Die Scheinstadt

Touristenmagnet Rothenburg (Foto: Anna Unseld)

Rothenburg ob der Tauber gilt als eine der schönsten Kleinstädte Deutschlands. Doch irgendwas fehlt. Die Leute im Bummelzug von Steinach nach Rothenburg ob der Tauber sind keine Pendler, die von der Arbeit nach Hause fahren, junge Studenten auf Heimatbesuch oder Einheimische mit Shoppingtüten und fränkischem Dialekt. Es sind Touristen. Es wird Amerikanisch, Spanisch und Chinesisch gesprochen. Und sie alle sind gespannt auf „die Empfangsstube Bayerns“, „die Sehenswürdigkeit ersten Ranges“ oder „die bekannteste Kleinstadt Deutschlands“, wie der Rothenburger Tourismus Service seine Stadt anpreist.

von Anna Unseld

Der Weg vom Bahnhof zur Innenstadt ist nicht sonderlich reizvoll. Durchschreitet man eines der Stadttore ist es jedoch, als betrete man eine andere Welt. Kleine Pflastersteingassen mit bunten, wunderschön restaurierten Fachwerkhäusern, die Blumen vor den Fenstern haben und auf verschnörkelten Schildern für fränkische Speisen, bayerische Souvenirs und glitzernden Weihnachtsschmuck werben. Man kann es den asiatischen Touristen nicht verübeln, den Auslöser der Kamera nicht mehr loszulassen. Jede Ecke sieht wie aus einem Reiseführer aus. Rothenburg ist schön. Wirklich schön. Doch irgendwann stellt sich die unangenehme Gewissheit ein: Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Stadt ist nicht echt.

Rothenburg war früher ein lebendiges Mittelalterstädtchen. Mit Stadtmauer, Wehrtürmen, verwinkelten Gassen und buntem Treiben. Alles ist erstaunlich gut erhalten. Nur das bunte Treiben besteht heute rein aus Touristen. Sie sind die heimlichen Herrscher der Kleinstadt. Der Tourismus und die von ihm angezogenen Geschäfte dominieren das Stadtbild so sehr, dass jede Spur von Alltag und Leben der Einwohner unscheinbar werden. Es ist das urbane Leben, das fehlt: Schüler, die schnatternd durch die Straßen laufen, Rothenburger, die ihren Tageseinkauf erledigen und mit anderen Rothenburgern plaudern, Bäcker, deren Auslage aus Brot und nicht aus Gebäck nur für Touristen besteht. Rothenburg ist wie ein Disneyland Frankens, mit pittoresken Fassaden, Weihnachtswunderwelt und begehbarem Turmweg. Am Besucher ausgerichtet, kitschig und ohne Bezug zur Realität. Unbelebt belebt. Echt unecht.

1,7 Millionen Tagesbesucher zählt Rothenburg pro Jahr. Dazu kommen rund 500.000 Übernachtungsgäste. Und natürlich sind sie gern gesehen, denn durch den Tourismus erwirtschafte Rothenburg 120 Millionen Euro pro Jahr, so der Rothenburg Tourismus Service.
Besucher mieten Zimmer in den unzähligen Hotels oder Ferienwohnungen in der Innenstadt, sie kaufen Andenken, wie Schürzen mit vollbusigen Dirndlmadln drauf und glitzernden Weihnachtsschmuck, egal ob es Dezember oder Juli ist.
Selbstverständlich darf eine echte Spezialität, wie es jede waschechte Touristenattraktion hat, nicht fehlen. Passend zum Weihnachtswunderland sind das die Schneeballen. Ein rundes, süßes Gebäck, das in den Schaufenstern jeder Rothenburger Bäckerei aufgetürmt wird. Die Schneeballen sind hübsch anzusehen und innen hohl. Eine Spezialität, die – gelinde gesagt -, mehr fürs Auge ist, als für den Gaumen. Mehr Schein als Sein. Als würden die Mürbeteigkugeln den Geist der Stadt, der sie entstammen, widerspiegeln.

 

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