Wohlstandsplastik im Eisbärenland

Mikroplastik-Experte Dr. Gunnar Gerdts im historischen Würzburger Ratssaal. Foto: Anna Unseld

Plastikmüll in den Ozeanen ist ein bekanntes Problem, doch im Meer finden sich nicht nur große Kunststoffgegenstände, sondern auch winzige Plastikpartikel. Dieses so genannte Mikroplastik wurde von Forschern im Wasser, Sediment und sogar im antarktischen Eis nachgewiesen. Der Mikrobiologe Dr. Gunnar Gerdts versucht mit seinem Team vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Helgoland das Ausmaß der Verschmutzung festzustellen. Im Würzburger Rathaus stellt er seine neuesten, beunruhigenden Erkenntnisse vor. Und diese „ist nur die Spitze des Eisbergs“, befürchtet er.

von Anna Unseld

Plastikabfall im Meer stelle eine Verschwendung von Ressourcen, ein ästhetisches Problem, aber vor allem eine ökologische Belastung dar, so Gerdts bei seinem Vortrag im vollen Ratssaal. Denn Plastik sei im Gegensatz zu anderen Stoffen nicht abbaubar. Zerfällt Kunststoff in kleine Teile, so spricht man von Mikroplastik. Diese Partikel sind nur einige Mikrometer, also tausendstel Millimeter, bis maximal fünf Millimeter groß. Bei seinem Besuch im Rahmen des Wissenschaftsjahres „Meere und Ozeane“ will der Mikrobiologe informieren, sensibilisieren und aktuelle Forschungsergebnisse präsentieren.

Plastikflaschen: eine mögliche Quelle für Mikroplastik. Foto: Anna Unseld
Plastikflaschen: eine mögliche Quelle für Mikroplastik. Foto: Anna Unseld

Mikroplastik im Eis

Ziel von Gerdts und seinen Kollegen ist es, das Ausmaß der Verschmutzung zu untersuchen. In der Nordsee hat Gerdts durchschnittlich drei bis zehn Mikropartikel in einem Kubikmeter Meereswasser gefunden und beruhigt: „Für die Nordsee haben wir keine Gefahr.“ Doch im antarktischen Eis sei die Konzentration erschreckend hoch. Dort habe er bis zu einer Million Partikel pro Kubikmeter Eis nachgewiesen. Warum die Partikeldichte dort so hoch ist, sei noch ungeklärt. Beunruhigend sei außerdem, dass niemand sagen kann, ob Mikroplastik den Meeresorganismen schaden könne oder sogar eine Gefahr für den Menschen darstelle.

Mit Infrarot auf Plastikjagd

Die Forscher fischen das Mikroplastik mit Hilfe eines feinmaschigen Netzes aus dem Meer. Danach beginne die aufwändige Analyse der Plastikkonzentration. Gerdts und sein Team benutzen Infrarot-Geräte um die winzigen Plastikteilchen von anderen organischen Stoffen und Sand zu unterscheiden. Außerdem könne anhand der Wellenlänge der reflektierten Strahlen ermittelt werden, um welche Art von Plastik es sich handle. Diese Methode stelle eine Verbesserung zur früher üblichen Nutzung von Säuren, Enzymen oder der schlichten augenscheinlichen Selektion dar, findet Gerdts. Doch die Forschung zu Mikroplastik ist noch jung. Die unstandardisierten Messmethoden und Einheiten und vor allem die fehlenden einheitlichen Ergebnisse seien ein Problem.

„Die Apokalyptischen Reiter – das sind wir alle“

Die Verschmutzung durch Plastikmüll sei global. Durch Meeresströmungen gelange das Plastik, egal wo es ins Meer gekommen sei, rund um den Erdball. „Man kann sich nicht zurücklehnen und sagen, es geht uns nichts an“, so Gerdts. Sein Aufruf an den Verbraucher ist deswegen, auf Einwegplastik und Plastiktüten zu verzichten. Außerdem könne man Kosmetikartikel, denen Mikroplastik beigemischt werden, durch bewussten Konsum gezielt vermeiden.

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