So schafft Würzburg Barrieren ab

Bauerarbeiten am Hauptbahnhof wuerzburg
Bauarbeiten zu einem barrierefreien Hauptbahnhof sind in vollem Gange.

Bis zum Jahr 2023 soll Bayern im öffentlichen Raum und im Personen­nahverkehr vollständig barrierefrei werden. Dabei hat die Stadt Würzburg bereits einige Projekte umgesetzt. Allerdings besteht noch Handlungs­bedarf hinsichtlich der barriere­freien Gestaltung öffentlicher Orte.

Von Mirjam Hruby

An einem winterkalten Sonntag­vormittag schallt dröhnender Baustellen­lärm zu den wartenden Menschen an den Bahnsteigen des Würzburger Hauptbahn­hofes hinüber. Für viele Reisende stellen die lauten Umbau­maßnahmen eine Belästigung ihrer morgendlichen Warte­zeit dar, doch für Menschen mit Behinderung bedeutet der barriere­freie Umbau des Bahnhofes einen großen Schritt Richtung Freiheit. Damit der Bahnhof der Mainstadt schnellst­möglich barrierefrei wird, ist die Großbau­stelle auch sonntags in vollem Gange.

Der Grund für den zügigen Umbau ist die Landes­gartenschau, welche 2018 in Würzburg stattfinden und auch Menschen mit Behinderung eine problemlose Anreise ermöglichen soll. Dazu gehören nicht nur Mobilitäts­eingeschränkte und Menschen mit Hör- und Sehbehinderung, sondern auch geh­einge­schränkte Senioren oder Mütter mit Kinder­wägen, die es schwerer haben, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Dies zeigt, dass sich das Verständnis von Barrierefreiheit gewandelt habe, erklärt Jutta Behr, Leiterin des Arbeits­kreises für Barriere­freiheit der Stadt Würzburg. „Es geht zukünftig nicht mehr nur um die Barriere­freiheit für mobilitäts­eingeschränkte Personen, sondern um eine Barriere­freiheit für alle“, so Behr. Dem stimmt auch Christiane Straub, Kreisgeschäfts­führerin des VdK-Kreisverbands Würzburg, zu. „Barriere­freiheit hilft der gesamten Gesellschaft“, sagt Straub. „Wir müssen das Thema viel weiter fassen.“

Landesgartenschau als Leuchtturmprojekt für Barrierefreiheit

Anlässlich der Regierungserklärung Horst Seehofers, Bayern im öffentlichen Raum und dem gesamten öffentlichen Personen­nahverkehr barrierefrei zu gestalten, sowie der bevor­stehenden Landes­garten­schau wird nun der Würzburger Hauptbahnhof barrierefrei umgebaut. Bis 2021 sollen unter anderem die Unter­führung vergrößert und an allen Bahnsteigen Aufzüge installiert werden. Bei der Planung des rund 50 Millionen Euro teuren Umbaus, welcher vom Bund, dem Freistaat Bayern und der Deutschen Bahn getragen wird, standen die Verantwortlichen der Deutschen Bahn auch im Austausch mit der Stadt Würzburg. Leider konnten aufgrund der räumlichen Enge nicht alle Anliegen der Behinderten­vertreter, wie zum Beispiel ein zweiter Aufzug auf den Bahngleisen, umgesetzt werden, bedauert Jutta Behr. Ein barriere­freies WC sowie ein taktiles Leitsystem in der Bahnhofs­halle sind jedoch schon realisiert.

Bis zur Landes­gartenschau im kommenden Jahr soll ein Großteil der Bauarbeiten bereits beendet sein. Doch nicht nur der Bahnhof, sondern auch das Gelände der Landes­gartenschau soll langfristig für barrierefreie Veranstaltungen genutzt werden. „Die Bürger haben sich gewünscht, dass die Landes­gartenschau ein Leucht­turmprojekt für Barriere­freiheit wird“, so Jutta Behr. Generell habe das Thema Barriere­freiheit schon immer einen hohen Stellenwert gehabt, da in Würzburg viele Behinderten­einrichtungen residieren wie das Zentrum für Körper­behinderte oder die Beratungs­stelle „Würzburg Selbst­bestimmt Leben“. Ein besonderes Gremium der Stadt ist der Behinderten­beirat, dessen Mitglieder von Würzburger Bürgern gewählt werden und der eine beratende Funktion für die Stadtver­waltung hinsichtlich Angelegen­heiten behinderter Mitbürger einnimmt.

Verschiedenste Gremien und Einrichtungen

Im Behindertenbeirat sitzt auch Julian Wendel, der eine Körper­behinderung hat. Er setzt sich besonders für einen barriere­freien Zugang der öffentlichen Verkehrsmittel ein. „Mit dem Rollstuhl in die Straßen­bahn zu kommen ist oftmals schwer“, so der 32-Jährige. Deshalb hält er mit der Würzburger Versorgungs- und Verkehrs GmbH (WVV) Kontakt mit dem Anliegen, Rampen­systeme für Mobilitäts­eingeschränkte zu installieren. „Das wäre eine große Erleichterung für alle geh­behinderten Personen, aber auch für Mütter mit Kinder­wägen“, erklärt Wendel.

Die WVV verfolgt nach eigenen Angaben die Ziel­setzung, einen barrierefreien Verkehrsraum in Würzburg zu schaffen. Deshalb verfügen bereits 34 von 40 Straßenbahn­fahrzeugen über einen niedrig­flurigen Ein- und Ausstieg, der auch von Mobilitäts­behinderten benutzbar ist. Auch seien alle 85 Busse der NVG Omnibus Betriebs­gesellschaft in Würzburg niedrigflurig und damit ebenfalls von Rollstuhl­fahrern nutzbar. „Bei der Würzburger Straßenbahn hat das Thema eine wichtige Priorität“, so Jürgen Dornberger, Presse­sprecher der WVV. „In Barriere­freiheit investieren wir momentan jährlich im Nahverkehrs­bereich zwischen 200.000 und 300.000 Euro ohne Fahrzeug­neubeschaffungen“, teilt Dornberger mit.

Problemfelder Topografie und Wohnungsbau

Dennoch gibt es auch noch viel Handlungsbedarf. Vor allem die Topografie der Mainfranken Metro­pole sei problematisch. „Wir haben viel Altbestand wie Pflaster, alte Gebäude, aber auch die Lage Würzburgs in einem Talkessel erschwert barriere­freies Bauen“, erklärt Jutta Behr. Dem stimmt auch Julian Wendel zu: „An so schönen Plätzen wie dem Residenzplatz, der Alten Mainbrücke oder der Festung möchte man als Mensch mit Behinderung auch gerne sein.“

Zusätzlich spielt der Wohnungsbau eine wichtige Rolle. „Hier gilt es, dringend mehr barriere­freien Wohnraum zu schaffen, denn dies wird künftig ein großes Problem darstellen“, mahnt Christiane Straub vom VdK-Würzburg. Laut dem Kommunalen Aktionsplan Inklusion der Stadt Würzburg waren im Jahr 2013 von insgesamt mehr als 5.200 Wohnungen, die der Stadtbau Würzburg GmbH angehören, lediglich 12 Prozent barrierefrei.  Um die städtische Bauaufsicht bei der Überprüfung von Bauplänen zu unterstützen, entstand im Jahr 2004 der Arbeitskreis „Barriere­freies Bauen“. Er nimmt jährlich bis zu 83 Mal Stellung zu Bauplänen von öffentlichen Gebäuden und Mehr­familienhäusern. Allerdings bedürfe es laut Behr einer stärkeren Sensibilisierung aller in die Planung eingebundenen Stellen, wozu beispielsweise auch die Hochschulen zählen.

Gesellschaftliches Bewusstsein wächst

Insgesamt ist Julian Wendel jedoch sehr zufrieden mit der Situation in Würzburg. „Das liegt vor allem an der öffentlichen Diskussion und Sensibilisierung für das Thema“, erklärt der in mehreren Ehrenämtern tätige Elektro­rollstuhl­fahrer. Dies bestätigt auch Jutta Behr: „Ich denke, das Bewusstsein für Barriere­freiheit ist in der Stadt enorm gestiegen“. Wendel fordert die Würzburger Bürger allerdings zu mehr Selbst­vertrauen beim Umgang mit Menschen mit Behinderung auf. „Ich merke, dass große Bereitschaft für Hilfe da ist, oft fehlt aber noch die Sicherheit, sie anzubieten,“ erklärt er. So wie Personen mit Behinderung sich trauen müssen, Hilfe im Alltag einzufordern, sollten auch Mit­menschen keine Scheu haben, Unter­stützung anzubieten.

© Main-Magazin 2017 (Fotos: Mirjam Hruby)

Written By
More from Redaktion

Das nächste Kapitel

Für viele Flüchtlinge soll nach der Anerkennung ihres Asylantrags ein neuer Lebens­abschnitt...
Read More