Die Gaststätte am Rande der Stadt

Waldgaststätte

Am äußersten Ende von Schweinfurt und am Rande von Üchtelhausen, genau da wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, befindet sich die Waldgaststätte Üchtelhausen. Wieso man gerade hier ein griechisches Lokal vorfindet und ob das funktionieren kann, weiß Besitzerin Kyriaki Symeonidou.

Von Melanie Marquard

Trotz wolkenverhangenem Himmel, den kleinen, nadelstichartig herunterprasselnden Sprenkeln von oben und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt findet der wöchentliche Sonntagsspaziergang durch den Tierpark statt. Beim anschließenden Fußmarsch durch den angrenzenden Wald melden sich langsam aber sicher die ersten Mägen mit lautem Wehklagen zu Wort: Es wird Zeit, auf die Jagd nach Futter zu gehen. Doch wohin des Weges, wenn der Park schon seit über fünfhundert Schritten zu Ende ist und rund um einen herum nur die Wahl zwischen moosbewachsenen Baumrinden, frischen Tannenzapfen oder welken Blättern bleibt? Kurz bevor letztendlich alle Sinne den Schalter auf „verhungert“ und „SOS“ umlegen, lugt ein vielversprechendes weißes Schild mit bekanntem Bier Logo am Waldesrand hervor.

Das kann nur eines bedeuten. Ohne weiter darüber nachzudenken schwebt der Körper wie auf Autopilot direkt am mit Kies aufgefüllten, leeren Parkplatz und dem an diesem Tag eher trostlos im grau der Kulisse verschwommenen Fußballfeld vorbei. Über der dunkelrot umrandeten, grauen Tür lässt sich in roten Lettern auf weißem Hintergrund der Name „Waldgaststätte“ entziffern. Nach durchschreiten der Pforte und dem Zwischengang, geschmückt mit einem Glaskasten voller Ankündigungen des ortsansässigen Sportvereins, empfängt einen schon ein angenehmes Eau de Parfum der Marke Kalamari und Gyros. Der Raum ist in warmes Licht getaucht, die Besucher an den beiden besetzten Tischen sehen kurz auf, nicken zum Gruß und vertiefen sich dann wieder in ihre privaten Gespräche. Kurz bevor die erwartungsvoll lächelnde, junge Dame mit dem langen dunklen Haar und dem perfekt geschwungenen Lidstrich schließlich ihre herzliche Begrüßung ausspricht, gibt der Bauch mit einem freudigen grummeln auch schon seine Einverständniserklärung für diese Lokalität.

Schon kurze Zeit nach der Platzzuweisung zeigt sich die Besitzerin und Köchin Kyriaki Symeonidou selbst im Gastraum ihres Lokals. Bekannt ist sie hier unter dem Namen Kula. Mit einem Lächeln auf den Lippen und trotz stressigen Vorbereitungen strahlenden Teint, begrüßt sie die anwesenden Gäste mit persönlichen Worten.Wie wichtig ihr die Beziehung zu ihren Kunden ist, wird schnell deutlich. Jede freie Minute, die nicht beim Vorbereiten, Kochen oder Servieren verbracht wird, nimmt die Chefin sich Zeit für ihre Gäste, setzt sich auch gerne mal mit an den Tisch. Die Gesprächsthemen gehen von „Hallo und wie geht’s?“ bis hin zum Austausch privater Probleme. Es wirkt wie eine eigene kleine Welt, in der sich selbst Neuankömmlinge sofort aufgenommen und ein Stück weit zuhause fühlen. Selbst am Abend, wenn die Hütte brechend voll ist, ist das keine Ausnahme.

Stammkunden und Sonntagsgäste

Laut Kula besteht die Kundschaft zum größten Teil aus Stammkunden, die teilweise sogar täglich vorbeikommen. Von außerhalb hingegen verirrt sich eher selten jemand hier her. Diese Tatsache ist neben der ländlichen Lage am Waldesrand wohl auch zum Teil dem fehlenden Internetauftritt und Auffindbarkeit über die gängigen Suchmaschinen geschuldet. Eine Facebook-Fan-Seite gibt es, so Tochter Nula, der letzte Beitrag dort ist allerdings schon ein paar Jahre her. „Das ist uns durchaus bewusst, Facebook spielt dabei auch nicht eine so große Rolle, es ist mehr eine nette Ergänzung – wichtiger wäre es, uns über Google finden zu können“. Allerdings fehle dazu momentan noch die Zeit, sich mit der Thematik auseinander zu setzen.

An diesem Sonntagnachmittag hält sich der Ansturm in Grenzen – nur wenige der massiven, hellen Eichentische und rustikalen, gepolsterten Holzbänke- und Stühle sind besetzt. Was zum einen wohl der Lage, dem Wetter aber vor allem den nahenden Feiertagen geschuldet ist. Laut Kula gilt Sonntag ansonsten als Besucherstärkster Tag der Woche. An solchen Tagen stößt sie oft an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Besonders im Sommer, wenn außer den üblichen Verdächtigen noch diverse Wandergruppen auf der Terrasse einkehren und sich bewirten lassen, ist jede helfende Hand Gold wert. Selbst zwei ihrer Kinder, Sohn Vassili und Tochter Nula, welche auch heute wieder bedienen hilft, sind für sie in diesem Zusammenhang eine ungemein große Hilfe. Obwohl beide hauptberuflich eigentlich anderen Tätigkeiten nachgehen, findet man sie so oft wie ihnen möglich ist bei ihrer Mutter mit anpacken. „Ich weiß das sehr zu schätzen“, betont diese mit festem Blick. Gerade zu Zeiten wo jedoch beide nicht vor Ort sein können, oder wieder unerwartet großer Ansturm herrscht, ist es die wohl größte Herausforderung, weitere qualifizierte Aushilfen für den Betrieb zu finden.

Aus diesen Gründen wurden in den letzten Jahren insgesamt zwei weitere Mitarbeiterinnen in der Küche eingestellt. Zwischendurch greifen ihr Bekannte mit unter die Arme. Dies erleichtert die Arbeit für Kula an jenen überlaufenen Tagen enorm. Heute wirken die Mitarbeiterinnen eher verloren in dem fast leeren, mit Orchideen statt einer überdimensional großen Aphrodite-Statue oder Marmorsäulen geschmückten Gastraum. Stattdessen vertreiben sie sich die Zeit mit Vorbereitungen in der Küche, Pausen beim gemeinsamen Beisammensitzen oder Gesprächen mit den Gästen „Es ist einfach nicht planbar – hat man Personal vor Ort, kommen keine Gäste, ist keiner da, kommen alle“, fasst Kula die Situation mit einem resignierten Schulterzucken zusammen.

Rushhour am Samstagabend

Diese Prophezeiung bewahrheitet sich schon beim nächsten Besuch an einem Samstagabend: Bereits an der Parkplatzsituation vor dem Lokal lässt sich schnell erkennen, dass sich im Inneren eine andere Szenerie abspielen wird. Der Gastraum ist diesmal bis ins letzte Eck voll besetzt und die unterschiedlichsten Stimmen und Gesprächsfetzen kommen einem entgegen, während Olly Murs im Hintergrund gelegentliche Herzaussetzer besingt. Doch weder die Chefin selbst, noch ihr Team lassen sich zu irgendeinem Zeitpunkt anmerken, wie viel Arbeit hier gefordert ist.

Nachdem die Bestellung von Nula per Gedächtnis aufgenommen wurde und die schwierigste Zeit für den knurrenden Begleiter Bauch beginnt, öffnet sich die graue Schwingtür mit dem roten Griff immer wieder und spuckt weitere Besucher aus, beziehungsweise lässt die zuvor verschwundenen Freunde des Glimmstängels wieder hinein. Begrüßt wird jeder bekannte Neuankömmling mit Namen und individuellen Floskeln. Mehrmals wechselt zudem die obligatorische, dünne Plastiktüte voll mit weißen, warmen Styroporbehältern nach einem kleinen Pläuschchen an der Theke die Besitzer. Die Gäste, die vor Ort essen, gesellen sich ohne großes Gerede zu einem bereits bewohnten Platz hinzu oder steuern zielgerichtet den gewohnten Stammtisch an. Rings um die Bestuhlung sind Pokale der Fußball-, Faustball-, oder Korbballspieler auf jeder freien Ablagefläche positioniert. Von den Wänden blicken einen die vielen Gesichter der Sportmannschaften der DJK oder des Turnvereins aus vergangenen Zeiten an. Wer hier aufgewachsen ist, erkennt mit Sicherheit ein paar dieser Leute wieder.

Auf den Tellern an den Nebentischen liegen wider Erwarten eher runde, mit Käse belegte, italienische Teigspezialitäten oder dünne, panierte Fleischstücke mit frittierten Kartoffelstäbchen. Laut Nula impliziert „ein Besuch beim Griechen zwar meistens, dass man auch griechisch isst“, doch hier ist auch für andere Geschmäcker vorgesorgt: 16 Pizzavariationen und sieben verschiedene Schnitzelsorten stehen neben typisch griechischer Küche auf der Speisekarte und lassen dem Gast die Qual der Wahl.

Die Gaststätte als Lebenstraums

Früher oder später kommt die Frage auf, wie es dazu kam, dass die tüchtige Geschäftsfrau gerade dieses Lokal mitten im nirgendwo für einen ohnehin stressigen Alltag als Gastronomin auserkoren hat.

Die Grundlage dafür wurde schon vor längerem gelegt: „Schon als kleines Mädchen habe ich gerne gekocht“, schwelgt Kula mit leuchtenden Augen in Erinnerung. Ein Grund für den unüblichen Standort ist zudem die Vergangenheit von Kula mit der Ortschaft Üchtelhausen. Nachdem sie vor 30 Jahren aus Griechenland nach Deutschland kam, hat sie ihre ersten beruflichen Erfahrungen in der Gastronomie nämlich genau hier gesammelt – allerdings in der Wirtschaft eine Etage tiefer, kurz vorm Tal des Dorfes. Hier hat sie neun Jahre lang den Ort und seine Leute kennen und lieben gelernt. Nachdem sie anschließend viele Jahre Erfahrungen in den Küchen anderer Betriebe gesammelt hat, war die Aufgabe des Vorbesitzers der Waldgaststätte wie ein Zeichen von oben. „Jetzt oder nie“ dachte sich die motivierte Köchin 2013 und beschloss sich ihren Traum vom eigenen Lokal genau hier zu verwirklichen und somit zu ihren Wurzeln nach Stücht zurückzukehren.

Der Besuch der Waldgaststätte zeigt neben einem vollem und nicht länger unzufrieden rumorenden Bauch und mehr Wärme ums Herz an einem so tristen Tag, dass selbst ein abgelegenes Lokal funktionieren kann. Wichtig sind letztlich der Kontakt und die Beziehung zu den Menschen. Selbst in einer Großteils digitalisierten Welt, wie sie im Jahre 2019 Realität ist, kommt es am Ende auf diese Werte besonders an. Google und Co. würden wohl nicht Schaden und die Lokalität über die Ortsgrenzen von Üchtelhausen weiter bekannt machen, sind aber nicht essentiell für das Überleben in der Gastronomie. Wichtig ist, was die Menschen darüber erzählen, unabhängig ob im Offline-Gespräch oder auf einer Online-Plattform.

Es ist gegen 24 Uhr an diesem Samstag, als der letzte aus der „schon etwas zu tief ins Glas geschaut“- Fraktion hinaus in die finstere Nacht verschwindet. Kulas Crew hat bis dahin die Zutaten ordnungsgemäß an ihrem Platz verstaut, das Fleisch und den Salat kühlgestellt, den kompliziert zu reinigenden Boden geschrubbt und den Gastraum für den Sonntagsbetrieb vorbereitet. Geöffnet wäre bis 22 Uhr gewesen. So ist das nun mal in der Gastronomie. „Man muss das lieben“, blickt Kula müde und zufrieden auf den Tag und die Entscheidung hier ihr eigenes Lokal zu eröffnen zurück. Und das tut sie.

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