Bavaria Yachtbau:
Weit und breit kein Ozean in Sicht

Mitten in Unterfranken versteckt sich Deutschlands größte Sportboot- und Segelwerft. Seit Ende der 70er Jahre werden in Giebelstadt bei Würzburg Yachten buchstäblich wie am Fließband produziert.

Von Nina Schnürer

Der Begriff Werft stammt aus dem Alt-niederländischen und bedeutet „Der am Wasser baut“. Es macht ja auch Sinn, Schiffe möglichst nah am Wasser zu bauen, könnte man meinen. Idealerweise sogar am Meer. Und tatsächlich sind die meisten großen Werften in Deutschland genau dort angesiedelt: In Kiel, Stralsund, Bremerhaven. Anders die größte Sportboot- und Segelwerft des Landes, die Bavaria Yachtbau GmbH. In dem beschaulichen Örtchen Giebelstadt, 20 km südlich von Würzburg, werden hier, weitab von jedem Ozean, Segel- und Motoryachten gebaut und vertrieben.

Der auf den ersten Blick ungünstige Standort war jedoch nie ein Problem für das Unternehmen. Ganz im Gegenteil: “Wir sitzen im Zentrum von Europa und durch eine gute Autobahnanbindung erreichen wir das Mittelmeer, den Atlantik und die Ostsee in fast gleicher Zeit. Deshalb werden all unsere Yachten per Lkw transportiert“, erklärt Marcus Schlichting, Pressesprecher der Bavaria Yachtbau GmbH. „Eine Ausnahme stellen hier nur unsere Katamarane dar, die aufgrund ihrer Breite schwer auf die Straße passen und deshalb in Frankreich hergestellt werden.“

Kunststoff – Maschinen – Roboter

Alles begann mit einer kleinen Fertigungsstätte für Kunststofffenster der Firma HeHa-Plast, die der fränkische Industriekaufmann Winfried Herrmann Ende der 60er Jahre gründete. Schon bald wollte der ehemalige Staubsaugervertreter jedoch mehr: Parallel zu seiner Fensterfabrik begann er ab 1977 Boote zu bauen und gründete 1978 zusammen mit dem Yachtcharter-Vermittler Josef Meltl die Bavaria Yachtbau GmbH. Von großem Vorteil für den Bau der ersten Boote war in den Anfangszeiten besonders das Know-how der HeHa-Plast-Mitarbeiter im Umgang mit Kunststoff. Obwohl zunächst von der Branche belächelt, entwickelte sich das Unternehmen im Laufe der Jahre zu einem der Vorreiter im modernen Yachtbau.

Nach dem Vorbild der Automobilindustrie verwandelte der Tüftler Winfried Herrmann den Yachtbau in Giebelstadt immer mehr in eine industrielle Fertigung inklusive riesiger Fließbänder. Als erster Yachtbauer überhaupt setzte er außerdem auf modernste Maschinen und Roboter, mit deren Hilfe die Boote in Rekordzeit gefertigt werden konnten. Eine Revolution im Yachtbau, welcher damals noch zu großen Teilen in Handarbeit ausgeführt wurde. Die so produzierten preisgünstigen Modelle ließen die Konkurrenz bald aufhorchen. Schnell meldeten sich kritische Stimmen zu Wort, die bis heute behaupten, den Fließband-Booten der Bavaria fehle es an Seele. „Dem können wir nicht zustimmen“, widerspricht Jürgen Tracht vom Bundesverband Wassersportwirtschaft. „Bavaria produziert Serienyachten und verfolgt dabei eine Plattformstrategie. Nur dies ermöglicht es, hochwertige Produkte zu attraktiven Preisen anzubieten.“

2006 produzierten die Franken bereits 3.500 Segel- und Motoryachten und gehörten damit zur ersten Riege der weltweit größten Sportbootwerften. Profitabel war das Unternehmen wohl hauptsächlich durch den knallharten Rationalisierer Winfried Herrmann, der sich an seinem großen Vorbild, dem Autobauer Henry Ford, orientierte. So hatten die Kunden beispielsweise keine großen Auswahlmöglichkeiten, was das Design ihrer Boote betraf. Alles musste so schnell wie möglich vom Fließband laufen – in Spitzenzeiten bis zu 18 Segel- und Motorboote täglich, die dafür aber zu günstigeren Preisen als herkömmlich angeboten werden konnten.

Stürmische Zeiten durch die Finanzkrise

Geschick bewiesen Winfried Herrmann und sein Geschäftspartner Josef Meltl nicht nur beim Aufbau der Bavaria, sondern vor allem bei ihrem Verkauf 2007. 1,2 Milliarden Euro erhielten die beiden Gesellschafter angeblich von einem amerikanischen Finanzinvestor für die Werft. Und das just vor dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2008, im Zuge derer auch die Bavaria-Umsätze schlagartig einbrachen. Nur 90 Millionen Euro, und damit zwei Drittel weniger als im Vorjahr, setzte das Unternehmen 2008 um. Statt der erwarteten 4.000 Yachten sank die Zahl der in Giebelstadt gefertigten Boote gleichzeitig auf unter 1.000. Stürmische Zeiten brachen damit für die erfolgsverwöhnten Franken an.

Bereits 2009 wurde die Bavaria Yachtbau GmbH an die US-Hedgefonds Anchorage Advisors und Oaktree Capital Management verkauft, die das strauchelnde Unternehmen wieder auf den richtigen Kurs führen sollten. In den nächsten Jahren folgten Entlassungen in der Verwaltung, häufige Wechsel in der Führungsetage und Unternehmensumstrukturierungen. Doch die Anstrengungen scheinen zu wirken: „Wir haben die Krise mittlerweile überwunden. Der Markt ist jedoch nach wie vor schwierig. Aber wir konnten in allen Marktsegmenten Anteile hinzu gewinnen“, so Unternehmenssprecher Schlichting.

Heute beschäftigt die Bavaria Yachtbau GmbH auf 200.000 Quadratmetern Werft mit 70.000 Quadratmetern Produktionsfläche rund 600 Mitarbeiter. Das Unternehmen verfügt über eine eigene Schreinerei, verschiedene Werkstätten und fünf Montagestraßen, an denen jeweils ein Team aus Spezialisten Station für Station die neuen Yachten fertigt. Für gleichbleibende Qualität sorgt eine hochmoderne CNC-Fräs-, Säge-, Schleif- und Bohrmaschine, die der Yachtbauer speziell für seine Bedürfnisse entwickeln ließ.

Auch dem Wunsch vieler Kunden, ihre Yachten individueller gestalten zu können, wird mittlerweile Rechnung getragen. „Unsere Yachten sind seit der Krise viel komfortabler und komplexer geworden. Der durchschnittliche Preis pro Boot liegt heute viel höher als vor der Krise. Deshalb brauchen wir noch immer 600 Mitarbeiter bei weniger Booten, aber fast gleichem Umsatz,“ so Schlichting. Verbandschef Jürgen Tracht bestätigt: „Bavaria hat in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, die Qualität ihrer Produkte weiter zu verbessern. Der Markterfolg zeigt, dass dies auch von den Käufern honoriert wird.“

Heute finden sich Bavaria Yachten auf der ganzen Welt und das Bootsbauunternehmen hat sich zu einem der größten Arbeitgeber in der Region Würzburg entwickelt. Bayern ist also auch in Bereichen ganz vorne mit dabei, bei denen man es auf den ersten Blick gar nicht vermuten würde. Denn: Deutsche Ingenieurskunst ist auch im Schiffsbau sehr gefragt.

© Main-Magazin 2016 (Foto: Seqoya/Fotolia. Hinweis: Das Symbolfoto stellt kein Produkt der Bavaria Yachtbau dar.)

 

Written By
More from Redaktion

Von Angst und Wut getrieben

Um das Spiel mit Angst und Wut und die Emotionalisierung von Wahlkämpfen...
Read More