Festtage der Demokratie

Auszählung im Wahllokal (Foto: Anne Stegner)

Zu jeder Wahl werden von neuem verzweifelt fleißige Wahlhelfer gesucht. Ohne sie könnten keine demokratischen Wahlen stattfinden. Doch wie verläuft so ein Wahltag im Wahllokal überhaupt und welche Menschen stecken hinter der Organisation und Überwachung? Eine Beobachtung

von Anne Stegner

„Wahltage sind Festtage der Demokratie“, so startet der scheidende Bundespräsident Norbert Lammert einen Videoclip, indem er Wahlhelfer für die Bundestagswahl anwirbt. Die Familie Würth nimmt das wörtlich. Schon um 6 Uhr morgens beginnt der Sonntag für Bernhard Würth, Ehefrau Sabine, Tochter Stefanie, ihren Ehemann Alexander und Enkelsohn Leon. Festlich herausgeputzt wird es gerade hell, als die fleißigen Helfer um 7.30 Uhr die Treppen zum katholischen Pfarramt „Heilige Familie“ hinaufsteigen. Die Straßen sind noch wie leer gefegt – nur ein älterer Herr ist unterwegs und befestigt ein Schild: Wahllokal 117, Würzburg

Zwischen Stühlen, Tischen, Kartons und Hinweisschildern begrüßt Bernhard die Wahlhelfer. Er ist der Wahlvorstand des Stimmbezirks. Vor ihm auf dem Tisch liegt die Geschäftsanweisung für Wahlvorstände. Doch diese braucht der sich seit 30 Jahren im Dienst befindende Beamte nicht. Er hat bereits an mehr als 20 Wahlen in den vergangenen 30 Jahren mitgewirkt. Als Angestellter im öffentlichen Dienst wurde er durch Kollegen auf das Ehrenamt aufmerksam. Diese Verantwortung übernahm er wie weitere hundert Wahlhelfer in der Stadt gerne und begeisterte mit der Zeit seine ganze Familie dafür. In 20 Minuten muss das Wahllokal geöffnet sein. Tische werden gerückt, drei Wahlkabinen aufgestellt, Hinweisschilder und Musterstimmzettel aufgehängt. Leon befestigt mit Schnüren die Stifte an den Tischen der Wahlkabinen. Hektisch blättert Bernhard jetzt in den Unterlagen und prüft alles auf Vollständigkeit.

Briefwahlrekord

Es ist kurz vor acht Uhr, jetzt heißt es schnell die Aufgaben verteilen. Bernhard ist Schriftführer und hakt im Wahlverzeichnis ab, wer gewählt hat. Sabine sammelt die Wahlberechtigungskarten ein. Stefanie und Alexander geben die Stimmzettel aus. „Ich bin Verantwortlicher für die Bleistifte in den Kabinen“, freut sich Leon. Für Nachfragen bleibt keine Zeit, das Wahllokal wird geöffnet.

In der ersten Stunde wollen nur rund 20 Wähler ihre Stimme abgeben, zwischendurch ist mal Zeit, das Wählerverzeichnis durchzugehen. Insgesamt 744 Wahlberechtigte wurden dem Stimmbezirk zugeteilt. Davon haben 340 einen Sperrvermerk, da sie die Briefwahlunterlagen angefordert haben. Im gesamten Bezirk Würzburg gibt es von rund 106.774 Wahlberechtigten 83.553 Briefwähler zur vergangenen Bundestagswahl. In ganz Deutschland hat laut Schätzungen jeder Dritte von den 61,7 Millionen Wahlberechtigten Briefwahl beantragt. Der Briefwahlrekord macht sich auch in unserem Wahllokal bemerkbar. So erwarten wir an diesem Tag nur noch 404 Wähler. Bernhard erzählt, dass in den Neunziger Jahren die Briefwahl‐Nutzer gerade mal 10 Prozent der gesamten Wählerschaft ausgemacht haben. Bei der Bundestagswahl 2013 hat jeder vierte Wähler auf diesem Weg vor dem Wahltag abgestimmt. Dieses Jahr wird damit gerechnet, dass circa 30 Prozent der Wählerschaft ihr Kreuz zu Hause gesetzt haben. Der Wahlforscher und Wissenschaftler der Universität Mannheim Rüdiger Schmitt‐Beck sieht die Entwicklungen als Ausdruck der Individualisierung der Gesellschaft. Auch Bequemlichkeit und Effizienz sind nach Schmitt-­Becks Einschätzung Motive für die Briefwahl. Urlaubsaufenthalte und die körperliche Gebrechlichkeit der Älterwerdenden sind durch die Briefwahl kein Hindernis mehr dafür, politisch mitzubestimmen.

„Wer wird Millionär“-Gewinner und Käsekuchen

Es sind viele junge Familien, die bei uns im Frau-­Holle‐Weg ihre Kreuze setzen. Die Kinder bringen sie natürlich mit. „Haben sie vielleicht noch ein paar Farbstifte, mein Sohnemann macht lieber bunte Kreuze“, scherzt ein Papa der seinen Kleinen auf der Schulter trägt. Ein Junge in Latzhosen möchte die Wahltonne als Abfalleimer für die Bananenschale nutzen. „Mama was machst du da?“, frägt ein kleines Mädchen als sie neben ihrer Mutter in der Wahlkabine steht. Mit einer rosa Bommel‐Mütze auf dem Kopf schaut sie kritisch: „Und warum machst du das?“ Als Belohnung für die Kleinen hat Sabine extra Süßigkeiten mitgebracht, die dankend verputzt werden. Als es gerade etwas ruhiger ist, versorgt Sabine uns alle mit festlichem Käsekuchen.

Während des Tages füllt und leert sich das Wahllokal aus unerklärlichen Gründen schubweise. Als die Kirchenglocken das Ende der Sonntagsmesse verkünden, verwandeln sich die Gänge des Wahllokals zur Autobahn. Rein, ankreuzen, raus. Bernhard bleibt keine Zeit, mit bekannten Gesichtern zu plaudern. Er wechselt gerade seinen Stuhl aus, als ein Mann im Mittelalterkostüm mit einer Gitarre auf den Rücken gespannt den Raum betritt. „Der hat bei der Fernsehsendung ‚Wer wird Millionär‘ gewonnen“, berichtet Stefanie aufgeregt. Auf den ersten Blick wirkt er eher wie ein Landstreicher und kein Millionär. Auch er gibt seine Stimme ab und verschwindet wieder in der Sonntagssonne. Dazu häufen sich die Sonderfälle: „Bin ich in dem Wahllokal richtig?“ Bernhard durchforstet schnell das Straßenverzeichnis. „Ich habe leider keine Berechtigungskarte mehr.“ Wenn die Wähler dann im richtigen Wahllokal sind und ihren Personalausweis vorlegen können dürfen sie trotzdem an der Wahl teilnehmen.

Stapel über Stapel

Die Zeit rast dahin, wenn auch hin und wieder Stille ins Wahllokal einkehrt. Kurz vor sechs eilen dann noch wenige Last‐Minute-­Wähler in die Kabinen. Sie kommen gerade noch rechtzeitig. Um Punkt 18.00 Uhr verkündet Bernhard: „Hiermit erkläre ich die diesjährige Bundestagswahl für beendet.“ Es wuseln jetzt neun Wahlhelfer umher. „Zur Auszählung brauchen wir jede Unterstützung.“ Bernhard schüttet die rot-­gelbe Wahltonne auf einem großen Tisch aus. Jetzt wird ausgezählt. Die Helfer bilden verschiedene Stapel an Stimmzetteln. Zuerst werden die sortiert und gezählt, bei denen Erst- und Zweitstimme derselben Partei zugeordnet sind. Dann kommen die Stimmzettel an die Reihe, bei denen Erst- und Zweitstimme unterschiedlichen Parteien gegeben wurden. Die meistgewählten Parteien CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne bilden alle einen eigenen Stapel. Jeder vierte Stimmzettel wandert jedoch auf den immer höher wachsenden Stapel der Exoten, der anschließend ausgewertet wird. AfD, Die Linke, Freie Wähler, Piraten, ÖDP, BD, MLPD…

Manche zählen still, andere leise vor sich hin. Alle sind hochkonzentriert, weil keiner doppelt nachzählen möchte. Zur Absicherung wird der Nebenstehende doch nochmal kontrolliert. Insgesamt 321 Stimmzettel werden bis kurz vor sieben ausgezählt, dann gibt es jedoch ein Problem. Es wurden zwar auch 321 Wahlberechtigungskarten eingesammelt, im Wählerverzeichnis abgehakt sind allerdings nur 319 Wähler. Ein Stimmzettel wurde für ungültig erklärt, weil vier Kreuze gesetzt wurden. Fehlt nur noch ein Haken im Verzeichnis. Also vergleichen alle zusammen noch einmal die Wahlberechtigungskarten mit dem Wählerverzeichnis. Eine halbe Stunde später ist der Fehler gefunden.

Exoten über Exoten

Bernhard greift zum Handy „Wir haben 80 Stimmen für die Union…“. Er muss den Endstand schnell dem Wahlbüro durchgeben. Immer wieder blicke ich auf mein Handy und aktualisiere den Live-Ticker zur Wahl um die deutschlandweiten Zwischenergebnisse zu erfahren. Die Union gewinnt die Bundestagswahl mit 32,9 Prozent der Stimmen für sich, die SPD kann 20,5 Prozent ergattern. Beide Parteien verlieren im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 deutlich an Zuspruch. Überraschungsgewinner des Tages ist die AfD die mit einem Anstieg des Wahlergebnisses um 4,7 Prozentpunkte vor der FDP den dritten Platz belegt. Die Partei zieht damit erstmals in den Bundestag ein. Die Alternative für Deutschland, die Front National in Frankreich und die Partei für die Freiheit in den Niederlanden präsentieren sich als emotionsgeladene Protestparteien, als die Parteien der Sozialen-­Medien und weichen damit von den Konventionen der traditionellen Volksparteien ab.

Um halb acht sind dann alle sichtlich abgerackert. Die Wahlniederschrift, das Wählerverzeichnis und die Stimmzettel werden ordnungsgemäß versiegelt und in große braune Briefumschläge verstaut. Die wichtigsten Unterlagen muss Bernhard jetzt noch ins Wahlbüro in die Innenstadt fahren. Zusammen verlassen wir das Wahllokal. Die Sonne ist schon untergegangen und es weht ein kühler Wind. Wir verabschieden uns alle schnell voneinander. Meine Mitstreiter verschwinden in der Dunkelheit als ich einen letzten Blick auf das Wahllokal werfe. Einige Anwohner haben den Wahlausgang gefeiert und den Vorgarten wie an einem Festtag mit Luftschlangen, Ballons und Klopapier geschmückt.

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