Das nächste Kapitel

Bundesagentur für Arbeit von außen
Die Bundesagentur für Arbeit und andere Organisationen machen sich stark für Flüchtlinge.

Für viele Flüchtlinge soll nach der Anerkennung ihres Asylantrags ein neuer Lebens­abschnitt beginnen. Doch die Jobsuche ist häufig schwierig. Behörden und Unternehmen in Unter­franken suchen nach Wegen, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Von Julia Kunkel

Deutschland, ein Jahr nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise: Der große Zustrom ist vorbei. Aufgrund des EU-Türkei-Abkommens und der Schließung der Balkan­route kamen 2016 nach Schätzungen der Bundes­polizei weniger als 200.000 Asyl­suchende nach Deutschland. Im Jahr davor waren es noch rund 890.000 Menschen. Nach der Erstver­sorgung und dem Schaffen von Notunterkünften steht jetzt das nächste Kapitel der Flüchtlings­krise an: die Integration der vielen Menschen in den Arbeitsmarkt.

In Deutschland dürfen Flüchtlinge frühestens drei Monate, nachdem ihr Asylver­fahren aufge­nommen wurde, arbeiten. Allerdings nur unter bestimmten Bedingungen und abhängig vom Status des Asylver­fahrens. Hat ein Flüchtling die unbe­schränkte Aufenthalts­erlaubnis, gibt es theoretisch keine Ein­schränkungen mehr. Praktisch jedoch gestaltet sich die Arbeits­suche für Flüchtlinge auch dann noch als schwierig. Mangelnde Sprach­kenntnisse, bürokratische Schwierigkeiten und Unsicher­heiten seitens der Unternehmen führen dazu, dass Flüchtlinge trotz der Möglichkeit oft lange vergebens nach Jobs suchen.

Vielfältige Hilfsangebote

Damit die Flüchtlinge schnell einen Weg in die Unternehmen finden, gibt es in der Region eine Viel­zahl von Organi­sationen, die an diesem Ziel arbeiten. Darunter sind die Agentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt, die Handwerks­kammer für Unterfranken sowie Ehren­amtliche, die an unter­schiedlichen Punkten zum Helfen ansetzen. „Wir wollen vor allem Tür­öffner sein, damit Betrieb und Flüchtling schneller und pass­genauer zusammen­finden“, sagt Isabel Schauz, Sprecherin der IHK. Mit Unter­stützung der Staats­regierung würden die bayerischen IHKs ein breites Maßnahmen­paket umsetzen, darunter Sprach­förderungen und  kosten­freie Schulungen für Ausbilder und Personaler zu rechtlichen und inter­kulturellen Themen. Seit Oktober 2016 gibt es zudem das Regional­netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge in Mainfranken“, in dem aktuell über 60 Unternehmen und 40 weitere Akteure aus Politik, Verwaltung, Ehrenamt, Schulen und Sozial­verbänden vertreten sind.

Tür der Agentur für Arbeit in Würzburg
Die Bundesagentur für Arbeit in Würzburg bietet zahlreiche Unterstützungsangebote für Menschen mit Flüchtlingshintergrund an.

Patricia Gottschalk-Zeissner, Ausbildungs­leiterin beim Pharmag­roßhändler Ebert & Jacobi in Würzburg, beurteilt die Bemühungen und Angebote der Behörden als hilfreich. So gäbe es beispiels­weise von der Agentur für Arbeit die sogenannte ausbildungs­begleitende Hilfe für junge Menschen. Dabei werden je nach Bedarf beispiels­weise die Sprach­kenntnisse ver­bessert oder fach­theoretische Fertigkeiten gefördert.

Grundvoraussetzung: Sprachkenntnisse

Die wichtigste Voraussetzung und gleichzeitig das größte Hindernis sind meist die Sprach­kenntnisse. Für eine Ausbildung empfiehlt die IHK Würzburg mindestens das Sprach­niveau B1, also die selbst­ständige und zusammen­hängende Verwendung einer Sprache in ver­trauten Situationen. Doch im Berufs­alltag erwiesen sich vor allem Fach­begriffe oft als schwierig, so Gottschalk-Zeissner. In Werbe­formaten werde den Unter­nehmen vermittelt, sie sollen die Quali­fikationen der Flüchtlinge für den eigenen Betrieb nutzen. „Das würden wir gerne, wenn wir ihnen denn vermitteln könnten, was sie tun sollen“, erklärt die Ausbildungs­leiterin. „Wenn sie Anweisungen nicht verstehen, bringt uns auch ein Diplom nichts.“

In anderen Unternehmen reichen auch gute Englisch­kenntnisse. „Das macht es manchmal ein bisschen schwieriger, aber Englisch ist im Unter­nehmen so etabliert, dass das auch funktioniert“, erläutert Dr. Corinna Weber von Laboklin. In dem Labor für klinische Diagnostik mit Sitz in Bad Kissingen macht derzeit eine Asyl­bewerberin aus der Ukraine eine Aus­bildung zur Biolaborantin. „Wir sind ein inter­nationales Unter­nehmen und haben gerne inter­nationale Mitarbeiter, deswegen bemüht sich jeder. Dennoch: Deutsch oder Englisch – eines davon sollte schon flüssig sein.“

Neben der Sprach­barriere gibt es weitere Punkte, die Unternehmen abschrecken, ein solches Arbeits­verhältnis einzugehen. Liegt keine rechtliche Verbindlichkeit beim Auf­enthalts­­­status vor oder stammen die Flüchtlinge aus einem Land ohne hohe Bleibe­wahrscheinlich­keit, ist das Risiko für die Unter­nehmen hoch, dass die Flüchtlinge vor dem Ende ihrer Ausbildung ausgewiesen werden – die Investition für die Unternehmen wäre damit umsonst. Auch Traumata oder die oft beengten Wohn­situationen in Gemeinschafts­unterkünften, die das Lernen beeinträchtigen, erschweren oft eine erfolgreiche Ausbildung, so IHK-Sprecherin Schauz.

Praktika als Einstiegschance

Eine gute Einstiegsmöglichkeit in einen Betrieb stellen häufig Praktika da. So kam auch Akram Qasem Kheder zu Ebert & Jacobi. Der 24-Jährige begann mit einem zweitägigen Praktikum, das auf vier Wochen verlängert wurde. Weil er sich bewährte, erhielt er einen Halb­jahres­vertrag und fing im September 2016 schließlich seine Ausbildung zum Fach­lagerist an. Für Gottschalk-Zeissner ist ein Praktikum ideal, um zu sehen, wie gut sich ein potenzieller Auszu­bildender integrieren kann. „Es ist ein personeller Aufwand, weil wir viel Hilfe­stellung geben“, erklärt die Ausbildungsleiterin. Auch zukünftig kann sie sich vorstellen, Flüchtlinge auszu­bilden – wenn auch in kleiner Zahl. „Wir wollen, dass sie hier ein gutes Praktikum und eine gute Ausbildung absolvieren und nicht nur eine billige Arbeits­kraft sind. Das soll Qualität haben.“

Die Behörden und Kammern arbeiten gemeinsam daran, die Flüchtlinge in den Arbeits­markt der Region zu integrieren. Auch die Betriebe öffnen sich nach und nach und nutzen das Potenzial, dass die neuen Arbeits­kräfte bieten. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Integration in den Betrieb sehr gut und un­kompliziert verläuft. Da sind schnell Mitarbeiter gefunden, die gerne unter­stützen und Hilfe­stellung geben“, berichtet IHK-Sprecherin Schauz. In großen Betrieben könnten die Flüchtlinge oft auf bestehende Strukturen wie beispiels­weise Lehr­werkstätten oder Paten­systeme zurückgreifen. Aber auch in kleineren Betrieben fänden sich schnell Mitarbeiter, die sich den neuen Arbeits­kräften annehmen würden. „So oder so – die Betriebe lassen sich viel einfallen, um ihre neuen Mitarbeiter gut in den Betriebs­alltag zu integrieren“, zieht Schauz als Fazit.

© Main-Magazin 2017 (Fotos: Julia Kunkel)

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