Ein echter Dorfschatz

Dorfladen

Gerade auf dem Dorf ist das Einkaufen nicht immer leicht. Meist wird ein Auto gebraucht, um zum nächsten Supermarkt zu kommen. Wer keines hat oder nicht mehr fahren kann, muss sich anders behelfen. Zum Beispiel den Weg zum Supermarkt verkürzen.

Von Svenja Hörath

In der Straße ist noch alles dunkel, nur die Fenster des gelben Hauses mit der grünen Reklame sind hell erleuchtet. Noch ist in dem Haus alles ruhig, bloß die Kühltruhen brummen. An den grünen Wänden hängen die befüllten Regale, in der Mitte des Raumes steht eine Holzablage mit Gemüse, Tee und Süßigkeiten befüllt. Rechts neben der Eingangstür stehen eine lange Bank und vier weiße Stühle mit grün-gelben Kissen. Darüber hängt ein Bild der Kirche nebenan und ein schwarzes Brett mit Angeboten aus der Region. Auf dem Tisch davor steht eine Zuckerdose. Kerstin Schnabel überprüft die Temperatur der Truhen, dann bindet sie sich eine rot-weiß karierte Schürze um und wäscht sich die Hände. Anschließend legt sie die Backwaren in die Theke. Sie entfernt die Abdeckungen auf dem Gemüse und schaut auf die Uhr. Es ist früh am Morgen, 6.47 Uhr. Sie liegt gut in der Zeit. Kurz vor 7 Uhr klackt die weiße Tür und ein junger Mann tritt ein. Von der Theke aus kann Kerstin Schnabel auf die Eingangstür schauen. „Wie immer?“ begrüßt sie den Gast, als dieser näher kommt. Er nickt und sie sagt: „1,95€, auch wie immer“. Damit beginnt der heutige Arbeitstag von Kerstin Schnabel, Verkaufsleiterin im Dorfladen Uengershausen.

Uengershausen ist ein kleines Dorf in der Nähe von Würzburg. Im Juli 2013 ist der Dorfladen auf Wunsch der Bürger eröffnet worden und wird seither von ca. 20 Helfenden betrieben, 15 davon arbeiten rein ehrenamtlich. Sie räumen Regale ein, putzen und spülen, machen die Buchführung und verkaufen. Kerstin Schnabel, geboren und aufgewachsen in Uengershausen, ist die Verkaufsleiterin. Während sie die Zeitungen und Zeitschriften, die nachts geliefert wurden, an der Theke verteilt und den Bäckerlieferschein kontrolliert, betreten die nächsten Kunden den Laden. Die meisten nehmen sich auf dem Weg in die Arbeit Gebäck mit. Als Kerstin Schnabel die Tür klacken hört, schaut sie vom Lieferschein auf. „Du bist heute aber spät dran“, ermahnt sie den Mann, der gerade eingetreten ist, mit einem Lächeln im Gesicht und packt ihm sein Schokohörnchen ein. Da sie seit über fünf Jahren im Dorfladen arbeitet, kennt sie die meisten Kunden persönlich. Zwischen 1.200 und 1.400 Artikel finden sich in dem Laden, von Grußkarten über Zigaretten und Putzmittel bis hin zu Gewürzen. Seit 2018 bietet der Laden sogar einen Hermes Paketshop an. „Aber natürlich können wir kein so breites Sortiment anbieten wie die großen Supermärkte“, erklärt Kerstin Schnabel. Das wichtigste Sortiment im Laden seien die Backwaren und die Produkte des Metzgers, beide sind aus der Region. Auch die anderen Produkte im Laden sind – wenn möglich – regional: Honig vom Dorfimker, Mehl aus dem Nachbarsdorf und Weine von den Winzern. „Für viele wird der regionale Faktor immer wichtiger“, sagt die Verkaufsleiterin, während sie die Regale auffüllt.

Als Kerstin Schnabel gerade zwei Stammgästen Kaffee und Kuchen vorbereitet, betritt Sigrid Kranz den Laden. Sie ist die ehrenamtliche und unbezahlte Geschäftsführerin des Ladens und löst Kerstin Schnabel für den Rest des Tages ab. Sie begrüßt die Gäste und plaudert kurz mit ihnen. Sigrid Kranz ist seit Ladenöffnung dabei und verbringt ca. zehn Stunden pro Woche im Laden – und zusätzlich viel Zeit daheim mit Vorbereiten. Insgesamt würden die Freiwilligen neben den Ladenöffnungszeiten noch einmal die gleiche Zeit in Rechnungsprüfungen, Reparaturen, Reinigungsarbeiten und sonstige anfallende Tätigkeiten investieren müssen. Nur das würde keiner sehen, verrät die Geschäftsführerin. Sie ist in Uengershausen verwurzelt, bis auf zehn Jahre hat sie ihr gesamtes Leben in dem Dorf verbracht. Während sie sich ebenfalls eine rot-weiß karierte Schürze umbindet, redet sie mit Kerstin Schnabel über den Tag und über Organisatorisches, was noch erledigt werden muss. Die Mitarbeiter im Dorfladen pflegen ein freundschaftliches Verhältnis, bei Problemen wird jedem geholfen. „Die anderen verlassen sich auf dich. Wie bei einer Mannschaftssportart“, erklärt die Geschäftsführerin. Die Arbeit im Laden mache ihr Spaß, sie lerne viel und arbeite gerne mit Leuten zusammen. Dennoch sei es oftmals schwierig, gerade in den ersten beiden Jahren wäre die Zukunft des Ladens ungewiss gewesen. Zwar sei es jetzt besser, großen Gewinn würde der Laden trotzdem nicht erbringen. Das sei aber auch nicht die Absicht, denn in erster Linie diene der Laden der Nahversorgung der Bürger. „Ein mühsames Geschäft ist es schon“, gesteht Sigrid Kranz. Einer der Gründe dafür sind die Supermärkte in der Umgebung, denn in fünf bis zehn Kilometern Entfernung finden sich einige Einkaufsmöglichkeiten. „Man muss sich bewusst für den Einkauf im Dorfladen entscheiden“, sagt sie. Doch gerade für Senioren, Bewohner ohne Auto oder Eltern mit kleinen Kindern erleichtere der Dorfladen den Einkauf ungemein. Das bestätigt auch die Kundin, die mit ihrem kleinen Enkelsohn im Laden ist. Die beiden waren mit seinem Laufrad unterwegs und haben im Laden angehalten, weil er Hunger bekommen hat. Er steht auf der Handtaschenablage an der Kasse, damit er besser auf die Backwaren sehen kann. „Was möchtest du denn?“, fragt Sigrid Kranz den kleinen Jungen und mit leuchtenden Augen antwortet er: „Ein Hörnchen“.

Doch es geht nicht nur um das Sortiment, sondern auch um den sozialen Faktor. „Durch den Laden hat die Dorfgemeinschaft unheimlich gewonnen, man trifft sich hier“, erzählt Sigrid Kranz. Es sei ein sozialer Treffpunkt und helfe bei der Aufrechterhaltung des Dorflebens. Es gibt Gespräche über die Gesundheit, Kinder und Enkelkinder, bevorstehende Dorfprojekte und vieles mehr. Früher hatte man hierfür zwei Wirtschaften, beide wurden geschlossen. Dass das Dorf zusammen hält, merkt man an der Umgangsweise miteinander. Die Bewohner mit wenig Zeit werden vorgelassen, auf die Wünsche der Kunden wird eingegangen und den Bewohnern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht einkaufen können, wird die Bestellung auf Wunsch vorbei gefahren. Zudem identifizieren sich die Leute mit dem Dorfladen und bringen sich deswegen auch ein. „Es ist nicht der Laden einer bestimmten Person, sondern der der gesamten Dorfbevölkerung. Eben unser Laden“, sagt Sigrid Kranz stolz.

Das spiegelt sich auch in der Meinung der Kunden wider. „Es ist super, dass es so einen Laden im Dorf gibt. Ich versuche auch, alles im Laden zu kaufen, das ich brauche“, erzählt eine Einwohnerin. Es sei ein Segen für das Dorf und eine Bereicherung. Ein echter Dorfschatz. Ein anderer Gast fährt extra aus Reichenbach nach Uengershausen, um den Dorfladen mit seinem Einkauf zu unterstützen. „Außerdem finde ich das Persönliche schön. Sollte ich mich mal verspäten, wird mir meine Bestellung zur Not beiseite gelegt“, verrät ein weiterer Stammkunde. Man kennt sich eben in Uengershausen.

Während Sigrid Kranz die Bestellungen für den nächsten Tag beim Bäcker und beim Metzger aufgibt, tritt ein Mann ein. Horst Kohmann ist ehrenamtlicher Hausmeister des Ladens. Er holt sich einen Kaffee und nimmt in der Sitzecke Platz. Sein Blick wandert zur Eingangstür. Er seufzt gespielt auf und zeigt auf die unterste Schraube an der Ladentür, die nachgezogen werden muss: „Da hätte ich ja gleich mein Werkzeug mitbringen können!“ Horst Kohmann ist täglich im Laden, auch er ist seit der Eröffnung dabei. Er engangiert sich viel ehrenamtlich, vor allem hier. Es würde ihn ärgern, wenn es ihn nicht mehr gäbe. Aber man könne froh sein, dass so viele ehrenamtlich helfen würden, denn anders könne man den Laden gar nicht betreiben. Doch das Geschäft hilft nicht nur dem Dorf, jedes Jahr werden für eine andere Aktion Spenden gesammelt. „Wir wollen auch mal etwas für andere tun“, verkündet er.

Um 18 Uhr schließt der Laden. Sigrid Kranz macht die Kaffeemaschine sauber, während eine andere Helferin den Flur wischt und die Gläser spült. Abends seien sie immer zu zweit, erklären die beiden Frauen. Dann füllen sie die Regale auf, schauen die Lieferscheine durch und schließen die Kasse ab. Um 18.30 Uhr geht das Licht im Dorfladen aus. Für heute ist Feierabend.

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