Studentische Praktika:
„Wofür arbeitet man eigentlich?“

Fünf-Euro-Schein mit Kleingeld auf dem Tisch
Am 1. Januar 2017 wurde der Mindestlohn auf 8,84 Euro angehoben. Doch nicht alle profitieren von der gesetzlichen Lohnuntergrenze. Foto:Bianca Schwenk

Arbeiten gehen, um davon leben zu können – das ist der Alltag vieler. Um dies gewähr­leisten zu können, wurde im Januar 2015 der Mindestlohn eingeführt. Doch nicht alle haben auf den gesetzlich festgelegtem Mindestbetrag einen Anspruch: Betroffen sind vor allem Praktikanten während des Studiums.

Von Bianca Schwenk

8,84 Euro: Die Lohnuntergrenze, die im Januar 2015 festgelegt wurde und zu Beginn dieses Jahres noch einmal angepasst wurde. Er ist verbindlich für alle Arbeit­geber und -nehmer. Doch die Ausnahme bestätigt die Regel – nicht jeder hat auch einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf den Mindest­lohn. Darunter fallen beispiel­sweise Praktikanten, die gewisse Voraus­setzungen nicht erfüllen. Betroffen sind vor allem Studenten, die während ihres Studiums verpflichtend ein Praktikum ab­solvieren müssen. Auch diejenigen, die freiwillig Praxis­erfahrung in der Arbeits­welt sammeln wollen, müssen einen festgelegten Zeitraum angestellt sein, um den Mindest­lohn bezahlt zu bekommen.

Kein Mindestlohn für Pflichtpraktika

Laura Heine* ist eine von vielen Studentinnen, die nicht vom Gesetz um den Mindest­lohn profitiert. Die Studentin des Studien­gangs Soziale Arbeit an der Hoch­schule für angewandte Wissen­schaften Würzburg-Schwein­furt musste im letzten Jahr ein sechs­monatiges Praktikum ab­solvieren, das in der Prüfungs­ordnung fest­gelegt war. Durch diese Regelung war ihr Arbeit­geber nicht verpflichtet, den Mindest­lohn zu bezahlen. Sie arbeitete ein halbes Jahr, ohne ein Gehalt zu beziehen. „Vor allem im sozialen Bereich werden die Praktikanten oft ausgenutzt“, so die 22-Jährige. Es sei kein Geld da und meist seien die Arbeit­geber auch unter­besetzt – „da wird an jeder Ecke gespart“, berichtet Laura.

Dass sie für das Praktikum kein Gehalt bekommen würde, wurde ihr bereits in einem Vorgespräch mit­geteilt. „Ich habe mich trotzdem für das Praktikum entschieden, weil ich nach meinen Interessen gegangen bin“, so die Studentin. Ihr Ansporn sei vor allem das Arbeits­zeugnis gewesen, da habe sie das Gehalt vergessen. Wenn sie mit Kommilitonen darüber gesprochen habe, sei es ihr aber immer bewusst geworden, „wie blöd die Situation ist“, gibt Laura zu.

Praktikumsstellen werden zur Budgetfrage

Auch Studenten, die ein freiwilliges Praktikum ab­solvieren, das nur bis zu drei Monaten dauert, muss der gesetzliche Mindest­lohn nicht bezahlt werden. Übersteigt das Praktikum die drei­monatige Frist jedoch, ist der Arbeit­geber verpflichtet, 8,84 Euro pro Stunde zu bezahlen. Dieses Gesetz wirkt sich aber nicht nur auf die Studenten aus: Laut der Randstad-ifo-Personalleiterbefragung aus dem Jahr 2016 müssen viele Unter­nehmen Praktikums­stellen kürzen. Denn nicht alle können freiwillige Prakti­kanten über einen längeren Zeit­raum als drei Monate anstellen, da das Budget nicht ausreiche. So vergeben laut der Befragung immer mehr Unter­nehmen nur Pflicht­praktika, bei denen der Mindest­lohn umgangen werden kann. So sinke die Anzahl an Plätzen für Praktika. Zudem werden Studierende ausge­schlossen, die laut Prüfungs­ordnung ihres Studien­gangs kein Pflicht­prakti­kum ab­solvieren müssen.

Gesetzeslage spielt bei der Besetzung von Praktikumsstellen große Rolle

Entgegen der Ergebnisse der Personal­leiter­befragung gibt es  auch Unter­nehmen aus der Region, die laut eigenen Angaben trotz Mindest­lohn nicht weniger Praktika anbieten. Birgit Latein, Personal­leiterin der Kneipp GmbH, stellt fest: „Es wurden nicht weniger Stellen ausgeschrieben.“ Aktuell vergebe das Unter­nehmen circa zwanzig Praktikums­plätze für Studierende im Jahr. Dabei handele es sich sowohl um Pflicht­praktika als auch freiwillig geleistete Praktika. Veränderungen könne Latein jedoch im Ablauf erkennen. „Die Besetzung durch den Mindest­lohn ist sehr viel schwieriger geworden, da einige Bewerber aufgrund des Gesetzes für die Besetzung nicht in Frage kommen würden“, so die Personalleiterin. Vor der Ein­führung des Mindest­lohns sei im ersten Schritt die Quali­fikation und Passung des Bewerbers ausschlag­gebend gewesen, so die Personal­leiterin. „Heute muss bei der Auswahl und der Vergabe der Plätze im ersten Schritt auf die Ein­haltung der Gesetze geachtet werden“, zieht Latein Résumé.

Anzahl an Stellen für Praktikanten variiert pro Jahr

Auch Antje Müller, Leiterin der Öffentlichkeits­arbeit bei der Schaeffler AG, macht deutlich: „Die Ein­führung des Mindest­lohns hatte keine Aus­wirkungen auf die Nach­frage und das Angebot von Praktikums­stellen bei Schaeffler.“ Beim Automobil­zulieferer mit Hauptsitz in Herzogen­aurach werden sowohl freiwillige als auch Pflicht­praktika angeboten. Einen signifikanten Unterschied bei den ausge­schriebenen Praktikums­stellen könne man nicht erkennen. Dass die Anzahl an Stellen für Praktikanten von Jahr zu Jahr variiere, sei vor allem von aktuellen Themen und Projekten abhängig, erklärt Müller. Am Standort Herzogen­aurach seien im Jahr 2016 insgesamt circa 240 Praktikanten beschäftigt ge­wesen.

Fünf-Euro-Schein mit Kleingeld und Praktikumsvertrag
Praktikanten müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen, um den Mindestlohn zu erhalten. Foto:Bianca Schwenk

Dass die Anzahl an Praktikums­stellen pro Jahr generell variiert, kann auch Martin Frick, Leiter des Personal­marketings der ZF Friedrichshafen AG bestätigen: „Die Zahl ändert sich von Jahr zu Jahr, da sich die Zahl der Praktikanten­stellen am jeweiligen betrieb­lichen Bedarf orientiert und daher nicht fix fest­gelegt ist.“ Wichtig sei für das Unter­nehmen vor allem, den Studenten die Möglichkeit zu bieten, praktische Erfahrung zu sammeln. Der Mindest­lohn habe das Engagement in diesem Bereich nicht be­einflusst, so Frick. Die Vergütung von Praktikanten hänge von zahl­reichen Faktoren ab und variiere daher. Sofern die gesetzlichen Bestimmungen erfüllt seien, „berechnet sich die Vergütung auf Basis des Mindest­lohns“, erklärt Frick.

Praktische Erfahrungen helfen weiter

Auch Laura Heine bestätigt, dass vor allem das Sammeln von praktischer Erfahrung während der sechs Monate sie sehr weiter gebracht hätte. Ihr nächstes Praktikum würde sie jedoch nicht ohne Gehalt absolvieren, gibt die Studentin zu. Während ihrer Praxis­phase habe sie nebenbei noch abends gejobbt. „Das war schon eine harte Zeit“, erklärt Laura rückblickend. Nächstes Semester schließt die 22-Jährige ihr Studium der Sozialen Arbeit ab. Sollte sie sich dann nochmals für ein Praktikum bewerben, wünsche sie sich eine faire Bezahlung und Wert­schätzung für ihre Leistung, so Laura. Sie fordert, dass auch für Pflicht­praktikanten der Mindest­lohn eingeführt werden sollte: „Man fragt sich sonst – wofür arbeitet man eigentlich?“

*Name von der Redaktion geändert

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