Wie die Arbeitswelt von morgen aussieht

Wortwolke Arbeit 4.0
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Der Diskurs darüber, wie Digitalisierung und Industrie 4.0 die Arbeits­welt verändern werden, ist in vollem Gange. Auch in Unterfranken. Welche Konsequenzen haben diese Entwicklungen für Arbeit­nehmer?

Von Natalie Litzl

Durch neue Techno­logien werden die Produktion und das Arbeiten selbst digitalisiert. Ganze Produktions­linien könnten künftig automatisiert werden, intelligente Maschinen direkt im Internet-of-Things mit­einander sprechen – während der Mensch nur noch über­wacht. Die Arbeits­welt wird informations­getriebener. Und es ergeben sich dabei völlig neue Möglichkeiten, Wertschöpfungs­prozesse und Arbeit zu planen, zu steuern und zu organisieren.

Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen

Diese Entwicklung schafft Unsicherheit. Immer neue Studien sprechen von einem Wegfall von Arbeits­plätzen durch die Automatisierung und befeuern damit die Diskussion um Arbeit 4.0. So fand etwa eine Studie der Wissen­schaftler Michael Osborne und Carl Frey heraus, dass 47 Prozent der US-amerikanischen Beschäftigten in Berufen tätig sind, die in zehn bis zwanzig Jahren vollständig auto­matisiert werden können. In Deutschland seien es 42 Prozent. Muss der Produktions­arbeiter eines Industrie­unternehmens jetzt um seinen Job bangen? Nicht unbedingt. „Bei solchen Horror-Meldungen muss man eines im Kopf behalten: Nur weil etwas technisch machbar ist, wird es nicht zwangs­läufig umgesetzt“, gibt Kerstin Stehle, Geschäftsführerin des operativen Bereichs der Bundes­agentur für Arbeit Würzburg zu bedenken. Auch Arbeitnehmer­verbände, wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), und das Bundes­ministerium für Arbeit und Soziales wider­sprechen diesen Zahlen. Sie setzen entgegen: Einzelne Tätigkeiten würden automatisiert, nicht gesamte Berufe.

Weiterbildung als Schlüssel

Damit Arbeitnehmer auch künftig beschäftigungs­fähig bleiben, ist deren Qualifizierung und Weiter­bildung eine wichtige Heraus­forderung für Arbeit 4.0. Davon hänge laut Bundes­ministerium für Arbeit und Soziales die Zukunft des Wirtschafts­standorts Deutschland entscheidend ab. Keine leichte Aufgabe: „Wir müssen Arbeit­nehmer qualifizieren – unter anderem für Jobs, die wir noch gar nicht kennen und die erst jetzt mit der Digitalisierung geschaffen werden“, beschreibt Oliver Suchy, Leiter des Projekts Arbeit der Zukunft des Deutschen Gewerk­schafts­bundes (DGB), diese Heraus­forderung.

In diese Stärkung von Qualifikationen und die Verbesserung von Aufstiegs­perspektiven will das Bundes­ministerium für Arbeit und Soziales laut seinem Weiß­buch „Arbeit 4.0“ investieren. Bundes­arbeits­ministerin Andrea Nahles will von einer Arbeits­losen­versicherung hin zur Arbeits­versicherung und zu einem Recht auf Weiter­bildung. „Beides brauchen wir, denn bisher wurde zwar immer vom lebens­langen Lernen gesprochen, aber es gab viel zu wenig Unter­stützung für Arbeit­nehmer und der rechtliche Rahmen fehlte“, fordert Oliver Suchy vom DGB.

Auch in Würzburg wird an diesen Plänen bereits gearbeitet. „Wir wollen etwa Weiter­bildungsberater viel stärker einsetzen. Sie sollen als Karriere­berater fungieren und auch außerhalb eines konkret anstehenden Jobwechsels für eine Beratung zur Verfügung stehen“, sagt Kerstin Stehle. Besonders wichtig sei eine solche Weiter­bildung für ungelernte oder angelernte Mitarbeiter, deren Tätigkeiten einfach automatisiert werden könnten. „So können Arbeiter, die zuvor selbst am Band standen, die Maschine bedienen, die diese Tätigkeit übernimmt“, sagt Oliver Freitag, Bereichs­leiter Innovation und Umwelt der Industrie- und Handels­kammer Würzburg-Schweinfurt (IHK). Schon heute bietet die IHK Meister- und Technik­erweiter­bildungen an und will dieses Angebot künftig ausweiten.

Insgesamt könnte diese Entwicklung dazu führen, dass die Qualifikationen von Arbeit­nehmern in der Arbeitswelt von morgen ansteigen, während leicht zu automatisierende Tätigkeiten von Maschinen über­nommen werden. Das habe auch Vorteile für Arbeit­nehmer: „Repetitive und körperlich belastende Arbeiten werden zu Gunsten kreativer Wissens­arbeitsplätze abnehmen“, sagt etwa Fabian Seus, Leiter des Competence Center Arbeits­markt des VDMA.

Die Arbeitswelt wird flexibler

Durch die Digitalisierung wird die Arbeitswelt flexibler. Arbeitnehmer arbeiten zeit- und orts­unab­hängig. Es entwickeln sich neue Arbeits­formen wie das Crowd­working, bei dem Unternehmen Arbeiten über eine digitale Plattform an Selbst­ständige outsourcen. Durch diese Entwicklung wird Arbeiten selbst­bestimmter und Beruf- und Privatleben können besser vereint werden.

Arbeitgeber­verbände sprechen sich für diese Flexibilisierung aus. Aus ihrer Sicht sei Arbeiten an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit somit nicht mehr zeitgemäß. „Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass durch „Arbeit 4.0“ das Arbeitsvolumen steigt. Das Arbeitsvolumen bleibt unter dem Strich gleich, es wird nur anders verteilt“, sagt Wolfgang Fieber, Vorsitzender des Vorstands der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft Bezirksgruppe Unterfranken.

Die Gewerkschaften halten dagegen: die Risiken von flexiblerem Arbeiten dürften nicht unter­schätzt werden. So fand etwa der Gute-Arbeit-Index des DGB heraus, dass unter Arbeit­nehmern, die in hohem oder sehr hohem Maße digitalisiert arbeiten, 46 Prozent angeben, die Arbeits­belastung sei durch die Digitalisierung größer geworden und für 54 Prozent nahm die Arbeits­menge zu. Nur für 21 Prozent verbesserte sich dabei die Work-Life-Balance.

Arbeitszeitgesetz nicht flexibel genug

Diese Differenz zeigt sich dabei auch im Hinblick auf das Arbeits­zeitgesetz. Während es laut Arbeit­geber­verbänden der Praxis nicht mehr gerecht werde, sehen Gewerk­schaften keinen Bedarf, dieses Gesetz künftig anzupassen. Diese gegen­sätzlichen Ansichten zeigen, wie intensiv aktuell darüber diskutiert wird, welche Chancen und Risiken sich für Arbeit­nehmer aus der Digitalisierung ergeben. „Dieses Thema hat ganz klar das Potenzial, Ängste zu schüren“, resümiert Kerstin Stehle. „Aber es gibt hier einen Spiel­raum, was rechtlich und ethisch durch Digitalisierung möglich ist – und den stecken die Politik, der Gesetzgeber, Tarif­partner und nicht zuletzt die Gesell­schaft künftig ab.“

Stimmen zur Arbeit 4.0
Welche Erwartungen haben Sie an die Arbeitswelt der Zukunft, die durch Digitalisierung und Industrie 4.0 beeinflusst wird?
Hier geht’s zur Slideshare-Präsentation: http://www.slideshare.net/secret/CfjojrxDDkaySX

© Main-Magazin 2017

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