Obdachlos: „Am Anfang war es verdammt schwer“

Obdachloser sitzt auf dem Boden
Vom Erfrieren bedroht: Besonders in der kalten Jahreszeit stellt Obdachlosigkeit ein großes Problem dar .

Obdachlosigkeit kann jeden aus jeder gesell­schaftlichen Schicht treffen. Immer mehr Menschen sind nach Ein­schätzungen der Bundes­arbeitsge­meinschaft Wohnungslosenhilfe ohne feste Bleibe. Zahl­reiche Ein­richtungen haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Menschen in sozialen Notlagen zu unterstützen.

Von Jennifer Brach

Nach dem Abitur studierte Berti sechs Semester Pädagogik an der Bundeswehr­hochschule in München und diente als Offizier bei der Bundes­luftwaffe. Er war ver­heiratet und Vater zweier Kinder. Doch dann verlor er seinen Job, seine Ehe scheiterte und er fing an zu trinken. Schließlich konnte er die Miete für seine Wohnung nicht mehr bezahlen und wurde obdachlos. 12 Jahre lang lebte der 49-Jährige auf der Straße. „Am Anfang war es verdammt schwer, vor allem wenn du nicht weißt, wo du schlafen sollst“, erzählt der gebürtige Würz­burger. Zu seinem Glück lernte Berti rasch Gleichgesinnte kennen, die ihm zeigten, wo er die wichtigsten Dinge zum Leben bekommt, und die ihren Über­nachtungs­platz mit ihm teilten. Eine Zeit lang machte er „Platte“ (umgangs­sprachlich für Schlafplatz) in einem ver­fallenen Gebäude. „Ich hatte dort ein Bett, zwei Schlaf­säcke und gut war’s“, erzählt Berti mit einem Schulter­zucken.

Seit ver­gangenem Herbst hat er ein Zimmer im Johann-Weber-Haus, einem sozial­therapeutisches Männer­wohnheim in der Nähe des Haupt­bahnhofs. „Ich hatte im September eine Herz-OP, danach ging das mit dem Leben auf der Straße einfach nicht mehr“, erklärt Berti. Dabei habe ihm sein unge­bundenes Leben bis dahin durchaus getaugt. In der Gemeinschafts­einrichtung fühlt er sich dennoch wohl und kann endlich wieder seiner Leiden­schaft fürs Kochen nachgehen: „Ich habe früher gerne gekocht, aber die letzten Jahre hatte ich fast nie die Möglich­keit dazu“. Der Platz im Johann-Weber-Haus wurde ihm durch Michael Thiergärtner, Einrichtungs­leiter der Wohnungs­losen­hilfe Würzburg, vermittelt.

Zahlen nur Schätzungen

Das Johann-Weber-Haus wie auch die Wohnungs­losen­hilfe werden von der Christophorus Gesellschaft, einem gemein­nützigen Zusammen­schluss von Diakonie, Caritas und der katholischen Kirchen­stiftung St. Johannes in Stift Haug, getragen. Neben der zentralen Beratungs­stelle, die Betroffene über ihre Rechte und weitere Hilfs­möglichkeiten informiert, beherbergt die Wohnungslosenhilfe auch eine Not­schlaf­stelle für Männer. „Wir haben über 20 Betten zur Verfügung, von denen pro Nacht im Schnitt acht bis neun belegt sind“, erklärt Thiergärtner. In der Kurz­zeit­über­nachtung können die Besucher bis zu sieben Nächte bleiben, erhalten Verpflegung und haben die Möglichkeit zu duschen und ihre Wäsche zu waschen.

Obdochloser hält ein Pappschild
Ein Mann bettelt in der Fußgängerzone: „Obdachloser bittet um eine kleine Gabe. Bin dankbar! Vielen Dank.“

Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 3.100 Über­nachtungen verzeichnet. Damit sei 2016 ein extrem hohes Jahr gewesen. Zum Vergleich: 2015 registrierte die Einrichtung noch knapp 2.800 Übernachtungs­gäste. „Ein Großteil der Leute, die zu uns kommen, ist auf der Durchreise“, führt der Diplom-Sozial­pädagoge an. Dies mache es schwierig, genaue Obdach­losen­zahlen zu erfassen. Thiergärtner schätzt aber, dass derzeit etwa 250 Menschen im Raum Würzburg auf der Straße leben. „Obwohl keine genaue Zahl vorliegt, ist eine deutliche Zunahme der Menschen ohne feste Bleibe zu erkennen“, so der Einrichtungs­leiter. Dieser Anstieg spiegelt sich auch in den Schätzungen der Bundes­arbeits­gemein­schaft Wohnungs­losen­hilfe e.V. (BAG W) wieder: Für 2014 wurden bundes­weit rund 39.000 Obdach­lose vermutet – 2012 lag die geschätzte Zahl noch bei ca. 26.000.

Obdachloser vor Kaufhaus
Temperaturen im Minusbereich: Bei eisiger Kälte harrt ein Obdachloser auf der Straße aus .

Ebenso auffällig ist die Zunahme der Wohnungs­losen. Die BAG W geht davon aus, dass 2014 rund 335.000 Menschen in Deutschland ohne feste Wohnung waren, für 2016 wurde ein Anstieg auf fast 380.000 erwartet. Allerdings handle es sich dabei lediglich um Schätzungen, betont die BAG W. Bis 2018 wird ein weiterer Zuwachs auf weit über eine halbe Million wohnungs­lose Menschen prognostiziert.  Während unter wohnungs­los alle Personen gefasst werden, die nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen und vorüber­gehend bei Freunden, Familie oder in Einrichtungen unter­kommen, bezieht sich Obdachlosigkeit nur auf diejenigen, die tatsächlich unter Brücken oder auf Parkbänken schlafen.

Pflicht der Gemeinden

Wird eine Person unfrei­willig obdachlos – zum Beispiel durch Verlust der Wohnung – ist die jeweilige Gemeinde, in welcher der oder die Betroffene wohnungs­los geworden ist, dazu verpflichtet, vorüber­gehend für eine menschen­würdige Unter­bringung zu sorgen. So hat es der bayerische Verwaltungs­gerichts­hof entschieden. „Jede Kommune muss Verfügungs­räume für solche Fälle haben – allerdings haben das die wenigsten“, kritisiert Michael Lindner-Jung. Der Diplom-Theologe leitet seit über drei Jahrzehnten die ökumenische Bahnhofs­mission und kennt die Problematik: „Vor allem in ländlichen Regionen gibt es oft keine ausreichende Infrastruktur. In den Städten ist die Unterstützung deutlich besser, deshalb kommen viele Wohnungs- und Obdach­lose aus den umliegenden Orten und kleineren Städten nach Würzburg“. Dies wiederum führe dazu, dass die Unter­bringungs­möglich­keiten überlaufen seien.

Hilfe statt Bürokratie

Während die Kurzzeit­übernachtung ausschließlich Männer aufnimmt, bietet die Bahnhof­smission in der Nacht einen geschützten Raum für Frauen und Kinder. „Im Schnitt sind ein bis zwei Frauen pro Nacht bei uns, viele davon nur für einzelne Nächte“, so Lindner-Jung. Für 2016 wurden 333 Übernachtungen registriert. Viele der Frauen werden an das Haus Antonie-Werr, eine soziale Einrichtung der Oberzeller Franziskaner­innen, vermittelt. Dort gibt es eine Notschlaf­stätte sowie ein betreutes Wohnen für Frauen.

Schild der Bahnofsmission in Wuerzburg
An 365 Tagen im Jahr geöffnet: Die Bahnhofsmission bietet Schutz und Hilfe für Menschen in Notlagen.

Die Bahnhofs­mission gehört zur Christophorus Gesellschaft und ist an 365 Tagen im Jahr für Wohnungs­lose und Durch­reisende geöffnet. Hier bekommen sie Tee, etwas zu essen, können sich aufwärmen. Und die Mitarbeiter haben immer ein offenes Ohr. „Alles, was wir machen ist schwellenarm, also mit wenig Bürokratie verbunden“, erklärt der Einrichtungs­leiter und fügt an: „Die Menschen sollen wissen, dass die Bahnhofs­mission ein Ort ist, zu dem sie einfach hingehen können.“ 2016 zählte die Einrichtung rund 46.700 Kontakte.

Wärmestube als sozialer Treffpunkt

Mit mehr als 15.000 Besuchern im vergangenen Jahr ist die Wärme­stube der Christophorus Gesellschaft eine weitere wichtige Anlauf­stelle für obdach­lose und bedürftige Menschen. An sechs Tagen die Woche gibt es hier etwas zu essen und zu trinken sowie pflegerische und medizinische Versorgung. Im Schnitt 50 bis 55 Besucher zählt die Wärme­stube laut Einrichtungs­leiter Christian Urban pro Tag. Die Menschen in der Wärme­stube schätzen das Angebot und sind froh einen Ort zu haben, an dem sie sich in der kalten Jahreszeit ein wenig aufwärmen können. Auch Berti kommt seit drei Jahren regelmäßig hierher. Für ihn seien die Leute wie ein Familien­ersatz geworden, denn seit er obdachlos ist, habe sich seine Familie von ihm abgewandt. „Hier ist immer was los“, erzählt er. „Es ist immer witzig und man hilft sich gegen­seitig.“

© Main-Magazin 2017 (Fotos: Jennifer Brach)

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