Die Winzerin

Winzerin Madlen Braun auf ihrem Weinberg
In dem Familienbetrieb wird die Hauptarbeit im Weinberg von Madlen Braun und ihrem Vater erledigt.

Madlen Braun behauptet sich in einer Männerdomäne: Sie ist Winzerin im kleinen Weinort Markelsheim im Taubertal. Schwierigkeiten kann hier nicht nur die manchmal fehlende Akzeptanz bereiten.

Von Selina Mühleck

Madlen Braun hantiert mit Schläuchen und einer Pumpe. Die blonde 27-Jährige steht in dunkler Arbeitskleidung und dunkelgrünen Gummistiefeln zwischen zahllosen silbernen Tanks, die fast bis zur Decke der Halle reichen. „2016 Riesling Kabinett“ steht auf dem Schild am Tank, den sie gerade bearbeitet. Selbst wenn man den Ort mit geschlossenen Augen betreten würde, wüsste man, wo man sich befindet: Der starke Weingeruch verrät sofort, was hier produziert wird. Unter dem Licht von Neonröhren und zwischen großen Körben voller Flaschen, silbernen Wannen und braunen Boxen erklärt die junge Frau geduldig, wofür die Gerätschaften zu verwenden sind. Während sich die Leute im kleinen Weinort Markelsheim an der Tauber an diesem Samstag einem entspannten Start ins Wochenende hingeben, hat für sie gerade ein ganz normaler Arbeitstag begonnen.

Madlen Braun an einem Weintanks
Die Jungwinzerin zieht klaren Wein aus dem Tank und testet den neuen Jahrgang.

Winzerinnen sind eher selten

Madlen Braun ist Winzerin und behauptet sich dabei in einem Berufsfeld, in dem Frauen aufgrund der schweren körperlichen Arbeit noch recht selten zu finden sind. Auch mit ihrer Ambition, irgendwann selbst die Chefin des Weinguts ihrer Eltern zu sein und damit einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen, stellt sie eher eine Ausnahme dar. Auch sonst nimmt die Jungwinzerin nicht das übliche weibliche Rollenbild in der Weinbranche an. Junge, hübsche Frauen wie sie sind in dieser Branche weniger in dem harten, auch körperlich anspruchsvollen Beruf des Winzers selbst zu finden, sondern eher als Weinprinzessinnen und -königinnen. Schick gekleidet und mit Krönchen reisen sie von Ort zu Ort, von Weinfest zu Weinfest und repräsentieren den Wein ihrer Heimatgemeinde.

Kein Urlaub, wenig Freizeit

Zwar kam dies für Madlen Braun schon deshalb nie in Frage, weil die Weinkönigin aus ihrem Ort immer von der Genossenschaft – in der die Brauns kein Mitglied mehr sind – gestellt wird. Allerdings konnte sie es sich trotzdem nicht vorstellen das Amt zu übernehmen. „Ich habe schon immer lieber etwas gemacht als repräsentiert und bin daher auch lieber am Produkt“, sagt sie. „Zwar habe ich kein Problem vor Menschen zu stehen und Weinproben zu halten, aber die Weinhoheiten taten mir auch manchmal richtig leid.“ Das ewige Tingeln von einem Ort zum anderen und die vielen Pflichten und Konventionen hätten für sie immer eher den Eindruck von Marionetten hinterlassen.

Dass sie Winzerin werden wollte, war dabei aber nicht immer klar. „Ich wusste immer, was ich nicht werden will – und am Anfang gehörte auch der Winzerberuf dazu. Kein Urlaub, viel Arbeit und auch am Wochenende nur wenig Freizeit.“ Dass es sie dann doch in den Weinberg verschlagen hat, erklärt sie damit, dass sie schon immer eher der Typ für handwerkliche und naturbezogene Arbeiten gewesen sei. Die Eltern standen dem Wunsch allerdings zunächst skeptisch gegenüber. „Als ich entschieden habe, dass ich Winzerin werden will, haben meine Eltern erst einmal gesagt, ich solle mir das gut überlegen.“ Vor allem als ihr jüngerer Bruder denselben Berufswunsch hegte, äußerten sie Bedenken und waren besorgt, beide Kinder in diesem stressigen Arbeitsgebiet zu sehen.

Den Weg in den Weinbau haben beide trotzdem eingeschlagen. Nach einer dreijährigen Winzerausbildung in verschiedenen Betrieben, einem Gesellenjahr und anschließender Vollzeit-Technikerschule kann sich Madlen Braun seit 2012 „Technikerin für Weinbau und Kellerwirtschaft“ nennen. Damit legte sie den Grundstein für den Einstieg ins elterliche Weingut und den Aufbau einer eigenen Weinproduktion.

Die Aufgaben sind klar verteilt

Der Betrieb der Brauns war nämlich noch nicht immer eigenständig. Vor zwei Generationen lediglich als Zusatzverdienst zur Landwirtschaft aufgebaut, wurde der Wein bis 2010 ausschließlich über die örtliche Genossenschaft produziert und vertrieben. Mit der Entscheidung der beiden Kinder, den Berufsweg des Winzers einzuschlagen, folgte ab dann jedoch der Aufbau einer eigenen Weinmarke. Noch während sie die Technikerschule besuchte, arbeitete Madlen Braun am eigenen Weinausbau. Neben der Weinproduktion, die ab diesem Zeitpunkt alleine gestemmt werden musste, waren auch der Direktvertrieb und der damit einhergehende Aufbau eines Kundenstamms große Herausforderungen, die es zu meistern galt.

Familienbetrieb

Das Weingut komplett neu auszurichten, war dabei für die junge Frau durchaus nicht einfach. Vor allem aufgrund ihres jungen Alters hatte sie am Anfang oft Probleme, von den Leuten ernst genommen zu werden. „Es kam schon öfters vor, dass mich Kunden gefragt haben, wann denn jetzt der Winzer kommt. Oder am Telefon soll ich den Hörer heute noch manchmal an Mama oder Papa weitergeben“, erzählt sie. Aber die patente Frau nimmt solche Vorfälle mit Humor und kann sich – obwohl bis jetzt noch der Vater der offizielle Chef ist – auch immer darauf verlassen, dass ihre Familie bei allen Entscheidungen hinter ihr steht. Derzeit lebt der Familienbetrieb von dem Verkauf 22 verschiedener Weinsorten, einer eigenen Brennerei sowie Acker- und Obstbau. Auch eine immer wieder für wenige Wochen geöffnete Weinstube gehört dabei zum Konzept.

Winzerin Braun im Weinverkauf
Im kleinen Weinverkauf neben der Besenwirtschaft können die Kunden die hauseigenen Weine, Liköre und Obstbrände erwerben.

Die Aufgaben sind klar verteilt. Während sich ihr Vater um den Ackerbau und die Brennerei und die Mutter um die Weinstube kümmert, ist Madlen Braun für den Wein selbst zuständig. „Mein Vater hat den Beruf nicht gelernt, von daher war ich von Anfang an für den Weinausbau verantwortlich.“ Auch die Organisation, Werbung und der Vertrieb liegen in den Händen der Weinbautechnikerin. Trotzdem würden wichtige Dinge – vor allem, wenn es um die Weintypen und zukünftige Pläne geht – von der ganzen Familie entschieden. Auch der jüngere Bruder, der derzeit noch bei einem anderen Weingut arbeitet, steht hier mit Rat und Tat zur Seite.

Erfolgsfaktor Zusammenhalt

Ihre Rolle als Frau in dem Männerberuf sieht sie entspannt: Große Nachteile habe sie da nicht. Schon im ersten Lehrjahr hatte sie eine Winzerin als Chefin und damit das praktische Beispiel vor Augen, dass auch Frauen diesen Beruf ausüben können. An manchen Punkten sieht sie sogar Vorteile ihres Geschlechts. „Manchmal sind Männer ein bisschen ungeduldiger“, findet Madlen Braun. Beispielsweise wenn es um den Weinausbau geht, also die Arbeit im Weinkeller – oder auch um die Frage, wann der Zeitpunkt zur Weinlese gekommen ist.  Einzig für die schweren Arbeiten im Weinberg, für die viel Kraft nötig ist, ist sie manchmal auf männliche Hilfe angewiesen. Hier zögert sie aber nicht, auch die Unterstützung ihres Vaters oder Bruders anzunehmen. Denn in einem Familienbetrieb zählt schließlich, dass jeder seine Stärken einbringt und damit die Schwächen des anderen ausgleicht.

Das Wetter spielt eine große Rolle

Der Zusammenhalt ist dabei elementar wichtig. Denn der Weinbau ist keine einfache Art, sein tägliches Brot zu verdienen. So ist man als landwirtschaftlicher Betrieb zum Beispiel absolut vom Wetter abhängig. Jedes Extrem – sei es Frost oder Hitze, Nässe oder Trockenheit – führt zu Ertragseinbußen. Man kann sich zwar Ziele setzen, aber weder lang- noch kurzfristig ist eine sichere Planung möglich. Madlen Braun spricht deshalb von einem stetigen „Wenn-und Aber-Plan“. Trotz dieser schwierigen Voraussetzungen hat harte Arbeit und viel Engagement der ganzen Familie dem Weingut zum Erfolg verholfen. Sogar mehrere Auszeichnungen konnten die Brauns für ihre Weine schon entgegennehmen.

Für Madlen Braun bietet ihr Beruf nicht nur viele verschiedene Arbeitsfelder, sondern auch immer neue Herausforderungen. Auf die Frage, ob sie den Weinbau auch für andere junge Frauen empfehlen würde, meint sie: „Winzerin ist ein Beruf, den man mit dem passenden Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen gut machen kann. Man muss sich nur etwas trauen und zutrauen.“ Sie jedenfalls fühlt sich wohl in ihrer Rolle als Winzerin.

© Main-Magazin 2017 (Fotos: Selina Mühleck)

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