Hier dreht sich alles um den Klang

Drechsler Pixabay

Wolfgang Miller verleiht dem Holz eine Stimme. Er übt einen der ältesten Handwerksberufe der Welt aus und sieht dabei aus als würde er leidenschaftlich Geige spielen. Eine Auszeichnung verschafft dem Drechslermeister und seinen Kollegen Gehör.

Von Louisa Krüger

Maßbach – Es ist 12:29 als Wolfgang Miller mit einem Karton unter dem linken Arm die Tür zur Werkstatt aufschließt. An der Klingel pappt ein gelber Klebezettel auf dem in roter Handschrift steht: 12-13 Uhr Mittagspause. Die Farbe ist verblasst und ein wenig verlaufen von der nasskalten Luft, die auch heute durch Maßbach zieht. In der Werkstatt ist es warm, der Duft der Holzspäne ist klar. Geborgenheit liegt in der Luft. Durch die Holztür mit dem Fenster geht der Mann vorbei an den kniehohen Spielkegeln, die Treppe hinauf. Oben angekommen wird er begrüßt von sieben oder acht großen Holzkugeln, so groß wie Medizinbälle. Sie lauern auf einem rotgemusterten Orientteppich. Bewacht werden sie von den alten Balken, die dem Fachwerk eine Stütze geben. Auf jedem Balken steht ein Modellschiff. An der langen Wand stehen zwei Sessel mit geflochtenen Armlehnen, dazwischen eine beige Lampe mit Stoffbommeln, wie man sie von früher kennt. Auf einem der Sessel hat ein Kontrabass Platz genommen, wie ein alter Mann, der sich kurz ausruhen will. Sein Hals und der Wirbelkasten sind abgebrochen.

„Ich setze erst einmal Kaffee auf“, kündigt Wolfgang Miller an und stellt den Karton auf den Tisch. Darin enthalten sind einige seiner Drechselstücke. Und wohin man im Raum auch blickt, in jeder Ecke findet man ein Kunstwerk oder handgedrehte Alltagsgegenstände. Sogar die Türgriffe hat der Drechslermeister selbst hergestellt. „Jeder Griff ist unterschiedlich“, kommentiert Miller, als er mit einer dampfenden Kaffeekanne zurückkommt. Sein heller Bart läuft spitz zu, die kinnlangen, graumelierten Haare hat er hinter die Ohren gestrichen. Unter dem bunten Strickpullover trägt er ein dunkelblaues Hemd.

Leidenschaft zur Lehre

Bis zum Mittag war der Unterfranke in Bad Kissingen, wo er als Fachlehrer in der Berufsschule jungen Menschen seine Passion näherbringt. Die Kiste soll den Schülern zeigen, wie vielseitig dieser sein kann. Zuerst greift er nach einer großen Sanduhr, die von vier identischen Holzsäulen umzingelt ist, und stellt sie neben ein Tablett. Die Kreisel legt er zwischen Musiknoten und Kaffeetasse ab. Dann nimmt er das Rennauto, das etwas größer ist als seine Hand, heraus und schiebt es auf dem Tisch vor und zurück. „Wichtig ist das Gefühl für die Formgebung“, lässt Miller wissen und hält das Fahrzeug kopfüber in die Luft, „der Fahrer darf nicht herausfallen“. Er meint damit die Holzkugel, die er vorher noch leicht aus dem Sitz nehmen konnte. Die Holzmaserung wirkt, als hätte der Rennfahrer einen roten Helm auf. Oder als wäre ihm das Blut in den Kopf gelaufen.

Drechsler tauchen tief in das Holz ein, meint Miller und so liegt es nicht fern, dass diese Form der Holzverarbeitung neben serieller Produktion auch Kunsthandwerk zulässt. Millers Drechslerei in Maßbach versucht die gute Formgebung auch in Masse zu produzieren. Vom Einzelstück bis zu einer Serie mit 5000 Teilen stemmt der Drechslermeister die Aufträge gemeinsam mit seinem Angestellten Michael, der mittlerweile von der Mittagspause zurück ist. Man hört, welchen Weg der durch die Werkstatt im Erdgeschoss nimmt und dabei die Maschinen einschaltet.

Vieles wird heute von elektronisch gesteuerten Werkzeugmaschinen hergestellt. Den Prototypen fertigt Miller traditionell auf der Handdrechselbank an. Er greift erneut in den Karton und holt eine schöne Holzschatulle hervor. Im dunklen Holz sieht man eine geschwungene Einkerbung, die wiederum lila gefärbt ist. „Amaranthholz dunkelt im Licht nach“, verrät der Drechsler und nimmt den Deckel ab. Plopp. Ein saugendes Geräusch beweist, mit welcher Genauigkeit die Dose gedreht wurde. „Das Gefühl dafür kann man nicht berechnen“, wirft Miller ein und dreht sich in Richtung des Spinetts, das in der Dachschräge seinen Platz hat. „Und deswegen ist ein bisschen Musik dabei gar nicht so verkehrt“, sagt er und spielt ein paar Töne auf dem Instrument.

Was und für wen der Handwerksbetrieb produziert? Zu den Stammkunden zählen Firmen und Geschäfte, die beispielsweise Modelle für den Chemie- und Physikunterricht verkaufen. Aber auch Zubehör für eine ökologische Erklärung werden in hohen Stückzahlen hergestellt. Heute arbeitet Michael an Getreidetrichern für Mühlen, die mithilfe der CNC-Maschine nach Vorlage gedrechselt werden.

Für den groben Zuschnitt ist hier im „Werk Süd“ kein Platz. Über den Hof gelangt Miller in das Wohnhaus, oder wie er es nennt „Werk Nord“. Früher habe der Schwiegervater hier eine Scheune gehabt, durch die er vom Hof aus auf die Felder fahren konnte. Die Durchfahrt ist heute Lager und Werkstatt zugleich. Das hell gestrichene Fachwerkhaus mit den goldgelben Balken und den blauen Fensterrahmen war früher Wohnhaus, bevor Wolfgang und seine Frau Margit es zur Werkstatt umbauten. Sogar die Fensterkreuze sind liebevoll selbstgedreht. Gewerkelt wird im Erdgeschoss des Fachwerkhauses. „Das ist meine Lieblingsdrehbank“, schwärmt der Handwerker und zeigt auf die historische Eisenbahnschiene, auf der das Werkzeug verschraubt ist. Hier entstehen all die Prototypen, die später maschinell gedreht werden. Manches lässt sich jedoch nicht automatisiert herstellen.

Automatisierung ist nicht alles

Ein Spielzeuganhänger für Feuerwehrautos mit abgeplatztem Lack liegt auf der Werkbank. Miller soll die Kotflügel erneuern. Er greift zu einem grünen Kittel und schlüpft hinein. „Den gibt es schon seit meinem ersten Lehrjahr“, berichtet der 55-Jährige. Mit der Messzange stellt er Durchmesser und Wanddicke fest. Die vorher zugeschnittenen Scheiben steckt er in die Drehmaschine. Konzentriert blickt Miller durch die Gläser seiner braunen Hornbrille und schaltet die Maschine ein, berührt mit einem Bleistift einen Augenblick lang das Holz. Als er die Maschine wieder ausstellt, erkennt man eine akkurate Linie auf der Scheibe.

Von der Werkbank aus kann man auf die Straße und das Kopfsteinpflaster sehen. Draußen läuft ein kleiner Junge mit grauer Steppjacke und weißen Schuhen vorbei. Seine Wangen sind rot von der kalten Luft und in der Hand hält er einen Pappteller mit Folie eingeschlagen. Vielleicht Kuchen. „Manchmal schaue ich hier aus dem Fenster und beobachte die Dorfbewohner“, gibt Miller scherzend zu, der jetzt zum Stechbeitel greift, um die Kotflügel zu drehen. Er schaltet die Maschine ein und setzt die Klinge auf das Holz. Die Holzspäne wirbeln durch die Luft. Fast als würde er eine Geige spielen bewegt er seine Finger entlang der Drehbank, um das Holz zu bearbeiten aber auch um sich vor den Spänen zu schützen.

Wie dick die Wand der Karosserieteile werden darf, „das hört man“, sagt der Drechslermeister. Je tiefer er mit seinen Messern in das Holz eindringt, umso klarer wird das Geräusch. „Wir haben nicht mehr viel Material“, erklärt er. Die fertigen Teile schleift er mit einer speziellen Wolle. Viel weicher als man sie für Heimarbeiten benutzen würde. Die alten Kotflügel steckt er in eine Plastiktüte, während die neuen ungewohnt an dem alten Fahrzeug wirken. Eingefärbt werden Holzteile bei Miller traditionell in der Lackiertrommel.

Generell ist der Selbstständige fasziniert vom Ursprünglichen. Oftmals hebt er besondere Späne oder Holzschnitte mit außergewöhnlicher Musterung auf. In dem Raum zwischen Werkstatt und den Treppen, die zum Dachboden mit dem Kontrabass führen, bewahrt er vieles auf. Er hält etwas in die Luft, so lang wie ein Arm, das aussieht wie die Feder eines exotischen Vogels. „Ein Holzspan, der nur bei ganz bestimmten Arbeiten entsteht“, stellt Miller ihn stolz vor. Lebendigkeit ist das Stichwort seiner Arbeit, sagt er.

Dass die Drechsler aussterben? Davon will der stellvertretende Vorstand des deutschen Drechslerverbandes nichts wissen. Obwohl die Berufsgruppe klein sei, solle wieder mehr Standesbewusstsein entstehen. Die Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco ist ein großer Schritt für Miller. „Stellen Sie sich ein Feld voller wunderschöner Blumen vor. Manche von ihnen brauchen eine spezielle Pflege“, vergleicht er das Drechslerhandwerk mit anderen Berufen, „wir sind sozusagen die Orchidee unter den Handwerken“.

Als es draußen allmählich dunkel wird, räumt Miller Kreisel, Auto und Schmuckdose zurück in den Karton. Der helle Sand in der Uhr ist längst durch das Glas geronnen. „Ich weiß noch immer nicht, wie lange sie wirklich läuft“, gibt er dabei zu und dreht sie noch einmal um.

Informationen:

Die Drechslerei Miller wurde im Jahr 1745 gegründet. Wolfgang Miller ist stellvertretender Vorstand des Verbandes des Deutschen Drechsler- und Holzspielzeugmacherhandwerks. Nach zweijährigen Bemühungen des Drechslermeisters wurde das Handwerk im März 2018 als immaterielles Kulturerbe in das Verzeichnis des Freistaates Bayern aufgenommen. Im Dezember 2018 beschloss das UNESCO-Expertenkomitee in Berlin die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis. Das Handwerk ist damit eine von 97 hier eingetragenen lebendigen Kulturformen.

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