Stell dir nicht vor, sondern mach! So geht Ausbildung heute

Feuerwehr

7.700 freiwillige Feuerwehren, 230 Werkfeuerwehren und sieben Berufsfeuerwehren sind jährlich zur Stelle, wenn Menschen oder Tiere in Not geraten. Unfälle, Hausbrände, Überflutungen oder Gasexplosionen: Auf jede erdenkliche Situation müssen die Feuerwehrleute vorbereitet sein. Und genau das hat sich die Staatliche Feuerwehrschule Würzburg zur Aufgabe gemacht.

Von Christina Klein

Der Vorreiter in Sachen Brandbekämpfung

In ganz Bayern gibt es drei Feuerwehrschulen: Regensburg, Geretsried und Würzburg. Die Würzburger Feuerwehrschule zählt mittlerweile zur beliebtesten unter den Feuerwehrfrauen und -männern, die sich hier regelmäßig fort-und weiterbilden lassen.

Warum? Wenn man das Gelände der SFSW betritt, ist der Grund hierfür kaum zu übersehen. Es wimmelt nur so vor Übungsstätten und Fahrzeugen. „Würzburg ist die einzige Feuerwehrschule, die ein richtiges Brandhaus für Übungszwecke besitzt“, erklärt Diplom-Ingenieur und Brandrat Jürgen Schlemmel stolz. Auch die anderen Feuerwehrschulen haben einfache Brandstellen, wo für die Fort-und Weiterbildungen ein Brandfall simuliert werden kann. Ein eigenes Haus mit Realbefeuerung gibt es jedoch bloß in Würzburg.

Pro Jahr werden dort 60-70 Lehrgänge „Verhaltenstraining im Brandfall“ durchgeführt. Geleitet werden die Heißausbildungen von je fünf Ausbildern. Da die Belastungen durch die Temperaturen enorm hoch sind und die gesetzlichen Vorschriften eingehalten werden müssen, werden die Ausbilder der Feuerwehrschule tatkräftig von der Berufsfeuerwehr Würzburg unterstützt. Bei jedem der Lehrgänge, die wöchentlich zweimal stattfinden, sind neben drei Ausbildungskräften der Schule auch zwei externe Trainer an Ort und Stelle. Gemeinsam bereiten sie Übungen vor und begleiten den Ausbildungstrupp mit in das brennende Haus.

In der Wohnung des Brandhauses wird ein Feuer durch Realbefeuerung simuliert, bekämpft und anschließend die Vorgehensweise des Trupps und das Ergebnis diskutiert.

„Im ersten Stock befindet sich eine Wohnung,“ erklärt Brandrat Schlemmel, „Dort können wir Feuer mit Propan erzeugen. Wir können auch Rauch simulieren, im Endeffekt ein besserer Diskonebel, der durch verdampftes Öl entsteht.“ Nebenan gibt es ergänzend eine Garage, in der ein brennendes Auto gelöscht werden kann.

Vor dem Haus hat sich der Feuerwehrtrupp in Schutzkleidung bereits in Position gebracht und wartet auf sein Kommando. Die Atemschutzgeräte sind fest angelegt und die Feuerwehrleute bereit für den Einsatz. „Die Feuerwehrmänner bekommen jetzt den Einsatzbefehl, dass es im Haus brennt und mehrere Personen vermisst werden. Ausgerüstet mit Atemschutz und Schutzkleidung rückt der Trupp ins Haus vor, versucht den Brand zu bekämpfen. Danach wird nach dem Motto „Training on the job“ diskutiert, was gut funktioniert hat, wo man noch verbessern könnte. Haben die Leute vielleicht etwas übersehen, was zur Gefahr werden könnte oder haben sie sich zu viel Arbeit gemacht.“

Eine eigene kleine Stadt

Bei einem Rundgang durch das Gelände der Feuerwehrschule wird jedoch schnell klar, dass das eigene Brandhaus nur eines der vielen Highlights ist. Seit Anfang 2017 können die Teilnehmer der Lehrgänge in der größten Übungsbrandhalle Deutschlands für Realsituationen trainiert und weitergebildet werden.

Geplant wurde das imposante Gebäude vom gleichen Architekturbüro, das auch für den Berliner Hauptbahnhof und die Messe Leipzig zuständig war. Die SFSW hat damit nicht nur irgendeine Halle gebaut, sondern eine echte kleine Stadt simuliert. Sie fasst ein Einfamilienhaus, das man für die Erkundung sogar komplett umrunden kann. Daneben befindet sich ein Mehrfamilienhaus mit Supermarkt, Fahrschule und sogar einem Restaurant, sowie ein neunstöckiges Hochhaus mit Wohnungen, Balkonen, Treppenhaus und Aufzügen.

Die Übungshalle birgt Herausforderungen

Die 77 Meter lange, 40 Meter breite und bis zu 31 Meter hohe Halle der SFSW ist natürlich nicht nur zum Bestaunen da, sondern zum Üben. Deshalb verstecken sich dort auch einige Tücken, die im echten Leben höchstgefährlich sein können. Neben Krankenhaus – und Hotelzimmern gibt es zudem ein Labor mit radioaktiven Substanzen, doppelte Fußböden und eine Tiefgarage sowie eine Kanalisation, aus der ein verunglückter Arbeiter gerettet werden muss. „Auf der anderen Straßenseite“ gibt es ein Speditionsgebäude mit Hochregallager, Laderampe und Gleisanschluss.

„Wir lehren hier nach dem Motto „Stell’ dir nicht vor, sondern mach“, sagt Schlemmel während des Rundgangs durch die belebte Halle. Im Treppenhaus des Hochhauses findet gerade ein Lehrgang zum Thema „Wie öffne ich eine Tür“ statt, der von Holger Strohm geleitet wird. „Wir stellen hier nach, eine Tür aufzubrechen. Wer benutzt die Axt, wer das Halligan-Tool?“, fragt der Ausbilder in die Runde der Lehrgangsteilnehmer. Es wird lautstark diskutiert und dann sind zwei der Teilnehmer an der Reihe, die Übung durchzuführen. „Probiert’s aus und danach reden wir darüber“, wirft Strohm in die Runde ein. Die Männer machen sich ans Werk. Eine handlungsorientierte und praxisnahe Ausbildung steht für die Feuerwehrschule Würzburg an erster Stelle.

Durch High-Tech und Dummys ganz vorne dabei

Um auch die praxisnahe Ausbildung so gut wie möglich umsetzen zu können, hat sich die Feuerwehrschule ganz besondere Helfer angeschafft. 40 Puppen stehen bei der Einsatzsimulation in der SFSW zur Verfügung. Die Dummys sind auf alle Übungsobjekte verteilt und können manuell bedient werden. Verdeckt in Einbauschränken eingebaut, kann der zuständige Ausbilder die Puppen zum Leben erwecken. Hierzu steuert er den Dummy mithilfe eines Tablet-PCs und simuliert programmierte Übungslagen. Die Simulations-und Steuerungstechnik haben die Ausbilder selbst mitentwickelt.

„So, wir befinden uns jetzt in einer Wohnung, in der wir nun einen Brand und Rauch simulieren. Ich kann hier alles mit unserem Tablet steuern,“, Schlemmel schaut auf das Tablet. Es zischt und langsam breitet sich der weiße Nebel im Raum aus. Rote Lichter beginnen unkontrolliert zu flackern und ein Schrank in der Ecke des Zimmers öffnet sich. Ein Dummy, der von einem Magnet getragen wird fährt langsam eine Schiene entlang, die bis nach vorne zum Fenster reicht. „So, da hätten wir nun unseren Bewohner, in dessen Wohnung Feuer ausgebrochen ist,“ Schlemmel tippt wieder, „Fenster auf, und jetzt kann die Puppe bis nach vorne zum Fenster fahren. So können wir eine eingeschlossene Person in einem Hochhaus simulieren“. Wenn alles wieder vorbei ist, wird der Raum über das Tablet wieder in den Ausgangszustand zurückversetzt. „Licht und Rauch aus, Fenster zu, Lüftung an, der Dummy fährt zurück in den Schrank “, der Brandrat grinst.

Vom Hobby zum Beruf

Auf die Frage warum sich noch immer viele Menschen dazu entscheiden, Feuerwehrmann oder –frau zu werden antwortet Jürgen Schlemmel, dass es zum Glück noch immer Teil der Kultur sei, helfen zu wollen. Gerade für die dörflichen Gegenden sei dies extrem wichtig. „Die Bereitschaft zu helfen ist noch immer da, auch wenn wir merken, dass die Bereitschaft, sich zu binden, weniger wird. Manche Gesichter tauchen immer wieder auf. Oft kommt es vor, dass man einen guten Mann im Lehrgang hat, aber sich fragt, ob man ihm noch einmal bei einer Fortbildung begegnet. Viele sind beruflich so engagiert, dass es zeitlich leider nicht mehr klappt.“

Jürgen Schlemmel macht der Beruf an der Feuerwehrschule schon seit 20 Jahren sehr viel Spaß, es sei sehr abwechslungsreich und interessant, viele neue Leute lerne man ständig kennen. Früher war er in seiner Heimat im Schweinfurter Raum Feuerwehrkommandant, heute ist er privat auch noch als Gruppenführer seiner Feuerwehr tätig, aus beruflichen Gründen jedoch nicht mehr in höherer Verantwortung. Zu weit seien nun die Entfernung und die mangelnde Zeit, um Organisatorisches dafür zu erledigen.

 

 

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