Befristeter Vertrag – Unbefristete Zukunftsangst

Hinter den Bürotüren von Unifluren wie auf diesem Symbolbild sehen viele Akademiker einer ungewissen Zukunft entgegen. Foto: brit berlin/pixelio.de

Ein Schreibtischt. Ein Stuhl. Ein Computer mit Monitor. Eine Flasche Wasser. Ein Telefon und zwei Stifte. Mehr gibt es in dem kleinen Raum nicht zu sehen. Keine persönlichen Gegenstände, nichts das darauf hindeutet, dass jemand acht Stunden seines Tages in diesem Raum verbringt. Nichts das darauf hindeutet, dass jemand diesen Raum gemütlich oder gar heimisch gestalten wollte. Alles ist zweckmäßig und problemlos austauschbar. Das gilt in diesem Fall nicht nur für das Büro, sondern auch für den Arbeitnehmer darin.

von Florian Schneider

„Mein Nachfolger hat sich wohl nicht einmal die Mühe gemacht, sich hier einzurichten“, sagt Kristin G. mit einem Lächeln. Es soll wohl scherzhaft klingen, aber der Tonfall verrät, dass sie nicht scherzt. „Ich war damals wohl eine hoffnungslose Idealistin“.

Wir befinden uns im ehemaligen Büro der 33-jährigen am Lehrstuhl für Biochemie einer deutschen Universität. Auf Nachfrage erklärt sie mir, wie sie den Raum damals eingerichtet hatte. Die Ecke in der die Büropflanze stand, die Wand an der ihre Poster hingen – um diese aufzuhängen hatte sie lange kämpfen müssen – und das Regel in dem sie die Unterlagen aus allen Seminaren ihres Studiums in unzähligen Ordnern gesammelt hatte. Alles hatte seine Stelle, bis eines Tages keine Stelle mehr für Kristin G. verfügbar war.


Audiobeitrag: Was Nachwuchsforscher zu den Arbeitsverhältnissen an der Uni sagen.


„Knapp zwei Jahre nach meiner Promotion lief mein aktueller Vertrag aus. Das war bestimmt der fünfzehnte oder zwanzigste, den ich bis dahin hatte. Bloß diesmal gab es keine Verlängerung. Nicht mehr genug finanzielle Mittel, hieß es damals.“

Nach dem Abitur hatte Kristin G. direkt mit dem Biochemie-Studium begonnen. Im Gegensatz zu vielen ihrer Klassenkameraden und -kameradinnen hat sie sich bewusst gegen eine Auszeit entschieden. Keine Weltreisen, keine Aushilfsjobs, kein Faullenzen. Im Laufe des Studiums hat sie begonnen als wissenschaftliche Hilfskraft zu arbeiten und hat dabei ihre Leidenschaft für die Wissenschaft entdeckt.

„Klar, man hat nicht viel Geld dafür bekommen, aber es hat Spaß gemacht. Man konnte zusammen mit Dozenten und Professoren arbeiten, hat einen guten Einblick in wissenschaftliche Vorgänge bekommen.“

Nicht zuletzt aufgrund dieser Einblicke hat Kristin G. sich entschieden nach dem Masterabschluss nicht in die freie Wirtschaft zu gehen, sondern an der Universität zu bleiben. Doch dort wartete eine Überraschung auf sie: Statt einer festen Promotionsstelle gab es einen befristeten Vertrag. Laufzeit begrenzt auf ein halbes Jahr. Wie es danach weitergeht konnte man ihr nicht sagen. Ihr Blick wandert zurück zu dem größtenteils leeren Schreibtisch.

„Das hier war mein Büro.“ Diesmal fehlt das Lächeln. Kristin G. hat sich bereit erklärt, mich in diesem Büro zu treffen, weil sie zu Besuch an ihrer alten Arbeitsstelle ist.

Nach dem Masterabschluss hat sich Kristin G. schließlich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag gehangelt – manchmal im Takt von drei bis sechs Monaten – und schließlich promoviert. Aber danach wurde und wird es nicht besser. Auch mit Doktortitel ist eine feste Stelle an der Universität nirgendwo in Sicht. Weiterhin werden fast ausschließlich befristete Verträge ausgestellt, bis maximal sechs Jahre nach der Promotion – wenn man bis dahin keine feste Stelle bekommen hat, dann ist Schluss.

„Gestern habe ich mich mit dem neuen ‚Besitzer‘ meines alten Büros unterhalten, der so wie ich damals direkt nach dem Studium hier angefangen hat. Sein erster Vertrag läuft gerade einmal vier Monate und dabei hat er nur eine Viertelstelle.“

Aber Kristin G. und ihr Nachfolger sind nicht die einzigen Angestellten der Universität, denen es so ergeht. Bei Weitem nicht: Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern nur befristet beschäftigt. Viele davon mit Vertragslaufzeiten von unter einem Jahr. Was bleibt ist Zukunftsangst. Einer der Hauptgründe für diese Zukunftsangst ist der Mangel an festen Stellen an der Universität. Den Mitarbeitern bleibt nichts Anderes übrig als sich von Jahr zu Jahr und von Vertrag zu Vertrag zu hangeln, immer in der Hoffnung, irgendwann doch eine der wenigen festen Stelle zu bekommen. Diese feste Anstellung, das Licht am Ende des Tunnels, baumelt vor den Nasen der wissenschaftlichen Mitarbeiter wie die sprichwörtliche Karotte, die man nie erreicht. Insbesondere betroffen ist davon der sogenannte Mittelbau. Stellen unterhalb der Professorenebene, die gleichzeitig auch den größten Anteil ausmachen. Wer wirklich eine feste Stelle will, muss nach oben. Promovieren, habilitieren und dann Professor beziehungsweise Professorin werden. Der Seitenwechsel vom Platz im Hörsaal zum Platz hinter dem Dozentenpult hört sich in der Theorie bei weitem leichter an, als er tatsächlich ist. Laut Statistiken waren im Jahr 2014 knapp 46.000 Professoren und Professorinnen an deutschen Hochschulen beschäftigt. Die Anzahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Lehrkräfte beläuft sich dagegen auf 236.000, mehr als fünfmal so viel. Zehntausende von Wissenschaftlern müssen also damit rechnen, keine Festanstellung zu bekommen.

Die GEW fordert seit Jahren, dass der Mittelbau zwar weiterhin den größeren Teil ausmachen soll, aber zu Gunsten von mehr Professuren schrumpfen soll. Nirgendwo auf der Welt ist der Anteil von Professoren im Vergleich zu anderem wissenschaftlichem Personal so gering wie in Deutschland. Auch der Wissenschaftsrat fordert mehr unbefristete Stellen im Wissenschaftsbereich sowie mehr Professorenstellen. Doch noch ist das Zukunftsmusik. Was also konkret tun, wenn man keine Professur ergattern kann?

„Ich habe schon zwei meiner Kollegen aufgeben sehen. Einer von ihnen hatte bereits eine Familie gegründet und wollte einfach nicht mehr mit der Unsicherheit leben, dass irgendwann kein neuer Vertrag mehr auf ihn wartet“, erinnert sich Kristin G. „Beide haben jetzt eine Stelle in der freien Wirtschaft und sind glücklich damit.“

Was sagt eigentlich die Politik zu dieser Situation? Eigentlich sind befristete Arbeitsverträge in Deutschland nur unter bestimmten Voraussetzungen rechtlich zulässig, was dem Schutz der Arbeitnehmer dient. So können diese nicht immer wieder befristet eingestellt werden, statt vom Arbeitgeber einen dauerhaften Arbeitsvertrag mit gesetzlich geregeltem Kündigungsschutz zu bekommen. In der Wissenschaft gilt eine Sonderregelung, das sogenannte Wissenschaftszeitvertragsgesetz, kurz WissZeitVG, welches nach einer Reform 2015 den extrem kurzen Befristungen von Arbeitsverträgen an Universitäten Einhalt gebieten soll. Das Gesetz besagt, dass wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Universitäten maximal zwölf Jahre lang befristet angestellt werden können, sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion. Dazu sollen künftig Verträge für Doktoranden so lange laufen, wie die Promotion üblicherweise dauert. Im Gesetz heißt es konkret: „Die vereinbarte Befristungsdauer ist jeweils so zu bemessen, dass sie der angestrebten Qualifizierung angemessen ist“. Das verhilft zwar nicht zu einer langfristig sicheren Stelle, ermöglicht aber zumindest ein gewisses Maß an Planung.

Für Kristin G. kam diese Reform allerdings zu spät. Sie musste bis zu ihrer Promotion um ihre Stelle bangen und knapp zwei Jahre nach der Promotion war es dann so weit: die Mittel für eine weitere Beschäftigung in angemessenem Rahmen waren nicht mehr vorhanden.

„Ich stand also vor der gleichen Entscheidung wie meine beiden Kollegen. Entweder die Uni wechseln, oder der Wissenschaft ganz den Rücken kehren. Aber wie schon gesagt, ich bin wohl hoffnungslose Idealistin. Deshalb habe ich mir eine neue Post-Doc Stelle an einer anderen Uni gesucht. Und da ging der Spaß mit den Verträgen direkt wieder weiter.“

Doch die kurzen Verträge sind nur eine Facette des Problems.Ebenso problematisch, wenn nicht schlimmer, ist das daraus resultierende de-facto-Berufsverbot nach zwölf Jahren, wenn keine Festanstellung erfolgt ist. Sechs Jahre nach der Promotion steht man also im schlimmsten Fall auf der Straße, unabhängig davon, was man geleistet hat. Dass es auch anders geht, zeigen Regelungen im Ausland. So gibt es zum Beispiel in den Vereinigten Staaten an Universitäten das Tenure-Track Verfahren: man bekommt zunächst einen zeitlich befristeten Vertrag, der als eine Art Bewährungszeit fungiert. Nach dieser Bewährungszeit besteht eine gute Chance eine Lebenszeitprofessur zu erhalten, sollte die Leistung angemessen sein. So wird die Unsicherheit einer zukünftigen Anstellung erheblich reduziert. Ein anderes Beispiel ist die Stelle des sogenannten „Lecturers“, die es nur in Großbritannien gibt. Lecturer sind ebenso wie Professoren fest angestellt, unterrichten an der Universität und werden gut bezahlt. Es geht also auch anders. Aber bis diese oder ähnliche Änderungen auch in Deutschland Einzug gehalten haben, heißt es wohl weiterhin: befristeter Vertrag – unbefristete Zukunftsangst.

„Jetzt ist es vielleicht ein wenig klarer, warum mein Nachfolger sich nicht die Mühe gemacht hat, den Raum einzurichten“, stellt Kristin G. am Ende unseres Gesprächs fest. „In vier Monaten steht das Büro vielleicht schon wieder leer.“

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