„Es muss sich etwas tun in der Landwirtschaft“

Pestizide lagert sich in Lebensmitteln ab, Dünger belastet das Grundwasser – unter dem Schlagwort "Ökologische Intensivierung" diskutiert Ingolf Steffan-Dewenter Alternativen, die wenig Schäden anrichten und hohe Erträge bringen sollen. Foto: Bernd Kasper/pixelio.de

Die traditionelle Landwirtschaft leide nicht nur unter stagnierenden Erträgen, sondern schade auch den Ökosystemen erheblich, erklärte Prof. Dr. Ingolf Steffan-Dewenter bei einem Vortrag zum Thema „Ökologische Intensivierung“ an der Julius-Maximilians Universität Würzburg am 23. Juni 2016.

von Florian Schneider

In seinem Vortrag, der Teil einer Ringvorlesung mit dem Titel „Sind wir noch zu retten? Aspekte der Nachhaltigkeit“ war, stellte er eine nachhaltigere Produktion von Lebensmitteln durch den Einsatz biologischer Schädlingskontrolle und die Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit vor.

Problematische Trends in der Landwirtschaft

Weltweit zeigten sich ähnliche Trends in der Landwirtschaft: Ackerflächen breiten sich immer weiter aus, wodurch natürliche Lebensräume verloren gehen, so Steffan-Dewenter. Dazu komme eine enorme Steigerung von Pestizid- und Düngereinsatz. Der Grund dafür sei, dass die Welternährung von der Ertragssteigerung einiger weniger Kulturpflanzen abhänge. In den letzten Jahren zeige sich allerdings trotz dieser Maßnahmen eine Stagnation der Erträge, so Steffan-Dewenter. Gleichzeitig hat dieser globale Trend bereits negative Auswirkungen: Der Verlust von Artenvielfalt, sowie die Belastung von Böden, Grundwasser und sogar von Lebensmitteln mit Pestizidrückständen. Doch in Zukunft sehe es sogar noch schlechter aus, gibt Steffan-Dewenter zu bedenken. Um die Welternährung zu sichern müsse bis 2050 eine Verdopplung der Nahrungsmittelproduktion stattfinden. Die Folgen für die Umwelt unter Einsatz der traditionellen Maßnahmen zur Ertragssteigerung wären gravierend. „Es muss sich etwas tun in der Landwirtschaft“, folgerte Steffan-Dewenter. „Sonst haben wir in einigen Jahren ein großes Ernährungsproblem.“

Fokus auf Ökosysteme statt auf Pestizide

„Ist so weiter zu machen die einzige Option oder gibt es andere Wege?“, ist die Frage, die Steffan-Dewenter deshalb in seinem Vortrag stellt. Seine Antwort ist die Ökologische Intensivierung, bei der die Ökosysteme rund um landwirtschaftliche Flächen gefördert werden, was Nützlinge wie Bienen oder Marienkäfer anlockt. Diese wiederum befruchten die Nutzpflanzen und fressen die Schädlinge. „Man kann die Produktion von Lebensmitteln schon vor der Ernte ertragreicher gestalten, wenn man Dienste für die zugrundeliegenden Ökosysteme leistet“, erklärt Steffan-Dewenter. Während sich die konventionelle Art der Ertragssteigerung sich auf den immer stärker wachsenden Einsatz von Wasser, Dünger und Pestiziden verlässt, soll die sogenannte ökologische Intensivierung zu einer höheren Ertragssteigerung führen und gleichzeitig den Einsatz von Dünger und Pestiziden erheblich reduzieren.

Vorteile biologischer Schädlingskontrolle

Einer der Hauptgründe für die Stagnation von Erträgen in der Landwirtschaft ist die mangelnde Insektenbestäubung. „Mehr als zwei Drittel aller Kulturpflanzen, die unsere Ernährung sicherstellen, sind auf Bestäubung angewiesen“, so Steffan-Dewenter. „Aber die vorhandenen Honigbienen decken den Bedarf bei weitem nicht. Es muss also für mehr Lebensräume für die Bestäuber gesorgt werden“. Ein zweites großes Problem sieht er in der Schädlingsbekämpfung. Fast ein Drittel aller potentiellen Erträge werden trotz des enormen Pestizideinsatzes durch Schädlinge – wie zum Beispiel Blattläusen – zerstört. Die Lösung dafür sei aber nicht den Pestizideinsatz noch weiter zu steigern. Stattdessen schlägt Steffan-Dewenter die biologische Schädlingskontrolle vor: „Den gezielten Einsatz von natürlichen Gegenspielern dieser Schädlinge“. So ernähren sich beispielsweise die Larven von Marienkäfern von Blattläusen und können deren Verbreitung auf Feldern deutlich reduzieren. Eine im Jahr 2015 in der Schweiz durchgeführte Studie zeige, dass der Einsatz von Blühstreifen in Feldern, die dort als der natürliche Lebensraum von Nützlingen dienen, Fressschäden erheblich reduzieren und somit die Erträge auch ohne Einsatz von Pestiziden steigern können. Zusätzlich zeige eine fünfjährige Studie aus England, dass mehr natürlicher Wildlebensraum ebenfalls in höheren Erträgen resultiere. Beides spricht eindeutig für die ökologische Intensivierung.

Von der Theorie zur Praxis

Und genau das sei es, was Landwirte letztendlich überzeuge: höhere Erträge. Dabei bemängelt Steffan-Dewenter die mangelnde Kommunikation über das Thema der ökologischen Intensivierung: „Es ist wichtig, dass Landwirte über diese Erkenntnisse informiert werden“.

Schließlich appelierte Steffan-Dewenter: „Es gibt viele Ideen und Möglichkeiten die Bewirtschaftung zu verändern. Das Konzept der ökologischen Intensivierung ist ein guter Rahmen dafür. Es muss allerdings ein gesamtgesellschaftlicher Wandel damit einhergehen.“

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