„Essstörungen sind behandelbar“

"Messbar zu dick" oder "messbar zu dünn" - für Bodo Warrings gehören Essstörungen zu leicht diagnostizierbaren Erkrankungen. Foto: dreimirk30 / pixelio.de

Es gibt zwar nicht die eine Pille oder das eine Medikament, um Essstörungen zu heilen, doch man kann sie behandeln. Das erklärt Dr. med. Bodo Warrings in einem Vortrag zum Thema „Vorbeugung und Behandlung häufiger psychischer Beschwerden“ in den Barockhäusern in Würzburg am 16. November 2016.

von Claudia Werner

In seinem Vortrag „Durch dick und dünn – Essstörung und ihre Behandlung“ stellte der Oberarzt der Psychosomatischen Tagesklinik in Würzburg Behandlungsmethoden für Anorexie (Magersucht), Bulimie (Essbrechsucht), Binge Eating (periodische Heißhungeranfälle) und Adipositas (Fettsucht) vor.

Die Behandlungsmethoden haben sich geändert

Warrings hat „Adipöse vor 10 Jahren auch anders behandelt als heute“. Die Behandlungsmethoden haben sich verändert. Wo früher häufig versucht wurde die Ursache zunächst mit Medikamenten oder endlosen Gesprächen zu bekämpfen, setze man heutzutage an anderen Punkten an. „Die Rehabilitation des Gewichts muss an erster Stelle stehen“, betont der Experte. Gleichzeitig müssten für die Patienten Behandlungskonzepte entworfen werden. Diese beinhalten zum Beispiel auch, den eigenen Körper so zu akzeptieren, wie er ist und die gefühlte Scham zu minimieren. Ein einziges Erfolgskonzept gebe es nicht, das Therapiekonzept müsse an jeden Patienten individuell angepasst werden. Diese sollten dann in der Therapie sowohl den normalen Umgang mit Essen als auch eine gesunde Nahrungsaufnahme erlernen, denn was normales Essen ist, wüssten viele erkrankte Menschen nicht mehr.

Medikamente allein helfen nicht

Medikamente werden in der Behandlung von Essstörungen zwar oftmals eingesetzt, bekämpfen jedoch nicht direkt die Ursache. Vielmehr gehe es dabei um die Bekämpfung der Symptome, die mit der Krankheit einhergehen, so der Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie. Es könne zum Beispiel das ständige Erbrechen bei der Essbrechsucht durch Medikamente unterdrückt werden, doch die Krankheit verschwinde davon nicht. Auch depressive Episoden, die bei Patienten wiederholt vorkommen, könnten durch Antidepressiva zwar verringert werden, aber das stelle nur ein Begleitsymptom dar. Warrings stellt klar, auch bei Adipositas könne man Medikamente „mehr oder weniger knicken“ und bei Anorexie helfe auch kein Medikament. Die betroffenen Regionen im Gehirn seien durch eine einzige Pille nicht erreichbar. Die Psychosomatik und Psychotherapie versuchen hier anzusetzen, negative Gedanken zu reduzieren, die gestörte Selbstwahrnehmung zu stabilisieren und mögliche traumatische Erlebnisse aufzuarbeiten.

Der Body-Mass-Index als Mittel zur Diagnose

Im Gegensatz zu anderen psychischen Beschwerden lässt sich eine Essstörung recht einfach diagnostizieren. Ein Mensch sei „messbar zu dünn“ oder „messbar zu dick“, so formuliert es der Facharzt. Als verwendetes Maß führt er den Body-Mass-Index (BMI) an. Dieser errechnet sich aus dem Gewicht geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat. Liegt der BMI unter einem Wert von 17,5, spreche man von Magersucht, steigt er auf über 30, sei der Betroffene adipös, fettleibig. Laut Warrings beginne Anorexie oder Adipositas allerdings nicht erst bei diesen Grenzwerten, sie sei schon vorher im Kopf und werde vom Gehirn gesteuert. Bei magersüchtigen Patienten sei vor allem eins gestört: die Gewichtswahrnehmung. Häufig empfänden sich Betroffene als zu dick. Das beschreibt der Arzt als Körperschemastörung. Bei adipösen Menschen ist es das Belohnungssystem im Gehirn, das nicht mehr so funktioniere wie bei der Normalbevölkerung. Viel zu oft springe es an, wenn der Patient kalorienreiche Nahrung sieht. Vielen Patienten sei dies jedoch bewusst. Sie essen „ohne Genuss, nur mit Scham“.

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