Keine konsequente Nachhaltigkeit in der Bilanzpolitik

"Man kann anzuzweifeln, dass Nachhaltigkeitskonzepte eine tatsächliche gesellschaftliche Verantwortung wiederspiegeln." - Um zu untersuchen, wie ernst es Firmen mit der Nachhaltigkeit ist, hat Daniel Schaupp sich mit der Bilanzpolitik von Unternehmen auseinandergesetzt. Foto: Mona Sebald

Daniel Schaupp, Doktorand an der Universität Würzburg, untersucht, wie sich ethische Grundsätze von Unternehmen auf deren Rechnungslegung auswirken. Ethisches Verhalten von Unternehmen ist in der betriebswirtschaftlichen Forschung unter den Schlagworten Corporate Social Responsibility und Corporate Governance ein wichtiges Thema. Dabei spielen zum einen soziale Aspekte eine Rolle: Wissenschaftler untersuchen, wie sich Unternehmen gegenüber ihren Mitarbeitern verhalten, ob sie sich nach außen hin verantwortungsvoll präsentieren oder ob sie sich selbst bestimmte Verhaltenskodizes auferlegt haben. Einbezogen wird auch das Verhalten der Unternehmen gegenüber der Umwelt. So geht es beispielsweise darum, ob Firmen darauf achten, weniger Schadstoffe auszustoßen. Nimmt man alle verschiedenen Aspekte zusammen, kann man beurteilen, wie verantwortungsvoll sich ein Unternehmen verhält.

Daniel Schaupp ist, mit einer kurzen Unterbrechung durch ein Auslandssemester, seit 2008 an der Universität Würzburg. Nachdem er hier sein Bachelor- und Masterstudium erfolgreich absolviert hat, arbeitet er nun als Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für BWL, Controlling und Interne Unternehmensrechnung. Dort promoviert er bei Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. Andrea Szczesny über Bilanzpolitik und Qualität der Rechnungslegung.
Im Mai 2016 stellte er sein erstes Paper mit dem Titel „The Influence of Corporate Social Responsibility and Corporate Governance on Earnings Management in Europe“ auf der wichtigsten europäischen Fachkonferenz zur Rechnungslegung, dem European Accounting Association Congress in Maastricht vor.

Worum es hierbei genau ging, erklärt er uns in einem kurzen Interview:

Herr Schaupp, worum geht es in Ihrem Paper?

Daniel Schaupp: Ich habe untersucht, ob Unternehmen hohe Investitionen in ihre Nachhaltigkeitskonzepte tätigen, um unter Umständen ihre Bilanzpolitik zu verschleiern. Oder ob sie weniger Bilanzpolitik machen, gerade weil sie hohe Investitionen in Nachhaltigkeitskonzepte tätigen. In einem Satz geht es um die Frage, ob Unternehmen konsequent nachhaltig und sozial verantwortungsvoll handeln, auch in ihrer Rechnungslegung.

Unternehmen müssen sich in ihrer Rechnungslegung an diverse Vorgaben halten. Bleiben da überhaupt noch Einflussmöglichkeiten?

Das hängt zunächst stark vom untersuchten Rechnungslegungsstandard ab. In meiner Arbeit habe ich Konzerne betrachtet, für die die sogenannte International Financial Reporting Standards ausschlaggebend sind. Grundsätzlich sind Rechnungslegungsstandards sehr allgemein gehalten. Sie sollen die Möglichkeit bieten, jedes Unternehmen möglichst realitätsnah darzustellen. Unternehmen sind sehr unterschiedlich, weswegen es auf jeden Fall derartige Spielräume geben muss. Solche Einflussmöglichkeiten können Unternehmen dann nutzen, um sich –idealerweise– sehr realitätsnah darzustellen. Man spricht hier von einem den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bild des Unternehmens, das dem Bilanzleser vermittelt werden soll. Je nach Unternehmen existieren somit aber auch unvermeidbare Lücken, die vom Management gezielt ausgenutzt werden können.
In der empirischen Forschung bedient man sich folgender Überlegung, die sich in verschiedenen Schätzmodellen niederschlägt: Wenn ein Unternehmen wächst oder in neue Geschäftsfelder investiert, wird das als normale Veränderung betrachtet, die natürlich auch den Jahresabschluss eines Unternehmens beeinflusst. Bei allen Einflüssen auf den Jahresabschluss, die über die ermittelten normalen Veränderungen hinausgehen, spricht man, vereinfacht gesagt, von Bilanzpolitik. Bilanzpolitik kann als ein Maß für die Transparenz in der Rechnungslegung eines Unternehmens gesehen werden, wobei Bilanzpolitik die Transparenz einschränkt. Man geht also davon aus, dass Bilanzpolitik die Qualität der Rechnungslegung eher vermindert.

Warum haben Unternehmen ein Interesse daran, bilanzpolitisch tätig zu werden?

Es gibt bestimmte Situationen, in denen Unternehmen sehr hohe Anreize zu Bilanzpolitik haben. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn es darum geht, gesetzte Ziele zu erreichen. Sehr eingängig ist hierbei der Anreiz, überhaupt einen Gewinn auszuweisen oder bestimmte Analystenprognosen bezüglich des Gewinns zu erreichen. Jahresabschlüsse sind für Unternehmen ein Mittel, sich in der Öffentlichkeit darzustellen. Dabei ist es natürlich vorteilhaft, sich in wirtschaftlich guter Lage zu präsentieren.
Es kann allerdings auch Anreize geben, nur in geringem Umfang Bilanzpolitik zu machen. Denn wenn die Öffentlichkeit erkennt, dass ein Unternehmen viel Bilanzpolitik betreibt, führt das unter Umständen zu einem erheblichen Imageschaden.

Wie sind Sie darauf gekommen, den Einfluss von Corporate Social Responsibility und Corporate Governance auf die Bilanzpolitik zu untersuchen?

Die Idee entstand im Gespräch mit einem Kollegen. Oft wird nur betrachtet, ob Unternehmen nachhaltig und sozial aufgestellt sind und ob sie dadurch ihren Gewinn erhöhen können. Die Idee hinter meinem Paper ist hier etwas differenzierter und fragt nach dem Grund. Warum stellen sich Unternehmen überhaupt nachhaltig und sozial auf? Geschieht das, weil Unternehmen dadurch Wettbewerbsvorteile durch eine vorteilhafte Außendarstellung generieren wollen oder weil sie ein ethisches Grundverhalten im Unternehmen verankert haben?
Genau die gleiche Frage kann man sich auch stellen, wenn man sich mit dem Thema Bilanzpolitik beschäftigt. Hier kann man auch fragen, ob sich Unternehmen ethisch verhalten haben und auf Bilanzpolitik verzichten oder eher dahingehend ausgerichtet sind, dass sie im Bedarfsfall Bilanzpolitik machen, um ihre Außendarstellung zu wahren. Bilanzpolitik orientiert sich stark an den Interessen des Unternehmens und nimmt wenig Rücksicht               auf          die                   Interessen          der          Stakeholder.
Diese Fragen werden in meinem Paper aufgegriffen.

Was hat Ihre empirische Untersuchung ergeben?

Ich habe herausgefunden, dass Unternehmen, die sehr viel in ihre Nachhaltigkeitskonzepte investieren und da auch erfolgreich sind, im Durchschnitt weniger Bilanzpolitik betreiben. Betrachtet man allerdings nur Situationen, in denen Anreize zu Bilanzpolitik sehr stark sind, fällt auf, dass es keine Rolle mehr spielt, wie stark Unternehmen in ethische Konzepte investieren und wie sie im Hinblick auf Corporate Social Responsibility aufgestellt sind. In solchen Grenzsituationen werden eigentlich alle Unternehmen bilanzpolitisch tätig, sowohl diejenigen, die sich als sehr nachhaltig und verantwortungsvoll darstellen, als auch die, die das weniger machen. Beide Gruppen machen dann vergleichbar viel Bilanzpolitik.

Wie lassen sich diese Ergebnisse interpretieren?

Meine Ergebnisse deuten darauf hin, dass Unternehmen mit umfassenden Nachhaltigkeitskonzepten an einer positiven Außendarstellung interessiert sind und deswegen auch seltener Bilanzpolitik machen. In Situationen allerdings, in denen die Anreize hierfür sehr stark sind, machen sie dann doch wieder mehr Bilanzpolitik. Insofern stellt sich die Frage, ob Unternehmen wirklich konsequent nachhaltig und sozial verantwortungsvoll sind. Wir müssen das vielleicht so beantworten, dass sie es propagieren, soweit es mit den eigenen Interessen zusammenfällt. In Grenzsituation weichen sie jedoch von ihrer Nachhaltigkeitsschiene ab, zugunsten ihrer extrinsischen Ziele, und gehen bewusst das Risiko ein, ihre Außendarstellung zu verlieren. So kann man allerdings anzuzweifeln, dass Nachhaltigkeitskonzepte eine tatsächliche gesellschaftliche Verantwortung wiederspiegeln.

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