Wie die Würzburger Herzen schlagen

Blutabnahme
Studienteilnehmer Marco Trabold bei der Blutabnahme. Foto: Laura Thielen

Rund 4.000 Würzburger wurden bereits im Rahmen der STAAB-Kohortenstudie untersucht. Mit der Studie sollen Einflussfaktoren im Frühstadium einer Herzschwäche erforscht werden. Wir haben einen Probanden bei seinem Untersuchungstag begleitet.

Von Laura Thielen

Mittwochmorgen, 8:15 Uhr. Marco Trabold wird gerade Blut von einer Krankenschwester abge­nommen. „Lassen Sie aber bitte noch etwas drin“, sagt Trabold lachend. Er hat bis jetzt noch nicht gefrühstückt, denn er muss nüchtern für die erste Blutabnahme sein. Das ändert sich schlagartig als er im Anschluss einen Becher Zuckerlösung zu trinken bekommt – 200 Milliliter Wasser mit 75 Gramm aufgelöstem Zucker. Das Gemisch ist viermal so süß wie ein Schluck Coca-Cola. Der Blutzucker-Belastungstest kann beim Vergleich mit einer späteren Blutprobe des Probanden feststellen, ob sein Körper den verabreichten Zucker aufgenommen hat oder ob eine zu hohe Zuckerdosis im Blut ver­blieben ist.

Der 52-Jährige ist heute der zweite von insgesamt sieben Probanden, die sich freiwillig für das Staab-Programm am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) der Universitätsklinik Würzburg untersuchen lassen. Die Abkürzung STAAB steht für: STAdium A und B der Herzinsuffizienz (siehe Infobox). In Form einer Langzeitstudie wird die Studie innerhalb der Würzburger Bevölkerung durch­geführt. „Menschen im Stadium A und B haben keine Beschwerden, deswegen gehen Sie nicht zum Arzt. In dieser frühen Phase jedoch kann das Eintreten einer Herzschwäche am effektivsten verhindert werden“, so Professor Stefan Störk vom DZHI. Laut Störk leiden etwa 3 Millionen Menschen in Deutschland an einer Herzschwäche. In diesem Fall schafft es das Herz nicht mehr, ausreichend Blut durch den Körper zu pumpen und die verschiedenen Organe mit genügend Sauerstoff zu versorgen. „Herzschwäche führt zu Leistungsminderung, Luftnot, Wassereinlagerung in der Lunge und anderen Organen, einge­schränkter Lebensqualität und verkürzter Lebenserwartung“, so Störk.

Bislang liegen der medizinischen Forschung kaum Erkenntnisse zur Entwicklung und dem Verlauf im Anfangsstadium einer Herz­insuffizienz vor. Professor Stefan Störk vom DZHI und Professor Peter Heuschmann vom Lehrstuhl für klinische Epidemiologie der Universität Würzburg wollen daran etwas ändern. Mit einem rund 20-köpfigen Forschungsteam aus Studienärzten, Projekt­koordinatoren, Kranken­schwestern, medizinischen Fachangestellten und wissenschaftlichen Mit­arbeitern möchten sie mit dem STAAB-Programm neue Präventions- und Behandlungsstrategien für die Herzinsuffizienz ent­wickeln.

Auswahl der Probanden

Über das Einwohnermeldeamt der Stadt Würzburg werden nach dem Zufallsprinzip potentielle Teil­nehmer ermittelt und postalisch zu einer Untersuchung eingeladen. So auch Marco Trabold, Inhaber einer Würzburger Lebensmittelkette. „Meine Frau hat vor vier Monaten schon bei der Studie mitgemacht, jetzt wurde ich zufällig auch noch ein­geladen. Für uns war von Anfang an klar, dass wir teil­nehmen“, so Trabold.

Bis Mitte 2017 wollen die Forscher insgesamt 5.000 Würzburger für die Teilnahme an der Studie gewonnen haben – 4.000 haben sich bereits untersuchen lassen. Die Studie wird bis 2020 vom Bundes­ministerium für Bildung und Forschung gefördert und von der Stadt Würzburg unterstützt. „Eine hohe Teilnehmer­quote ist enorm wichtig für die Aussagekraft der Studie“, so die Projekt­koordinatorin der STAAB-Studie, Theresa Tiffe.

Ablauf der Untersuchung

Blutdruck messen
Studienärztin Dr. Renate Mattern misst den Blutdruck von Trabold. Foto:Laura Thielen

Der Familien-Vater Trabold wird zu Beginn des Programms von Tiffe zum Auf­klärungs­ge­spräch ins Büro gebeten. Zunächst informiert sie über den Ablauf der circa dreistündigen Unter­suchung, die Einhaltung von Daten­schutzrichtlinien und die geplante Zweit­untersuchung in einigen Jahren.

Auf den ersten Teil des Blutzucker-Belastungstestes folgt im nächsten Untersuchungs­modul ein Konzentrationstest. Dabei werden Trabold Buchstaben, Worte und Sätze vorgelesen, die er wieder­holen muss. Studienärztin Dr. Renate Mattern führt anschließend ein Interview über Vorer­krankungen mit Trabold durch. Die Ärztin misst seinen Blutdruck und den Puls. Das nächste Modul besteht aus einem Geruchstest. Dabei bekommt Trabold zwölf Stifte mit speziellen Gerüchen unter die Nase ge­halten. „Zitrone oder Grapefruit, aber was? Gar nicht so einfach!“ Am Ende identifiziert er alle Gerüche korrekt.

Geruchstest mit Probanden
Beim Geruchstest versuchen die Teilnehmer 12 unterschiedliche Gerüche zu identifizieren. Foto: Laura Thielen

Ein Medizinstudent schreibt im darauffolgenden Modul ein EKG und untersucht mit Blutdruck­manschetten die Gefäßfunktion von Trabold. Der Untersuchungsraum ist auf sommerliche 26,8 Grad erwärmt, damit die Probanden nicht frieren müssen. Denn in Unterwäsche werden Trabolds Körper­fett- und Körper­wasseranteile anhand einer sogenannten Bioimpedanz­analyse be­stimmt. Bei dieser Messmethode steht der Proband auf einer speziellen Waage, die einen schwachen, nicht spürbaren Strom durch seinen Körper leitet. Anhand des Fließwiderstands können genau die Wasser- und Fett­anteile ermittelt werden. Im Anschluss werden Körpergröße und -umfang genau bestimmt.

Das Kernmodul bildet der Herzultraschall. Trabold wird in der Echokardiographie einmal komplett „durch­­leuchtet“. Dazu wird auf einen Schallkopf ein spezielles Ultraschallgel aufgetragen. Durch die unterschiedlichen Neigungen des Schallkopfes, wird das Herz aus verschiedenen Perspektiven drei­dimensional betrachtet und vermessen. Die Anspannungs- wie die Entspannungsphase des Herz­muskels werden in Videoschleifen exakt aufge­zeichnet und ausgewertet. Große Bedeutung kommt auch der Beurteilung der Herzklappenfunktion zu. Nach einer Urinabgabe und dem Ausfüllen eines mehrseitigen Fragebogens sind die Unter­suchungen abgeschlossen und Trabold erhält ein üppig belegtes Brötchen. Kurze Zeit später holt ihn die Studienärztin zu einem Abschlussgespräch ab, um die Untersuchungs-Ergebnisse mit ihm zu besprechen.

Ein Zwischenfazit

Erste Auswertungen der STAAB-Studie zeigen bereits, dass die bisher untersuchten Teilnehmer einen hohen Anteil an Bluthochdruck (42%), erhöhter Blutfette (38%) und einer Form von Diabetes (14%) haben. Nachweislich bekannte Risikofaktoren, die die Entstehung einer Herzinsuffizienz fördern, liegen damit ziemlich häufig vor. Auf den Erkenntnissen der STAAB-Studie aufbauende Präventions- und Behand­lungs­strategien könnten Menschen zukünftig vor einer Herzinsuffizienz schützen.

Erläuterung zur STAAB-Studie:

Im Mittelpunkt der STAAB-Studie stehen die beiden Frühformen der Herzinsuffizienz, die Vorläuferstadien A und B. Menschen im Stadium A besitzen ein erhöhtes Risiko für Herzschwäche, d.h. es liegen Risikofaktoren wie z. B. ein erhöhter Blutdruck vor. Im Stadium B be­findliche Menschen haben bereits eine sogenannte strukturelle Herzerkrankung, d.h. in Herz­unter­suchungen wie beispielsweise einem Herzultraschall lassen sich Auffällig­keiten nachweisen. In beiden Vorläufe­rstadien liegen noch keine Symptome vor.

Einhaltung von Datenschutzrichtlinien: Alle Studien-Abläufe wurden mit dem zuständigen Daten­schutz­­beauftragten und mit der Ethik-Kommission des Universitäts­klinikums Würzburg abge­stimmt.

© Main-Magazin 2017

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