Autonomes Fahren – Der Mensch steht noch nicht im Mittelpunkt

Beschimpfen keine Fußgänger, sind aber auch sonst kommunikationsschwach: Autonome Autos müssen laut Franziska Schätzlein noch lernen, besser mit Menschen zu kommunizieren. Foto: Andrea Deublein

Entwickler autonomer Fahrzeuge haben bislang wichtige Nutzerbedürfnisse nicht einbezogen, kritisiert Franziska Schätzlein bei einem Vortrag in Würzburg. Die Referentin zeigt wesentliche Probleme der fehlenden Benutzerfreundlichkeit autonomer Fahrzeuge auf. Dabei wird klar, dass bis zu einer Marktreife noch viele Schritte zu gehen sind. Der Vortrag zum Thema „Autonomes Fahren: Ein menschenzentrierter Blick“ findet im Rahmen des World Usability Day 2016 im Tagungszentrum der Festung Marienberg statt.

von Andrea Deublein

Technische Aspekte bislang im Vordergrund

„Autonomes Fahren, das ist die Zukunft“, leitet Schätzlein vom Ludwigsburger Unternehmen User Interface Design in ihren Vortrag ein. „Allerdings hakt es an einigen Stellen noch.“ So konzentriere sich die Entwicklung aktuell fast ausschließlich auf technische Gesichtspunkte. Ein Beispiel dafür sei die fortschreitende Kommunikation zwischen den Fahrzeugen. Fahrzeuge tauschen untereinander Informationen aus, beispielsweise zu Verkehrsaufkommen oder freien Parkplätzen. An der bisherigen Vorgehensweise äußert die Referentin jedoch starke Kritik. Technische Innovation sei ohne Zweifel wichtig – „die Bedürfnisse der Nutzer dürfen dabei aber nicht auf der Strecke bleiben“, so ihre Forderung. Sie ermutigt dazu, sich vermehrt mit dem Endverbraucher auseinandersetzen, um für jeden Einzelnen ein optimales Fahrerlebnis garantieren zu können.

„Menschen sind schwierig“

Sollte die Industrie weiterhin so vorgehen wie bisher, würden die Folgen spätestens bei der Markteinführung autonomer Fahrzeuge erkennbar, betont Schätzlein. Der Grund sei simpel: Bringen die Kunden der neuen Technik nicht genug Vertrauen entgegen, werden sie auch nicht bereit sein, diese zu nutzen. So habe beispielsweise jeder Autofahrer ein individuelles Sicherheitsbedürfnis, welches sein Fahrverhalten maßgeblich bestimme. Autonome Fahrzeuge sollten deshalb in der Lage sein, sich an die Vorlieben des jeweiligen Nutzers anzupassen, um ein Vertrauensverhältnis herzustellen. Die Umsetzung ist Schätzlein zufolge jedoch kompliziert: „Wir Menschen sind schwierig. Im Gegensatz zum Großteil aller technischen Gesichtspunkte lässt sich unser Verhalten nicht berechnen – es ist individuell und situationsabhängig.“

Konsequenzen für sämtliche Verkehrsteilnehmer

Doch die Referentin geht noch einen Schritt weiter: Neben dem direkten Nutzer würden künftig auch andere Personengruppen mit dem autonomen Fahrzeug kommunizieren und interagieren, zum Beispiel Fußgänger und Radfahrer. Auch auf diese Verkehrsteilnehmer müsse das Fahrzeug angemessen reagieren, beispielsweise wenn es ordnungsgemäß vor einem Zebrastreifen halte. „Studien haben ergeben, dass in vier von fünf solcher Situationen eine nonverbale Verständigung zwischen Fahrer und Fußgänger stattfindet“, so Schätzlein. „Menschen suchen gerne den Augenkontakt ihres Gegenübers, um sich abzusichern.“ Finde diese Art der Kommunikation mangels eines menschlichen Fahrers nun nicht mehr statt, so könne dies den Fußgänger stark verunsichern. „Gerade in der Anfangsphase wird sämtlichen Verkehrsteilnehmern ein grundsätzliches Vertrauen in die neue Technik fehlen“, gibt die Referentin zu bedenken. „Wenn wir wollen, dass autonomes Fahren erfolgreich wird, müssen Lösungen entwickelt werden, die vermehrt auf den Menschen Bezug nehmen.“ Die Technik werde in Zukunft also sehr viel leisten müssen, um sich intelligent auf die jeweiligen Akteure einzustellen.

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