfts kommt man wieder an dem Schaufenster mit der weißen Aufschrift vorbei. „Ihr Schuh in guten Händen“ steht da auf einem Plakat hinter der Scheibe.

 

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