David gegen Goliath

Buchhändlerin Rottmann
Buchhändlerin Ulla Rottmann (Foto: Andrea Deublein)

In Zeiten großer Onlineversandhäuser steht der ortsansässige Buchhandel unter enormen Druck: Die Versuchung der Leser scheint groß, die riesige Datenbank auf Amazon zu durchstöbern und sich das gewünschte Buch anschließend schnell und kostenfrei an die Haustüre liefern zu lassen. Doch stellt das im Vergleich zum lokalen Buchhandel wirklich einen unverzichtbaren Mehrwert für den Kunden dar? Ein Blick hinter die Kulissen zweier Würzburger Buchhändler.

Von Andrea Deublein

Sobald sich die Türe hinter mir schließt tauche ich ein in eine andere Welt. Der Alltagsstress und die beißende Januarkälte fallen von mir ab und ich finde mich wieder an einem behaglichen, warmen Ort. Eine Handvoll Leute befindet sich im Raum, die einen vertieft in ein Buch, die anderen flüsternd im Gespräch. Die Stille ist förmlich greifbar und eine willkommene Abwechslung zum lauten Treiben der Innenstadt. Fernab der Realität fühle ich mich hier, inmitten antiker Regale voller Bücher, voller Geschichten, voller Wissen. Eine der Inhaberinnen, eine kleine Frau mittleren Alters, wuselt umher, um die individuellen Wünsche ihrer Kunden zu bedienen. Sie hat einem Herrn seine gewünschten CDs besorgt und verabschiedet ihn mit einem „Tschüss, bis zum nächsten Mal“, bevor sie sich auf eine altertümliche, sehr gemütlich wirkende Couch setzt – der Traum jedes Antiquitätenhändlers.

„Diese Couch und sämtliche andere Einrichtungsgegenstände haben wir damals zur Eröffnung des Ladens von Bekannten zusammengesammelt“, erklärt die Frau, Ulla Rottmann. Sie trägt eine modische Brille zum eleganten Kurzhaarschnitt und wirkt, trotz ihrer ergrauten Haare, erstaunlich jung. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Lehre zur Buchhändlerin, arbeitete viele Jahre als Angestellte in diesem Umfeld und ist heute eine der Inhaberinnen dieses behaglichen Ortes – der Buchhandlung Dreizehneinhalb mitten im Herzen Würzburgs. Gemeinsam mit zwei langjährigen Freundinnen, Monika Bruckner und Gabriele von Zobel, hat sie sich damit im Jahr 2004 ihren Lebenstraum erfüllt. Warum sich Rottmann für diesen Schritt entschieden hat? Ihrer Liebe zu Büchern wegen.

„Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, sich reinliest und sich einfach darauf einlässt, dann ist es jedes Mal wie eine kleine Reise“, beschreibt sie mit funkelnden Augen und untermalt ihre Worte mit lebhaften Gesten. Die Leidenschaft für ihre Arbeit ist kaum zu übersehen.

 

Der lokale Buchhandel: kein „Nine to five“-Job

Aus eben dieser Leidenschaft heraus versucht das Dreizehneinhalb das Leseerlebnis für die Kunden noch attraktiver zu gestalten. „Unter anderem veröffentlichen meine beiden Kolleginnen und ich viermal im Jahr einen eigenen Katalog, in dem wir unsere persönlichen Empfehlungen zusammenstellen und auch selbst Rezensionen schreiben“, beschreibt Rottmann mit spürbarem Stolz. Darüber hinaus veranstalten sie Lesungen, sowie private Events wie „Einschließen und Genießen“: Gegen eine kleine Gebühr überlassen die Inhaberinnen ihren Gästen die Buchhandlung bei Prosecco und Häppchen für einige Stunden am Abend. Neben dem regulären Tagesgeschäft bedeutet die Organisation solcher Veranstaltungen natürlich einen entsprechenden Mehraufwand. „Meine wöchentliche Arbeitszeit möchte ich lieber gar nicht genau kennen, es sind auf jeden Fall mehr als 38 Stunden“, schildert Rottmann mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen und ergänzt: „Mit meinem Gehalt sollte ich das lieber nicht gegenrechnen. Dennoch habe ich diesen Weg nie bereut.“ Es gibt jedoch auch Hindernisse: „Die Probleme sind noch nicht verheerend, aber es ist einfach schwierig“, beschreibt es Rottmann und lässt dabei ihre Schultern ein paar Zentimeter nach unten sinken. Man ahnt, dass ihr das Thema mehr zu schaffen macht, als sie zugeben möchte. „Der Internethandel ist schon unser größtes Problem, aber ich glaube da steckt noch mehr dahinter. Die steigenden Parkgebühren in der Innenstadt oder die langwierige Baustelle in der Eichhornstraße, direkt vor unserem Laden, die die ganze Innenstadt lahmgelegt hat. Da fallen halt viele Leute aus dem Umkreis weg, die sich das nicht antun möchten und dann doch lieber online einkaufen.“ Dabei bieten auch kleine Buchhandlungen inzwischen Onlineshops, so auch das Dreizehneinhalb. Laut der Inhaberin ist das bestellte Buch in der Regel bereits am nächsten Tag versandkostenfrei beim Kunden im Briefkasten oder vor Ort in der Buchhandlung abholbar. Durch die geltende Buchpreisbindung muss der Endkunde also weder hinsichtlich der Lieferzeit, noch bezüglich des Preises Abstriche machen und kann gleichzeitig den lokalen Buchhandel unterstützen.

 

Amazon? Ein breites Grinsen.

Dies bestätigt auch der Filialleiter des Würzburger Hugendubel, Kai Uwe Hampel. Mit deutschlandweit über 100 Filialen ist Hugendubel das größte inhabergeführte Buchhandelsunternehmen des Landes. „Unsere Lieferzeit ist genauso schnell wie die von Amazon. Sollte man tagsüber nicht zu Hause sein, kann man sich das Buch auch direkt in unsere Filiale liefern lassen und somit die nicht ganz so idealen Öffnungszeiten der Post umgehen“, erklärt Hampel mit einem verschmitzten Grinsen. Bereits während seines Studiums der Politikwissenschaften hat er als Aushilfe im Berliner Hugendubel gearbeitet. Anschließend war er in verschiedenen deutschen Filialen des Unternehmens beschäftigt und leitet seit 2011 die in Würzburg – „eine der größten Deutschlands“, wie der Vorgesetzte von circa 50 Mitarbeitern mit einem gewissen Stolz in der Stimme schildert.

Hampel sitzt an einem Besprechungstisch in seinem Büro, einige Stockwerke über dem Würzburger Hugendubel. Der Weg dorthin durch die imposante Filiale bietet ein Kontrastprogramm zur kleinen Buchhandlung Dreizehneinhalb: große, offene Verkaufsflächen auf zwei Stockwerken, zahlreiche Exemplare einzelner Titel. Dennoch vermittelt auch dieser Ort ein behagliches Gefühl, welches durch Rückzugsorte wie Couchecken und ein hauseigenes Café noch verstärkt wird. Auffällig ist, dass Kunden sämtlicher Altersklassen im Laden vertreten sind: eine ältere Dame stöbert mit einem kleinem Jungen, vermutlich ihrem Enkelsohn, in der Kinderbuchecke, eine junge Frau unterhält sich angeregt mit einer Verkäuferin, ein Teenager ist in den Klappentext eines Thrillers vertieft.

Buchhändler Kai Uwe Hampel (Foto: Andrea Deublein)
Buchhändler Kai Uwe Hampel (Foto: Andrea Deublein)

„Wir können besser auf unsere Kunden eingehen als ein Algorithmus es je schaffen wird“

„Wir haben keine Hauptzielgruppe“, bestätigt der Filialleiter diese Beobachtung mit einem Kopfschütteln und rückt anschließend seine filigrane Brille zurecht. „Aufgrund der zahlreichen ortsansässigen Familien legen wir in Würzburg großen Wert darauf, die Interessen von Kindern und Jugendlichen zu bedienen. Im Gegensatz dazu sieht etwa der Fokus der Hugendubel-Filiale in der Frankfurter Innenstadt vollkommen anders aus.“ Darin liegt laut Hampel eine der größten Stärken der familiengeführten Buchhandelskette: „Es ist nicht so, dass wir all unsere Titel einfach aus der Zentrale vorgegeben bekommen. Vieles haben wir im Hinblick auf unsere lokale Kernzielgruppe selbst ausgesucht.“ Der Großteil des Sortiments, insbesondere hinsichtlich aktueller Bestseller, sei in den Filialen natürlich deckungsgleich, jedoch nie zu 100 Prozent.

Neben dieser gezielten Auswahl des Sortiments sieht Hampel den ortsansässigen Buchhandel auch aufgrund der individuellen Beratung klar vor reinen Onlineversandhäusern. „Die Kollegen vor Ort sind nicht nur Verkäufer, sondern kennen sich wirklich mit der Materie aus. Wir können besser auf unsere Kunden eingehen als ein Algorithmus es je schaffen wird“, erklärt Hampel mit ruhiger Stimme, während er sich nachdenklich mit der Hand durch den ergrauten Bart fährt.

Wenn Not am Mann ist, springe er auch selbst gerne mal als Verkäufer ein, ansonsten umfasse sein Aufgabenbereich eher administrative Tätigkeiten. „In kleineren Buchhandlungen ist der Filialleiter sicher mehr ins Kundengeschäft eingebunden“, gibt er zu. Dennoch merkt man ihm an, dass auch ihm die persönliche Bindung zu seinen Kunden sehr am Herzen liegt: So setzt er sich für regelmäßige Veranstaltungen, wie beispielsweise Lesungen, in seiner Filiale ein und trifft sich nahezu monatlich mit den Leitern anderer Hugendubel-Filialen zum Erfahrungsaustausch.

 

Schritt halten mit der Digitalisierung

Aufgrund all dieser Bemühungen sieht Hampel, ganz im Gegensatz zu Rottmann, keine große Bedrohung durch Onlinehändler wie Amazon: „Ich denke dadurch, dass wir es rechtzeitig geschafft haben sowohl auf die Internetals auch auf die eBook-Schiene aufzuspringen, sind wir sehr zukunftsträchtig aufgestellt. Einzelhandel und Buchhandel sind schwierige Geschäfte, da muss man niemandem etwas vormachen – jedoch denke ich, dass wir unsere Standbeine geschaffen haben.“ Aber auch die Buchhandlung Dreizehneinhalb setzt einiges daran, mit der fortschreitenden Digitalisierung Schritt zu halten. So betreiben Rottmann und ihre Kolleginnen seit kurzem eine eigene FacebookSeite, die sie regelmäßig mit aktuellen Inhalten bestücken. „Man muss Schritt halten und darf sich neuen Dingen nicht verschließen“, erklärt die Inhaberin. Deshalb kann man im Dreizehneinhalb inzwischen auch eBooks kaufen, sowohl im Online-Shop als auch direkt im Laden.

Die Unterschiede zwischen diesen beiden Würzburger Buchhändlern sind offensichtlich – dennoch stößt man auch auf einige Parallelen. So sehen sie sich Rottmann und Hampel nicht als Konkurrenten, sondern als Gleichgesinnte. „In Würzburg gibt es eine blühende Buchhandelslandschaft. Ich finde es toll, dass jeder Buchhändler hier seine individuelle Nische gefunden hat – wir ergänzen uns ideal“, erklärt letzterer mit offensichtlicher Begeisterung für die kleineren Buchhandlungen. Abschließend äußern beide interessanterweise genau denselben Wunsch an ihre Leserschaft: neugierig zu bleiben und den Würzburger Buchhandel in Zukunft noch mehr zu unterstützen. So kann jeder Einzelne dazu beitragen, dass der lokale Buchhandel letzten Endes doch noch als siegender David aus dem vorherrschenden Konkurrenzkampf hervorgeht.

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