Kein Mann im Elfenbeinturm

Professor Sascha Walter (Foto: Anne Stegner)

Professor Dr. Sascha Walter steht in der Abendsonne der Würzburger Innenstadt. Der Himmel strahlt blau als der Professor sich in Position stellt. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages und das Grün vor seinem Büro bilden eine gemütliche Kulisse. Vor der Kamera scherzt und lacht er, ist entspannt und offen.

ein Porträt von Anne Stegner

Seine Frau sage immer zu ihm, dass er auf Fotos den Bauch einziehen müsse. Klick, klick, klick macht die Kamera. Es bedarf nur weniger Versuche, um ein authentisches Portrait zu erhalten. Auf dem Weg zurück zum Büro gehen wir an einem Porsche vorbei. Er hält inne und lacht: „Ich fahre keinen Porsche, sondern Fahrrad.“ Der Professor ist neuer Inhaber des Lehrstuhls „Unternehmensgründung und Unternehmensführung“. Er hat sich für die Zukunft einiges vorgenommen.

Push und Pull‐Funktionen des Lebens

Den Professor verschlägt es zum ersten Mal in den Süden Deutschlands. „Ich hätte in meinem Leben nie gedacht, (A) nach England zu gehen und (B) anschließend nach Bayern zu ziehen. Aber unverhofft kommt oft.“ Die Unterscheidung zwischen Franken und Bayern habe er bereits gelernt, erzählt er schmunzelnd und lehnt sich im schwarzen Bürostuhl zurück. Wir sitzen an einem Besprechungstisch in seinem Büro, der fast den ganzen Raum einnimmt.

Walter lebte für vier Jahre in England und lehrte dort an der Management School der Lancaster University, bevor er dem Ruf der Universität folgte. Er ging aus zwei Gründen zurück nach Deutschland: Gepusht durch den Brexit, der eine Reihe von Veränderungen nach sich ziehe. Als Pull empfand Walter die Attraktivität von Würzburg und der Universität. Die englische Sprache scheint jedoch tief verankert und so ist unser Gespräch von Anglizismen und englischen Fachbezeichnungen geprägt. Er bemüht sich und erklärt die Begriffe in deutscher Sprache.

Der Raum lässt erahnen, dass der Professor noch nicht lange Teil der Universität ist. Weder Fotos noch Pflanzen schmücken die Wände. Das einzige, was den Raum zum Leben erweckt, ist der Professor selbst. In Zusammenarbeit mit den Kollegen möchte er von hier aus neuen Schwung in das Universitätssystem bringen. „Das Selbstverständnis der Professoren war vor 50 Jahren noch ein anderes. Früher war man noch ein bisschen mehr Elfenbeinturm als man es heute ist.“ Walter tippe seine Emails heute selbst und rufe nicht die Sekretärin zum Diktat. Professoren der neuen Generation würden häufig das traditionelle Rollenverständnis ablehnen und Einflüsse aus ausländischen Bildungssystemen nach Deutschland importieren.

Er habe früher Bedenken gehabt, in größeren Städten zu leben und gibt zu, sich dort etwas verloren gefühlt zu haben. Doch die Liebe verschlug ihn zum BWL‐Studium nach Bielefeld. Er sah seine Angst vor Großstädten immer als eine Schwäche, die ihn beeinträchtigte. Deswegen entschied er sich vor Vollendung seines Vordiploms, für ein halbes Jahr nach China zu gehen. Der erste Sprung vom Tellerrand. „Ich hatte einen Kulturschock, das fühlte sich an, wie einen Kater zu haben.“ Die Zeit in Asien schildert er als prägend für alles, was später kam. Als er nach Bielefeld zurückkehrte, spürte er, dass das Leben dort unheimlich langweilig geworden war. Die Stadt, die er früher als groß empfunden hatte, war jetzt ein kleines Dorf.

Walter entschied sich, für die Promotion in die Ostseestadt Kiel zu gehen. Der Professor lernte dort seinen gleichnamigen Doktorvater kennen. „Bei öffentlichen Auftritten haben wir immer darüber gescherzt, dass wir weder verheiratet noch verschwägert sind.“ Bereits nach drei Jahren erwarb er mit Abgabe der Dissertation „Entrepreneurial Intentions of Academics: An Empirical Multi‐Level Analysis of Individual and Faculty­Related Determinants“ den Doktortitel. Dieses Thema ist auch heute noch Teil seiner Forschungsinteressen. Er befasst sich aber noch lieber mit den Schwerpunkten Cooperate Entrepreneurship und Corporate Strategy, die er an der Universität in den gleichnamigen Mastermodulen lehrt.

Keine Einbahnstraßenlehre

„Die Neunzigminutenvorlesung ist ein überholtes Konzept. Auch der Begriff ‚Vorlesung‘ ist nicht mehr zeitgemäß. Das bedeutet schließlich, die Studenten sitzen in ihren Stühlen, der Professor liest wie vor 150 Jahren etwas aus einem Buch vor und geht wieder. Das ist pädagogisch nicht sinnvoll.“, erklärt Walter nachdrücklich und blickt ernst durch die kantigen Gläser seiner Brille. Sein Ziel sei es, das klassische Vorlesungsformat mit Diskussionen, kurzen Aufgabenstellungen und Praxisbezügen aufzubrechen. Auch er könne sich nicht länger als 45 Minuten am Stück konzentrieren und bräuchte dann meistens entweder einen Kaffee oder etwas Bewegung.

Er wagte einen Ausflug in die freie Wirtschaft als er nach der Habilitation die Nase von der Einbahnstraßenlehre voll hatte. Doch auf Dauer konnte er sich für diese Art der Arbeit nicht begeistern: „Die Zeit war sehr spannend und lehrreich, aber es gab zwei Punkte, die mich an der Managementlaufbahn gestört hätten. Erstens Entscheidungen zu treffen, die ich moralisch grenzwertig fände. Zweitens wurde mir klar, dass umso höher ich auf der Karriereleiter klettere, desto mehr Zeit müsste ich für Politik aufbringen – und darauf hatte ich einfach keinen Bock.“ Die wissenschaftliche Laufbahn entspräche viel mehr seinem Interessenprofil und den eigenen Werten.

Zukunftswünsche

„Absolventen der Universität Bielefeld“, „Alumni des Lehrstuhls für BWL“, „IT-Netzwerk Mainfranken“, „Gründerszene Mainfranken“, „Basketball, I love this game“: Die Gruppen, denen der Professor in dem sozialen Netzwerk Xing angehört, verraten eine seiner Leidenschaften. „Ich bin ja noch relativ sportlich für mein Alter – auch wenn man mir es nicht unbedingt ansieht. Ich hoffe in naher Zukunft eine gemütliche Altherrengruppe zu finden, mit denen ich meine Liebe zum Basketball teile. Es stecken noch viele gute Spiele in mir – wenn auch nicht immer auf weltmeisterlichem Niveau.“

Manche Eigenarten der Würzburger Studierenden sind dem Professor bereits aufgefallen: „Sie haben eine gewisse Art, einen Neuen zu beschnuppern. Ob er denn auch ausreichend gut bewertet und wie er seine Klausuren stellt. Das finde ich als Motivation fürchterlich.“ Walter hofft, dass künftig das Hauptaugenmerk der Studierenden auf der Attraktivität des Vorlesungsstoffes liegt – und nicht auf den Zensuren. Er möchte eine Lehre schaffen, für die er sich als Student selbst hätte begeistern können; eine Lehre, die Freude macht.

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