Bäckerei bewahrt Essen vor dem Mülleimer

Sushi-Rollen, frisches Obst, Backwaren und anderes Essen auf einem Tisch
Sushi-Rollen, frisches Obst, Backwaren – mit der TGTG-App müssen Nahrungsmittel nicht mehr im Mülleimer landen.

Gutes Abendessen trotz eines kleinen Portmonees? Das ist bereits seit einigen Monaten  möglich. Mit der App „Too Good To Go“ („Zu gut zum Weg­schmeißen“) können Hungrige übrig­gebliebene Lebensmittel von Supermärkten oder ganze Gerichte von Gaststätten vor dem Wegschmeißen bewahren. Das schont die Umwelt und den Geldbeutel. Das Marktcafé Brandstetter macht als bisher einziger Würzburger Betrieb mit.

Von Marta Tycz

Glänzendes Obst und Gemüse, meterlange Kühlschränke mit Milch- und Fleischwaren, leuchtende, bis zum Rand befüllte Regale. Jeder, der in den Supermarkt geht, kennt das und jeder erwartet eine große Auswahl. Kein von der Zeit getriebener Kunde mag Laden­hopping. Besonders, wenn er bestimmte Zutaten dringend benötigt. Die Erwartungs­haltung der Kunden, alle erdenklichen Produkte jeder­zeit zu bekommen, hat ihren Preis. Super­märkte und Bäckereien stellen ein derart üppiges Sortiment zur Schau, dass viele Lebens­mittel nicht verkauft, sondern wegge­schmissen werden. Einer Studie der Universität Stuttgart zufolge gehen insgesamt 1,3 Milliarden Tonnen jährlich für den menschlichen Verbrauch verloren oder auf direkten Weg in den Müll­eimer. Das entspricht 73.000 voll­beladenen Lastwagen.

App reduziere die Umweltbelastung

Um alldem Überfluss entgegen­zuwirken, entwickelte ein dänisches Unternehmen die App „Too Good To Go“ (TGTG). Die Gründer möchten der Lebensmittel­verschwendung den Kampf ansagen. Gaststätten, Cafés, Supermärkte und Bäckereien können dank des Internet-Dienstleisters ihre Rest­ware ab zwei Euro verkaufen anstatt sie wegzu­schmeißen. Nach Aussagen der Firma hat TGTG bereits viel erreicht: „In weniger als einem Jahr haben wir 900 Tonnen CO2 eingespart“. Das wäre etwa so viel CO2, wie eine Person für einen Flug von Frankfurt nach Sydney verbraucht – und das mal 60. Wie die Firma auf die 900 Tonnen kommt, erläutert sie auf ihrer Homepage nicht.

Die Funktionsweise der kosten­losen App lässt sich hingegen leicht erklären: Der App-User findet nächst­gelegene TGTG-nutzende Betriebe online oder über sein Handy. Wenn er etwa ein Sushi-Restaurant aus­sucht, kann er per App eine Portion reservieren und diese über das PayPal-System oder per Kredit­karte bezahlen. Was er für das Tausch­geschäft genau erhält, sieht er erst im Geschäft. Der Kunde holt die Algen­röllchen abschließend für drei Euro in umwelt­freundlichen Take-Away-Boxen aus Zucker­rohr ab.

Leckere Überraschungstüte für 3,50€

In Würzburg macht seit November 2016 das Marktcafé Brand­stetter bei dieser neuen Art des Gastro-Foodsharing mit. „In einer Zeit, in der Nach­haltig­keit und Umwelt­bewusstsein eine immer wichtigere Rolle spielen, ist es wichtig, Bürger und Betriebe für das Thema „Weiter­­­verwertung“ zu sensibilisieren“, sagt Thomas Schäflein, Geschäftsführer der Brand­stetter-Bäckerei. Für nur 3,50€ können Würzburger die „Brandstetter Überraschungs­tüte“ in der Markt­gasse 15 Minuten vor Laden­schluss abholen. Gegen Vorlage des digitalen Kassen­belegs auf dem Handy bekommt der Kunde ein buntes Allerlei, das tagesabhängig zusammen­gestellt wird. „Als Bäckerei sollte immer so produziert werden, dass auch für Kunden, die auf dem Weg von der Arbeit nach Hause zu uns kommen, immer noch eine gute Auswahl an Produkten zur Verfügung steht“, erklärt Schäflein den Überschuss an Backwaren. In die Brandstetter Tüte würden ausschließlich Teig­produkte gepackt werden, die er aus rechtlichen und Qualitäts­gründen am nächsten Tag nicht mehr verkaufen dürfe – beispiels­weise Frischeartikel.

Papiertüte mit Kuchen und Brot
TGTG– Das Würzburger Marktcafé Brandstetter macht mit.

Zurück halte Schäflein für die Tüten nichts, denn der Verkauf zum vollen Preis steht für den Geschäfts­führer im Vorder­grund: „Durch TGTG haben wir die Möglichkeit, einen Teil der Ware vor dem Müll zu retten und einen Teil der entstandenen Kosten zu decken. Langfristig werden wir versuchen, aus den Produktions- und Restmengen zu lernen und besser zu produzieren.“ Zuvor erkannte die Bäckerei, dass Reste wertvolle Rohstoffe sind und führte diese zur Weiter­ver­wertung der städtischen Biogas­anlage zu. Da hat der „Abfall“ im Wert­stoff­kreislauf einen energetischen Nutzen für die Gesellschaft. Wegen des positiven Echos und regelmäßig verkaufter Restware plant die Bäckerei auch ihre übrigen Filialen bei der Recycling-App ab dem 30. Januar 2017 anzumelden. Ein Nachteil sei, laut Schäflein, dass die App nicht auf allen Mobil­telefonen funktioniere. Außerdem schlägt er vor, Push-Mitteilungen einzurichten, damit diese die User über neu eingestellte Tüten informieren.

Betriebe noch nicht überzeugt

Weshalb nicht mehr Unternehmen bei TGTG registriert sind, erscheint aufgrund der vielen Vorteile schleier­haft. Auf Nachfrage bei verschiedenen Betrieben summieren sich die Argumente. Der Inhaber eines „Running Sushi“ erklärt, dass der zusätzliche Mehr­aufwand nicht tragbar sei. Bei diesem werde der gesamte Restmüll, das heißt eine Menge von zwei bis fünf Litern täglich, weg­geschmissen.

Markus Roth von der Bäckerei Roth löst das Recycling-Problem anders. Seine Restware wurde bisher teil­weise an Flüchtlinge in Heidings­feld vergeben, zu Teig weiterver­arbeitet oder von Mit­arbeitern mit nach Hause genommen. Andere Backwaren verarbeitet er zu Schweine­futter. Was übrig bleibt, werde weg­geschmissen. Seinen Schätzungen zufolge beläuft sich der Müll­anteil auf bis zu zehn Prozent der täglichen Verkaufs­ware. Einen Höchst­wert wollte er nicht schätzen.

Bei einem weiteren Gespräch mit dem Restaurant und Weinhaus Stachel wurde als Argument genannt, dass es nichts wegzu­werfen gäbe, da alle Mahl­zeiten frisch zubereitet werden. Unter dem Strich ergab die Recherche, dass besonders der noch schwache Bekanntheits­grad der jungen App für die geringe Nutzung wahrscheinlich ist.

© Main-Magazin 2017 (Fotos: Too Good To Go)

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