Der Weg zur klaren Sicht

Optiker

Die Konkurrenz ist riesig. Brillen kann man mittlerweile in Drogeriemärkten und im Internet genauso kaufen wie in augenoptischen Fachgeschäften. Um die Kunden nicht an die Konkurrenz zu verlieren müssen sich mittelständische Handwerksbetriebe weiter entwickeln und einen Mehrwert bieten.

Von Julian Genheimer

Die verglaste Holztür, die ins Freie führt, öffnet sich einen Spalt und ein lautes „ding dong“ ertönt wie jedes Mal wenn ein Kunde den Laden betritt oder verlässt. Ein kleiner blonder Junge im Grundschulalter streckt seinen Kopf nach draußen. Er strahlt über das ganze Gesicht und springt die 5 Stufen des Treppenaufgangs mit einem Satz herunter. Nach der Landung fasst er sich erschrocken an die Nase und prüft ob seine neue, grasgrüne Brille noch da ist. Erleichtert dreht er sich zu seinen Eltern um. Die stehen noch in der Tür. „Wenn irgendetwas mit der Brille sein sollte, kommt ihr einfach wieder vorbei, ansonsten wünsche ich eine gute Sicht“, verabschiedet sich Alexander Schubert von der kleinen Familie. Der Augenoptikermeister ist der Inhaber von Optik Dreisbusch, einem 155 Jahre alten Traditionsunternehmen in Lohr am Main und hat den Jungen der Familie auf dem Weg zu seiner ersten Brille begleitet. Schubert wartet noch bis auch die Eltern des Kindes mit einem zufriedenen Lächeln die Stufen hinabgestiegen sind und schaut in die belebte Fußgängerzone. Schubert, der knapp über 40 Jahre alt ist trägt graue Sneakers und sein Pullover ist an den Armen leicht zurückgeschlagen. Er atmet kurz durch. Dann geht er wieder in sein Geschäft.

Das Licht im Verkaufsraum ist warm. Durch den Teppichboden hören sich die Schritte der umherstreifenden Kunden gedämpft an. Die Brillen sind auf Glasplatten in den hellen Holzregalen aufgereiht. In aktuellen Formen und Farben sind die Brillen ausgestellt. Schubert will den Kunden etwas bieten. Früher musste man sich am Brillenmarkt noch gegen einzelne lokale Fachgeschäfte durchzusetzen. Heute gibt es deutlich mehr Konkurrenz. Große Augenoptikketten mit ihren zahlreichen Filialen in Deutschland und großen Werbebudgets sind genau wie die vielen Onlinehändler dazugekommen. Sie beeinflussen natürlich auch seine Kundschaft. „Die Preise, die da teilweise für Brillen aufgerufen werden, sind verrückt“, findet Schubert. Er gehe diesen Trend nicht mit und wolle die Kunden weiterhin mit Qualität überzeugen, sie beraten und die Brillen individuell herstellen. Das koste dann natürlich auch ein bisschen mehr. Die Brillen in den Regalen sind größtenteils Halbfertigprodukte. Ausgewählte Hersteller liefern eine Fassung mit einfachen, durchsichtigen Kunststoffscheibchen ohne Stärke. Die endgültigen Gläser werden individuell angerfertigt und dann bei ihm im Betrieb in die Fassungen eingearbeitet. Die Fertigung der Brille auszulagern, wie es viele andere Optikbetriebe machen, komme für Schubert nicht in Frage. „Wenn sich Optiker Kosten für Personal, Arbeitszeit und Geräte einsparen wollen fällt als erstes die Werkstatt weg“, weiß Schubert. Nahezu den kompletten Prozess bei sich im Betrieb zu haben sei deshalb ein Wettbewerbsvorteil für sein kleines Geschäft.

„Ding dong“ Ein älterer Mann, der einen schwarzen Mantel bis zu den Schuhen trägt, betritt mit finsterer Miene das Geschäft. Eine junge Mitarbeiterin mit langen braunen Haaren begrüßt den Mann fröhlich. „Sie haben einen Termin zur Augenüberprüfung – richtig?“ Der Mann nickt und sein Blick wird freundlicher. Schon kommt Schubert dazu. Er führt den Herrn durch einen breiten Gang mit niedriger Holzdecke vom Verkaufs- in den Refraktionsraum in dem die Augen der Kunden vermessen werden. Hier setzt sich der Optikermeister auf einen kleinen Drehstuhl, während es sich der Senior auf einem großen schwarzen Ledersessel bequem macht. „Wie geht es denn Ihrer Enkelin“ fragt Schubert. Sofort fängt der Mann an zu erzählen. Schubert hört zu. Erst nach einigen Minuten setzt er dem Kunden die Refraktionsbrille auf und kann mit den Messungen beginnen. Von einer automatischen Messung mit einem Autorefraktometer hält Schubert wenig. „Das würde zwar schneller gehen, aber die Ergebnisse sind nicht zu 100% richtig.“ Er setzt auf die manuelle Messung und startet den Projektor. Dieser wirft drei Reihen mit kleiner werdenden Buchstaben auf die gegenüberliegende Wand. Schubert rollt mit seinem Hocker direkt neben den Kunden und setzt nacheinander rote, weiße und schwarze Messgläser in die Messbrille ein und fragt dann gezielt nach Veränderungen. Oft bekommt er keine klaren Antworten. „Vielleicht ein bisschen besser, aber wenn dann nur minimal“, beschreibt der Herr die Sicht auf die Buchstaben an der Wand. Trotzdem scheint Schubert mit den Informationen arbeiten zu können und notiert die Ergebnisse auf dem weißen Zettel in seiner Hand. „Mit der Brille liegen Sie jetzt mit beiden Augen zusammen bei einer Sehleistung von 100%“, erklärt Schubert. Diese Zahl steht dabei nicht für die maximal mögliche Sehleistung der Menschen, 100% ist eher ein guter Durchschnittswert. Für Menschen, die ohne Brille nur sehr eingeschränkt sehen können ist dieser Wert jedoch ein Erfolg.

Während der Mann wieder anfängt von seiner Enkelin zu erzählen steht Schubert auf. Er läuft an verschiedenen technischen Geräten vorbei. Das eine kann ein Bild von der Netzhaut der Kunden machen, ein anderes deren Augeninnendruck überprüfen. Beide braucht er heute nicht. Er öffnet stattdessen das Fenster und bittet den Mann mit der eingestellten Messbrille einen Blick in die Ferne zu wagen. Der Mann steht auf und referiert jetzt über die Universität, die seine Enkelin besucht. Erst als er seinen Kopf hebt um aus dem Fenster zu schauen verstummt er. Nach einiger Zeit platzt es aus ihm heraus. „Ich kann ja sogar den Kirchturm sehen.“ Schuberts Mundwinkeln gehen nach oben. Die Prüfung der Augen wird in seinem Betrieb nur von ihm selbst oder einer der beiden Meisterinnen durchgeführt. Man benötige für diese Aufgabe eine gute Ausbildung und viel Erfahrung. Selbst kleine Fehler bei der Messung können später zu schlechterer Sicht bei den Kunden führen. Schubert schließt das Fenster und verkündet dem Mann: „Jetzt müssen wir nur noch die Gläser bestellen und sie in die Brillenfassung einarbeiten. Dann sehen Sie wieder gut.“

Die Werkstatt liegt direkt neben dem Refraktionsraum. Ein grelles Licht leuchtet die drei Arbeitsplätze an den Tischen aus. Eine Mitarbeiterin kontrolliert die angelieferten Gläser mit einer Lupe auf deren Stärke sowie auf mögliche Beschädigungen und sortiert sie nach der Qualitätsprüfung zu den Auftragsboxen. Darin sind sowohl die ausgewählte Fassung des Kunden als auch ein Formular mit den Werten der Brillenstärke verstaut. Eine andere Mitarbeiterin nimmt eine der fertigen Boxen zu sich. Sie erklärt, dass die gelieferten Gläser ja noch viel zu groß seien und erst noch in die Fassung eingearbeitet werden müssen. Dafür klippt sie zunächst die Platzhalterscheibchen gekonnt mit zwei schnellen Handbewegungen aus der Fassung und legt das Gestell in den Tracer. Das Gerät fährt mit einer kleinen Nadel den inneren Brillenrand ab und überträgt sofort die genauen Werte für die passende Glasgröße in das eigene Softwareprogramm. Die Daten sind nun auch auf dem Schleifautomat, in dem die Mitarbeiterin ganz behutsam das Glas befestigt. Nach den ausgemessenen und hinterlegten Werten wird das Glas nun auf die richtige Größe geschliffen. Das daneben stehende Handschleifgerät wird trotzdem noch bei jeder einzelnen Brille verwendet. Die Frau schaltet das Gerät ein. Sie findet „es gehört einfach zu unserem Beruf dazu handwerklich zu arbeiten.“ Sie hat die Ausbildung unter Schuberts Anleitung gemacht und weiß worauf hier Wert gelegt wird. Es gehe darum genau zu arbeiten und dem Kunden ein Produkt zu liefern, das ihm gefällt und an dem er lange Freude hat. Sie setzt das fertig geschliffene Glas in die Fassung ein und prüft ob auf das Glas ein zu hoher Druck wirkt. Dann müsse sie nochmal mit der Hand nachschleifen.

Schubert, der schon den nächsten Kunden im Verkaufsraum bedient, kommt schnellen Schrittes in die Werkstatt. Das Brillengestell in seiner Hand wirkt wackelig. Er läuft zu einem der Tische, zieht mit einem kleinen Schraubenzieher die Schräubchen nach und erneuert bei der Gelegenheit noch die Nasenpads. Dann bringt er die Brille wieder zu seinem Träger.

Die drei Mitarbeiterinnen, die an diesem Tag arbeiten, unterhalten sich in der Werkstatt gerade über ein neues Restaurant als Schubert wieder zurückkommt. Er schaut auf die schwarze Uhr an der Wand. „Gute Idee! Wir könnten auch mal was essen“, stellt Schubert fest. Sie setzen sich wie jeden Nachmittag an einen kleinen Tisch in der Ecke der Werkstatt. Zusammen trinken sie Kaffee und essen eine Kleinigkeit. Als Schubert gerade in ein Stück Streuselkuchen beißen will, ertönt ein lautes „ding dong“. Schubert legt das süße Teilchen beiseite. Er lächelt, steht auf und macht sich auf den Weg zu seinem nächsten Kunden.

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