Schüsse im Wald: Treibjagd in Hirschneuses

Von Oktober bis Januar ist Treibjagd-Zeit in Bayern. So auch im Forst der mittel­fränkischen Ortschaft Hirschneuses. Gejagt wird Wild – denn das gilt als Delikatesse in vielen Restaurants.

Von Eva Hetzner

Freitagmorgen um neun Uhr im Wald von Hirschneuses, das Thermometer zeigt minus fünf Grad Celsius. Die klirrende Kälte färbt die Wangen von Förster Sven Finnberg rot. „Perfektes Wetter zur Jagd“, sagt der Stadt­förster der Stadt Bad Winds­heim. Neben ihm steht eine orange-grüne Menge aus 31 Kollegen in Arbeits­kleidung: Mit dunkelgrüner Hose und neonfarbener Jacke. Es ist Treibjagd in Hirschneueses bei Neustadt an der Aisch, eine fränkische Tradition, die schon seit Urzeiten aus­geführt wird. „Treibjagd bedeutet im Grunde, dass wir uns in Teams aufteilen: Die Läufer setzen das Wild in Bewegung und treiben es durch den Wald zu den Hoch­sitzen. Dort warten die Jäger und schießen“, sagt Sven Finnberg. „Das Wild wird in Bewegung gesetzt, weil wir Jäger es ansonsten nicht erwischen würden. Es gibt zu viele Versteck­möglichkeiten im Wald.“

Ein Jagdhorn ertönt. Äste beben, Vögel fliegen auf. Die Jagd ist eröffnet und die Menge teilt sich auf – Sven Finnberg gehört zu den Läufern. Dicht gefolgt von seinen beiden Jagdhunden und mit großen sicheren Schritten macht er sich auf den Weg durch den Wald. Selbst Brombeer­büsche durchquert er gelassen. Mit einem Ast klopft er die umliegenden Sträucher ab. Gelegentlich fährt ein tiefer Schrei aus seiner Kehle. „So scheuchen wir Läufer das Wild auf“, erklärt er.

Plötzlich ist ein Tapsen zu hören. Der Förster hält inne und starrt auf einen braunen Punkt in der Ferne zwischen den Bäumen. Ein Reh steht am anderen Ende des Waldes und schnüffelt genüsslich im Laub. Finnberg blickt zum Hochsitz. Ein Jäger kauert dort umwickelt mit einer Wolldecke. Er duckt sich, umklammert sein Gewehr und visiert das Reh. Seinen Zeigefinger hält er vor dem Abzug. Das Reh schreckt auf. Seine dunkelbraunen Augen blitzen. Es rennt. Schwingt die Vorderläufe vor, zieht die Hinterhufe nach. Immer schneller und schneller. Hastet dabei immer näher auf den Hochsitz zu. Schuss. „Das war ein Treffer“, ruft Sven Finnberg seinem Kollegen entgegen. Und das nicht einmal zehn Minuten nach Eröffnung der Jagd.

„Wild boomt“

Am Ende des Tages ist Klaus-Dieter Maske einer der Abnehmer des erlegten Wilds. Er ist seit über 30 Jahren Wildprethändler in der unterfränkischen Kleinstadt Ochsen­furt, sprich er verarbeitet das Wild und verkauft es weiter. Zu seinem Kundenkreis gehören circa 50 Restaurants und Privatleute. Tendenz steigend: „Wild boomt“, sagt Maske. „Die Leute wollen vor allen Dingen Fleisch, das frei aus der Natur ist, ohne Antibiotika behandelt wurde und noch dazu gut schmeckt. All das ist bei Wild gegeben.“ Auslöser für diesen Trend sind Maske zufolge vor allem Lebensmittel­skandale, die in den vergangenen Jahren immer wieder an die Öffentlichkeit kamen. „Ich habe aber auch den Eindruck, dass die Leute wieder viel mehr zu Hause kochen“, so Maske. Während die jüngere Generation bei ihm Steaks nachfragt, kauft die ältere Generation lieber Braten.

Das Angebot von Maske reicht von Fasanen über Wildenten, Wildhasen, Rehen, Wildschweinen bis hin zu Rotwild. Das Fleisch, das er verkauft, kommt direkt aus der Region: „Zu meinen Hauptlieferanten gehören die regionalen Forstämter“, sagt der Widprethändler, „Rothenburg ob der Tauber, die Rhön und der Steigerwald sind einige Beispiele.“ Regionalität ist Maske zufolge ein weiterer Faktor, der das Geschäft mit dem Wild ankurbelt. Wäre er noch jünger, so Maske, würde er sich ausschließlich dem Geschäft des Wildprethändlers widmen, da die Nachfrage nach Wild in den letzten Jahren rasant angestiegen ist. Derzeit betreibt er in Ochsenfurt nebenbei noch einen Teppich­markt. Dort hat er auch einen kleinen Laden, in dem er sein Wild an Privatleute verkauft.

Die Nachfrage nach regionalen Gerichten steigt

Dass man mit Regionalität punkten kann, weiß auch Andreas Kammberger. Zu­sammen mit seiner Frau Katrin betreibt er das Restaurant „Gasthaus zur Stadt Bad Windsheim“, das schon seit 1717 in Familienbesitz steht. Das Gasthaus liegt nicht nur idyllisch am Waldrand des Schussbachwalds in der mittel­fränkischen Ortschaft Haaghof, sondern ist auch für seine Wild-Delikatessen bekannt. Auf der Speisekarte stehen Spezialitäten wie Reh-Gulasch, Reh-Rücken und Reh-Filet. In der Herbstzeit wird außerdem Hasenbraten angeboten, im Frühjahr erweitert Kammberger die Karte um Wildschwein-Spezialitäten. „Wild wird von unseren Gästen sehr gut ange­nommen. Den Gästen wird es zunehmend wichtiger, dass sie regionale Produkte konsumieren“, sagt Kammberger, der nicht nur Inhaber sondern auch Koch des Restaurants ist. Das Fleisch bezieht er unter anderem aus dem Schuss­bach­wald, dem Forst von Förster Sven Finnberg.

Die Beute: 18 Rehe

Das Jagdhorn ertönt, es ist zwölf Uhr und die Jagd ist beendet. Die Förster und Jäger treffen wieder zusammen, versammeln sich am Forsthaus und hängen ihre Beute an einer Halterung mit dem Kopf nach unten auf. Der Hygiene wegen, wie Sven Finnberg erklärt. Es sind insgesamt 18 Rehe, die die Teams geschossen haben. Zwei Förster beginnen die Tiere auszu­nehmen und für den Wildprethändler abhol­fertig zu machen. Ein rothaariger, stämmiger Mann kommt auf Sven Finnberg zu und lächelt. „Zwei Rehe habe ich heute geschossen. Alle Treffer waren ein Kopfschuss!“ Der Mann strahlt. „Na dann. Waldmannsheil!“, entgegnet Finnberg und blickt auf die erschossenen Rehe.

Geschossene Rehe hängen kopfüber
Die Beute der Treibjagd – 18 Rehe.

Es ist an diesem Januartag vorerst die letzte Jagd. Zumindest für diese Saison, denn die Jagdzeit reicht von Ende Oktober bis zum 15. Januar. „Aber das ist auch gut so“, sagt der Stadt­förster, „Nach all den Jagden in den regionalen Forsten, die während des Jagd-Zeitraums fast jedes Wochenende stattfinden, sehnt man sich auch wieder nach ein bisschen Ruhe. Denn am Montag geht der Arbeitsalltag wieder ganz normal weiter – auch für uns Förster.“

© Main-Magazin 2017 (Fotos: Eva Hetzner)

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