Alles nur Theater

Mainfranken-Theater

Was passiert hinter den Kulissen eines Theaterstücks? Ein Tag in der Arbeit einer Maskenbildnerin am Mainfranken Theater.

von Jorid Meya

Es ist eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Sophie Neurohr muss dringend noch Pers Halbglatze nachmalen.

Noch ist nicht viel los in der Solomaske des Mainfranken Theaters in Würzburg. Die drei großen Schminktische, eine Armee aus säuberlich aufgereihten Perückenköpfen und die diversen Fotos an der Wand verraten aber, dass das nicht mehr lang so bleiben wird. Es riecht ein wenig nach Lösungsmitteln und nach Kleber – und nach der Farbe, die Sophie Neurohr jetzt auf die Perücke mit grauem Haarkranz aufträgt, die zum Kostüm für Glatzen-Per gehört. Heute wird Ronja Räubertochter aufgeführt. Das heißt, es gibt viel Schmutz für Gesichter, zerraufte Frisuren und manchmal auch Rouge, wenn der Charakter noch jung ist.

Neurohr ist im dritten Jahr ihrer Ausbildung zur Maskenbildnerin. Zusammen mit zehn anderen sorgt sie dafür, dass toupierte Achtzigerjahre-Tollen an Ort und Stelle bleiben, Schauspieler in die Kostüme finden und zum Alter der Rolle passen. So wie bei Glatzen-Per, dessen Darsteller jetzt vor dem beleuchteten Spiegel sitzt und sich ein Haarband umlegen lässt. Während Neurohr zügig zweireihige Augenringe, weiße Augenbrauen, Stirnfurchen und hohle Wangen schminkt, unterhält sie sich mit dem Darsteller. Von einer fremden Person geschminkt zu werden, scheint Glatzen-Per nicht zu irritieren. Oder davon abzuhalten, zwischendurch „morning has broken“ anzustimmen. Neurohr muss aber trotzdem manchmal unterbrechen, um die Augenpartie schminken zu können: „Guck mal nach oben.“ Mit dem Gefrotzel der Schauspieler kann sie gut mithalten. Die Perücke wird anschließend mithilfe einschüchternd großer Haarnadeln und Kleber auf Harzbasis angebracht und zurecht gezuppelt. Weiter gehts.

Beim Ankleben der Flechtzöpfchen für die nächste Perücke erzählt Neurohr, dass ihr der Beruf gut gefällt: „Ich hatte nie einen Tag, an dem ich keine Lust hatte“. Nachdem das Mikrofon des Schauspielers mit Pflastern im Nacken fixiert wurde, kann es weitergehen. Ab und an knackt ein Lautsprecher, um Regieanweisungen weiterzugeben. Erste Schauspieler verlassen die Solomaske, um sich in Stellung zu bringen.

Während Neurohr Birk rote Wangen und Lidstrich zaubert, kommen immer wieder Statisten herein, die für ihre Rollen nichts weiter als ein wenig Ruß im Gesicht brauchen. Das lässt sich mit ein Wenig dunklem Lidschatten bewerkstelligen. Muss der ganze Körper bemalt werden, wie manchmal bei Ballettaufführungen oder der „Schönen Helena“, nutzt sie Bodypuder. Besonderen Spaß machen Make-up und Kostüme, die umfangreicher sind: „je aufwändiger, desto besser.“ Solche Kostüme finden vor allem bei Märchen Einsatz, aber auch bei Opern. Für Pinocchio hat Neurohr beispielsweise einen Katzenkopf nach Vorlage umgesetzt, der dann anschließend als Maske getragen werden konnte.

Gleich geht es los

Kurz vor neun: die Schauspieler sind ausgerüstet, das Stück kann losgehen. Damit hat Neurohr allerdings noch nicht Feierabend. Ausgestattet mit Abschminkprodukten und Taschentüchern kommt sie mit hinter die Bühne. Für etwaige Kostümwechsel während des Stücks sind eigentlich Ausstatter zuständig, beim Kopfbereich helfen die Maskenbildner aber manchmal mit: Beispielsweise, wenn Birk Kunstblut am Hals braucht. Oder dann, wenn sich das Pflaster gelöst hat und das Mikrophon gleich mit. In den kurzen Momenten zwischen den Szenen schlüpfen Darsteller in schmalen, dunklen Gängen neben der Bühne von Räuberhäuptlings- in Gnomkostüme, um sich anschließend in vermenschlichte Krähen zu verwandeln. Inmitten von Knieschonern und Reifröcken bleibt aber auch Zeit für kurze Zeit für Scherze über den letzten Auftritt.

Zwischen der ersten und der zweiten Vorstellung sind 40 Minuten Pause, die Neurohr nutzt, um eine weitere Schicht Puder aufzutragen, die Pflaster zu erneuern und Perücken nachzubessern.

Nach der Vorstellung ist vor der Vorstellung

Nach der letzten Aufführung von Ronja Räubertochter geht es direkt weiter. Die Schauspieler müssen wieder abgeschminkt, die Figuren wieder in Personen verwandelt werden. Neurohr, die etwa drei Solisten pro Tag schminkt, stellt einen  großer Unterschied zwischen Bühnenpräsenz und Privatperson fest. Manche könnten sich für den Part, den sie spielen, fast komplett verwandeln. „Aber man nimmt von sich auch immer was mit“. Wer sich räumlich so nah sei wie Maskenbildnerin und Geschminkter, lerne sich fast zwangsläufig gut kennen. Wie es dem Gegenüber geht, ob er oder sie entspannt sei und die letzte Nacht genügend Schlaf bekommen habe, bekomme man automatisch mit. Das kann helfen, um Freundschaften aufzubauen und mit den eigenen Gefühlen offen umzugehen, schließlich ist Theater laut Neurohr ein „sehr emotionaler Ort“. Zu persönlich sollte man Stimmungen und das „wahre Leben“, das zwischen dem „ganzen Geschminke“stattfindet, aber nicht nehmen.

Und auch Glatzen-Pers Frisur wird wieder verwandelt. Nachdem die Perücken verwendet wurden, müssen sie wieder hergerichtet werden – so wie normales Haar. Oben im Maskenraum behandelt eine Kollegin eine Herrenfrisur mit dem Lockenstab. Hier zeigt sich, wie sehr Maskenbildnerei ein traditionelles Handwerk ist: Die Frisuren werden noch mit Brennscheren gerichtet, die dafür im Ofen erwärmt werden. Und auch die Haarteile werden noch händisch hergestellt, indem einzelne Haare in ein Netz aus Tüll geknüpft werden. Obwohl sich im Formenbau, beispielsweise bei der Modellierung von Köpfen oder der Erstellung exakter Replika, viel getan hat, bleiben die Grundsätze der Maskenbilderei gleich. Weil sich die Bühnenwirkung, der Abstand zum Publikum nicht verändert habe. Die Erstellung von Perücken macht neben den Vorstellungen und dem Gipsraum Neurohrs Haupttätigkeiten aus. An diesem Nachmittag arbeitet Neurohr unter anderem an dem Kopfputz und an der Perücke, den sie bei ihrer Abschlussprüfung vorstellen muss.

Maskenbildung ist ein „verrückter Beruf“, erzählt Neurohr, das Theater ein „eigenes kleines Universum“. Die Arbeitszeiten schwanken stark, die Tätigkeiten wechseln oft. Das macht die Ausbildung interessant, schlaucht aber auch. Durch die Ausbildung hat sich Neurohrs Bild vom Theater aber nicht verschlechtert, im Gegenteil. Der Blick hinter die Kulissen – bildlich wie buchstäblich – hat ihre langjährige Begeisterung noch befeuert.

Halb Fünf. Neurohr ist fertig für heute. Morgen früh um acht wird sie wieder in der Maske stehen. Und Personen in Figuren verwandeln.

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