Ein knallharter Entzug

40 Kilogramm reinen Zucker konsumiert der europäische Durchschnitssbürger im Jahr. (Foto: Franziska Lamp)

Der Konsum von Zucker ist schon längst zur täglichen Gewohnheit geworden. Große Mitschuld daran hat auch die Nahrungsmittelindustrie: Zucker ist überall. Der europäische Durchschnittsbürger schafft es laut Zentrum der Gesundheit auf rund 40 Kilogramm reinen Zucker pro Jahr. Eine Entwicklung mit Konsequenzen. Ich habe es geschafft, der Droge Zucker für 60 Tage zu entrinnen.

von Franziska Lamp

Draußen regnet es in Strömen. Das gleichmäßige Plätschern der Regentropfen gegen mein Fenster macht mich heute nervös. Ich starre auf meinen Ordner, kann mir jedoch nichts von dem merken, was ich gerade lese. Meine Gedanken sind woanders. Ich habe Entzugserscheinungen – nach 60 Tagen vermisse ich den Zucker. Und zwar so sehr, dass es mich verrückt macht.

Ich stehe vom Schreibtisch auf und laufe zu unserer ehemaligen „Süßigkeiten-Schublade“, in der Hoffnung, dass Felix vielleicht doch eine Packung Kinderschokolade gekauft hat. Aber sie ist leer. Er hält sich mindestens genauso gut an die Regeln wie ich. Normalerweise würde ich mir jetzt eine Banane pürieren oder Trockenobst essen. Aber heute geht mir der Geschmack von Kinderriegel oder Milchschnitte einfach nicht aus dem Kopf. „Das liegt am ungemütlichen Wetter“, denke ich. Frustriert setze ich mich wieder an meinen Schreibtisch und stecke mir einen Kaugummi in den Mund – zuckerfrei natürlich.

Ich bin 21 Jahre alt und eigentlich eine ziemlich typische Studentin. Das heißt: von Zucker überhäuft. In meinem bisherigen Studentenleben gab es viel Tiefkühlpizza, Döner und noch mehr Tiefkühlpizza. In den Klausurphasen quoll der Kühlschrank über vor Schokolade. Doch vor zwei Monaten hatte ich plötzlich genug von dem übermäßigen Zucker. Ich weiß nicht mal, was der genaue Auslöser für meine radikale Entscheidung war. Aber ich fühlte mich körperlich einfach so schlapp und ausgelaugt, dass ich beschloss ein Projekt zu starten: 40 Tage ohne Zucker.

Zucker macht dick und krank

Zucker macht süchtig. Und das nutzt die Nahrungsmittelindustrie gnadenlos aus, zu eigenen wirtschaftlichen Zwecken. Doch was Zucker im Körper wirklich alles anrichtet, ist vielen Menschen gar nicht bewusst. Schon die durchschnittlich konsumierte Menge an Zucker am Tag reicht aus, um das Immunsystem zu schwächen. Denn Zucker enthält weder Vitamine, noch Mineralien oder Ballaststoffe. Das Einzige, was Zucker uns bietet, sind leere Kohlenhydrate. Und die machen dick und krank. Um den Zucker zu verarbeiten, benötigt der Körper also Begleitstoffe. Diese muss er aus eigenen Reserven schöpfen, da Zucker selbst die Vitalstoffe, die zur Verarbeitung beitragen, nicht mitliefert. Und das führt bei der Menge an Zucker, die wir konsumieren, zu erhöhtem Mineralstoffmangel. Das Immunsystem wird geschwächt, was wiederum eine gute Basis für Viren und Bakterien ist. Der Körper wird anfälliger für Krankheiten. Das Problem ist, dass dies oft ein schleichender Prozess ist. Erst nach vielen Jahren des Zuckerkonsums wird der Körper von Krankheiten wie Osteoporose oder Diabetes befallen. Zucker zerstört die gesunde Darmflora, denn er „füttert“ die dort ansässigen parasitären Pilze. Konsequenz sind Hormonstörungen der unterschiedlichsten Art.

Eine radikale Umstellung

Dass die Umstellung auf eine Ernährung ganz ohne Zucker nicht leicht werden würde, war mir von Anfang an bewusst. Vor allem nicht, wenn man mit jemandem zusammenlebt, der jeden Abend selbst eine halbe Packung Gummibärchen verdrückt, wie mein Freund es macht. Die größte Herausforderung sollte uns aber noch bevorstehen: Der erste Einkauf. Denn ein zuckerfreies Leben kostet viel Zeit und auch einiges mehr an Geld.

Die ersten zwei Wochen ohne Zucker fielen mir gar nicht schwer. Meine Motivation, meinem Körper etwas Gutes zu tun, war groß. Ich hatte Spaß daran, neue Rezepte auszuprobieren, stundenlang Einkaufsläden nach Lebensmitteln ohne Industriezucker zu durchforsten und dabei neue Produkte wie Buchweizenrisotto oder Quinoa zu entdecken. Übrigens verzichtete ich auch auf Zuckerersatz wie Ahornsirup, Honig oder andere Süßungsmittel. Doch schon bald spürte ich die Nachteile meiner radikalen Diät. Abends noch ein Eis mit Freunden, mein geliebtes Popcorn im Kino oder einfach einen Cocktail nach einem langen Lerntag, das war alles tabu. Und das war der Moment, in dem ich die Regeln änderte. Ich merkte, wie viel Lebensqualität mir durch den Zuckerverzicht verloren ging und das war meiner Meinung nach auch nicht der Sinn der Sache. Dort, wo es sich problemlos vermeiden ließ, wie zu Hause oder in der Uni, führte ich mein Projekt ausnahmslos weiter. Doch ich verzichtete nicht auf ein Feierabendbier an der Pegnitz oder auf einen Restaurantbesuch bei meinem Lieblingsitaliener. Ich dachte mir „Hey, es ist Sommer, genieße dein Leben, aber tue es bewusst“.

Nach etwa einem Monat spürte ich die positiven Effekte des Zuckerverzichts enorm. Ich hatte nach jeder Mahlzeit ein besseres Sättigungsgefühl, was das Verlangen nach etwas Süßem zum Nachtisch komplett reduzierte. Ich fühlte mich lebendiger und viel gesünder. Ich hatte einen viel besseren Schlaf und war auch am Tag überhaupt nicht mehr müde. Ich merkte also, der harte Verzicht zahlte sich aus. Das war auch der Grund, warum ich nach Erreichen der 40 Tage beschloss, erstmal genauso weiterzumachen.

Doch zu meinem Erstaunen wurde es für mich persönlich immer schwieriger weiterhin so radikal auf Zucker zu verzichten. Es gab öfter Augenblicke, in denen ich Heißhunger auf etwas Süßes bekam und in denen es mir immer schwerer fiel, auf natürliche Alternativen zurückzugreifen. So auch heute, nach 60 zuckerfreien Tagen.

Komplett zuckerfrei muss auch nicht sein

Obwohl Zucker für den Körper ungesund und schädlich ist, warnen Experten oft vor einer radikalen Ernährungsumstellung ohne professionellen Rat. Grund sei, dass der Körper aus dem Takt geraten und der so genannte Jojo-Effekt eintreten könne. Heißhungerattacken und eine enorme Gewichtszunahme können die Folgen sein. „Komplett zuckerfrei muss nicht sein.“, betont Gabriele Kaufmann, Ernährungswissenschaftlerin vom Bundeszentrum für Ernährung. Zumindest nicht, wenn man nicht schon unter Diabestes oder Übergewicht leide und ein rundum gesunder Mensch sei. Weiter betont Kaufmann: „Es gibt keine falschen Lebensmittel, nur einen falschen Umgang damit“, was bedeute, zu einseitig zu essen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, maximal 25 Gramm Zucker am Tag zu konsumieren – zum Vergleich: ein Glas Cola enthält 27 Gramm Zucker. Das ist zwar nicht viel, aber es kann verhindern, den Körper komplett aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Essen ist Lebensfreude

Ich schaue aus dem Fenster. Der Regen ist nun viel schwächer. Wieder denke ich an einen Schokoriegel. Und ich denke daran, wie lange ich mein Experiment durchgehalten habe. Es hat mich in vielerlei Hinsicht an Erfahrung gelehrt. Ich habe ein stärkeres Bewusstsein für meinen Körper und meine Gesundheit entwickelt, ich fühle mich fit und vital und ich habe viele tolle neue Lebensmittel entdeckt. Aber die immer häufiger auftretenden Heißhungerattacken sind auch nicht gesund. Ich krame in meiner Tasche nach meinem Geldbeutel und mache mich auf den Weg zum Supermarkt an der Ecke. Ich will mir Schokolade kaufen. Ich werde das Projekt heute beenden. Das heißt aber nicht, dass ich vorhabe in alte Muster zu verfallen. Ich werde weiterhin komplett ohne Zucker kochen und auch weiterhin darauf achten, zuckerfreie Produkte zu kaufen. Aber wenn ich mal Lust auf ein Stück Schokolade habe, dann werde ich es mir auch nicht verbieten, so wie heute. Denn Essen ist für mich Lebensfreude. Und die werde ich mir nicht nehmen.

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