Der Mensch-Computer-Dolmetscher

Prof. Dr. Marc Erich Latoschik (Foto: Latoschik) und Frau mit VR-Brille (Foto: Pixabay)

Büroräume mit interaktiven 3D-Grafiken im Raum, Maschinen mit künstlicher Intelligenz und Cyborgs, die die menschliche Physis verbessern: Was für andere nach Science-Fiction klingt, ist für Professor Marc Erich Latoschik Forscheralltag, Leidenschaft und nicht zuletzt Anlass für ein paar kritische Überlegungen zu den Konsequenzen mancher Technologie.

ein Porträt von Anna Unseld

Es gibt Geräte, die unglaublich viel können und trotzdem freut sich kaum jemand über die Möglichkeiten, die sie bieten. Fernbedienungen für den Fernseher zum Beispiel. Sie haben viele Knöpfe und hinter jedem verbirgt sich ein Befehl, der das Leben mit dem Fernseher einfacher, komfortabler und moderner machen könnte. Aber eigentlich kennt keiner ihre Bedeutung. „Anstatt den Benutzer zu fragen, was er will, wird davon ausgegangen zu wissen, was wer will. Deshalb sind unglaublich viele Features in Geräte eingebaut worden, mit denen es Entwickler oder Techniker nur gut meinen. Am Ende kann das Gerät alles, aber gleichzeitig kann es auch nichts, denn keiner nutzt es“, sagt Professor Latoschik. Da läuft also etwas schief. Was fehlt ist eine stimmige Mensch-Computer-Interaktion.

Human-Computer-Interaction, so heißt der Lehrstuhl von Professor Latoschik. Schon die Zugehörigkeit sowohl zur Fakultät Mathematik/Informatik als auch zur Fakultät der Humanwissenschaften deutet an, dass sich sein Forschungsfeld nicht so einfach in eine Schublade stecken lässt. Ursprünglich hat sich die Mensch-Maschine-Interaktion mit der besseren Bedienbarkeit von Maschinen – also auch Fernbedienungen – beschäftigt. Heute liegt Latoschiks Fokus auf der Interaktion in virtuellen Realitäten, in denen Menschen mittels 3D-Computergrafik und künstlicher Intelligenz in andere Welten eintauchen können.

Von Pac-Man zum eigenen Studiengang

Eine wissenschaftliche Laufbahn war nie Latoschiks Plan. Als ihm sein Professor an der Universität in Bielefeld eine Promotion vorschlug, kam es dem Informatikstudenten eher ungelegen. Er arbeitete neben dem Studium als Softwareentwickler für große Firmen wie Vox, die Deutsche Post oder die Telekom. Doch er erkannte die große Chance, die sich ihm damit bot und promovierte 2001. Es folgten Rufe auf eine Professur für Multimedia an die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und auf eine Professur für Intelligent Graphics an die Universität Bayreuth. 2011 erhielt er die Möglichkeit, als Leiter des neu zu gründenden Lehrstuhls für Mensch-Computer-Interaktion an die Universität Würzburg zu kommen. „Ich bin hierhergekommen und durfte sofort eigene Studiengänge definieren, das war eine einmalige Entfaltungsmöglichkeit“, meint er begeistert.

Erst 2016 ist ein weiterer neuer Studiengang unter seiner Leitung gestartet: Games Engineering, in dem Studierende die Entwicklung moderner Computerspiele lernen. Der Studiengang ist ein Herzensprojekt, denn Latoschik bringt große Affinität und Leidenschaft für Computerspiele mit – und das seit der ersten Minute: „Ich gehöre noch zur Generation, die mit Heimcomputern aufgewachsen ist. Das war die Einführung der Computertechnologie. Und das erste, was man auf seinen Rechnern hatte, waren natürlich irgendwelche Spiele. Großartig!“

Durch die Spiele wurde seine Neugier für die Technik dahinter geweckt. „Irgendwann kam der Forschergeist und dann fängt man an, selber die ersten kleinen Programme und Spiele zu entwickeln.“ Die Faszination hält bis heute an: „Klar ist das heute alles hunderttausendmal schneller – aber an den Prinzipien hat sich überhaupt nichts geändert.“

Ob er sich als 18-Jähriger auch für den Games Engineering-Studiengang eingeschrieben hätte? – „Auf jeden Fall!“ Doch weil es damals solch einen Studiengang nicht gab, entscheid er sich für Mathematik und Informatik an der Universität in Paderborn. Und irgendwann stand er vor der Wahl, welches der beiden Fächer er vertiefen wollte. Er mag es praxisbezogen, deswegen hätte er sich bei Mathe auf Statistik konzentrieren müssen. Informatik hingegen hatte die Vertiefung seiner Spieleleidenschaft zu bieten: „Statistik gegen Pac-Man. Welche Entscheidung trifft man wohl als 18-Jähriger? Natürlich hat da Pac-Man gewonnen!“ auch heute noch begleitet ihn der kleine gelbe punktefressende Kreis aus dem gleichnamigen Kultspiel: Auf dem White Board in seinem Büro ist ein Pac-Man aufgemalt und erinnert an die für ihn wegweisende Entscheidung von damals.

Totgesagte leben länger

Als jung und naiv bezeichnet Latoschik die Auswahl seiner Forschungsschwerpunkte im Studium: „Ich habe auf zwei komplett tote Pferde gesetzt: Künstliche Intelligenz und virtuelle Realität. Beides war begraben zu dem Zeitpunkt.“ Die Entwicklung künstlicher Intelligenz begann in den 60er-Jahren mit den ersten Spracherkennungs- und Schlussfolgerungssystemen. Die schnellen Erfolge der Anfänge ließen allmählich nach, was zu einem Umschwung führte: „In den 90er Jahren durfte man in der Informatik gar nicht mehr sagen, dass man zu künstlicher Intelligenz forscht.“ Latoschik hat es trotzdem getan. Heute, in Zeiten selbstfahrender Autos und Smart Homes, ist die Forschung an künstlicher Intelligenz zur wissenschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden. Für die Forschung und Arbeit an virtuellen Realitäten waren zu Latoschiks Studienzeiten schlicht die Geräte zu groß und zu teuer. Er arbeitete damals mit so genannten „Caves“, bei denen der Benuzter von Bildschirmen umgeben ist und auf diese Art und Weise in die virtuelle Welt eintauchen kann.

Erst die hochauflösenden und kostengünstigen Handydisplays der letzten Jahre und die damit aufkommenden VR-Brillen haben der Forschungsrichtung einen neuen Aufschwung gegeben und die Technologie massentauglich gemacht.

Erweiterte Büro-Realität

Latoschiks Augen leuchten auf, wenn es um zukünftige Entwicklungen geht: „Richtig spannend wird es, wenn man sich fragt, was noch kommen wird.“ Während er über die Möglichkeiten der Zukunft sinniert, sitzt er in einem gemütlichen Büro. Ein großer Schreibtische steht in der Mitte des Raumes, darauf ein iMac, Pflanzen auf den Fensterbänken der großen Fensterfront und viele Bücher in einem Regal. Bis auf das große Hundebett samt leckerlikauendem Vierbeiner neben dem Schreibtisch sieht Latoschiks Büro recht normal aus. Noch. Denn wenn er von  „Spacial Interfaces“ spricht, entsteht sein Bild des Büros der Zukunft: Kein Schreibtisch mit PC, sondern ein System, mit dem man mittels Gestik und Sprache interagiert. Kein wuchtiger Schreibtischstuhl, sondern stehend. Kein Desktop, sondern Arbeitsoberflächen, die im Raum herumfliegen. Latoschik vergisst nie, das große Ganze zu betrachten. Er blickt gerne in die Geschichte um zu erklären, warum sich etwas auf eine bestimmte Art entwickelt hat. Früher benutzte man Schreibtische, um wirklich darauf zu schreiben, dann wurde die Schreibmaschine darauf gestellt und als die Computertechnik Einzug in die Büros hielt, behielt man das Prinzip bei. „Man ging sogar so weit und hat die Desktop-Metapher auf den Computer übernommen, um den Übergang von der alten zur neuen Welt möglichst gnädig zu gestalten.“ Spacial Interfaces wären eine Abkehr vom altgewohnten Desktop. Ob das den Menschen überfordert und überhaupt akzeptiert wird, das werde sich zeigen.

Nicht alles, was möglich ist, ist gut

Die eigene Forschung und deren Folgen auch kritisch reflektieren – für Latoschik eine Selbstverständlichkeit, die er bei manchen Technik-Auguren vermisst. Als Beispiel nennt er das Augmentieren des Körpers, also die Verbesserung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten durch Technologien. Superhelden-Fans kennen Cyborgs, also die Vermischung von Mensch und Technik. Doch das soll, gehe es nach einigen Forschern, nicht im Marvel- und DC-Universum bleiben. Zum Beispiel kann zur Unterstützung des Oberarmmuskels mechanisch-hydraulische Energie eingesetzt werden, die die doppelte Last trägt. Oder die Zukunftsvision, den Geist des Menschen auf ein künstliches Substrat zu übertragen. „Das geht jetzt noch nicht, aber was wäre, wenn es einmal gehen würde? Das hieße Unsterblichkeit. Aber für alle? Sicherlich nicht. Das wäre nur für die, die das Geld und die technischen Möglichkeiten haben. Technologie kann also Ungleichheit auch manifestieren“, reflektiert Latoschik.

Mensch-Computer-Interaktion kann also ganz schnell hochpolitisch und philosophisch werden. Über die Langzeitfolgen neuer Technologien solle man immer nachdenken und dabei einen gesunden Skeptizismus an den Tag legen, so Latoschik. „Ein Technikentwickler, der sich heute keine Gedanken mehr über die Folgen seines Tuns macht – gesellschaftlich oder individuell psychologisch, der hat eigentlich seinen Job verfehlt.“

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