In den Fußstapfen John Maynard Keynes’

„Momentan beschäftigt mich die Frage, warum niemand die Finanzkrise von 2008 vorhergesehen hat. Sie hat uns völlig unerwartet getroffen." - Der Wirtschaftsweise und Würzburger Professor Peter Bofinger

Wenn ein Student der Wirtschaftswissenschaften wissen will, wie unser Finanzsystem funktioniert, findet er keine zufriedenstellende Antwort. „Bis heute gibt es kein anständiges Modell, das die Funktionsweise des Finanzmarkts beschreibt. Und das, obwohl dies eine der zentralsten Frage der Volkswirtschaftslehre ist.“, sagt Peter Bofinger. Die Entrüstung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Unruhig wippt er auf seinem Stuhl hin und her. Es ist deutlich, dass ihm dieses Thema sehr am Herzen liegt und ihn seit Langem beschäftigt.

Schon zu Studienbeginn brachte er diese Begeisterung für sein Fachgebiet auf. Obwohl er ursprünglich BWL studieren wollte, ließ er sich von seinem charismatischen Professor Dr. Wolfgang Stützel inspirieren und schloss an der Universität des Saarlandes ein Diplom in Volkswirtschaftslehre ab. Saarbrücken blieb er bei seiner frühen akademischen Karriere abgesehen von wenigen Unterbrechungen treu. Nach seiner Promotion zum Thema „Währungswettbewerb“ erhielt er dort auch die Habilitation. Im Anschluss übernahm er zunächst in Kaiserslautern und Konstanz Vertretungsprofessuren, bis er schließlich 1991 seinem ersten Ruf folgte und seitdem den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Geld und Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg innehat.

Seit 2004 ist er zusätzlich einer der fünf Wirtschaftsweisen im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Für den Posten schlugen ihn die Gewerkschaften aufgrund seiner Kritik an der Agenda 2010 vor. Für die erfolgreiche Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Anfang der 2000er Jahre in Deutschland seien nicht die unter Schröders Regierungszeit eingeführten Hartz IV Reformen verantwortlich, sagt er. Vielmehr hinge dies mit der robusten und extrem produktiven deutschen Industrie zusammen, die über einen Exportboom eine deutliche Steigerung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit herbeiführte und so mehr Arbeitsplätze bereitstellte. Mit seiner nachfrageorientierten Sicht auf die Wirtschaftspolitik vertritt er in Deutschland eine Mindermeinung. Nachfrageorientierung heißt, dass der Staat die gesamtwirtschaftliche Entwicklung mithilfe einer antizyklischen Wirtschaftspolitik stabilisieren soll. Befindet sich die Wirtschaft in einem Konjunkturhoch, bildet der Staat durch Sparen Haushaltsrücklagen. Während einer Rezession hingegen wird die Nachfrage durch staatliche Investitionen angekurbelt. Mit diesem Ansatz stimmt er in den Gutachten des Sachverständigenrats oft nicht mit seinen Kollegen überein, was ihm den Ruf eines regierungskritischen Rebellen eingebracht hat.

„Momentan beschäftigt mich die Frage, warum niemand die Finanzkrise von 2008 vorhergesehen hat. Sie hat uns völlig unerwartet getroffen. Das sagt mir, dass es den gängigen Finanzmarktmodellen nicht gelingt die Wirklichkeit abzubilden.“ Als Beispiel führt er den traditionellen Erklärungsansatz für die aktuell extrem niedrigen Zinsen an. Die Standardmodelle argumentieren, dass das Sinken der Zinsen durch einen starken Anstieg der Sparquote ausgelöst wird. Je mehr Menschen in Deutschland sparen, umso niedriger sind demnach die Zinsen für neue Kredite. In der Realität wurde aber in den letzten Jahren nicht übermäßig viel gespart. Peter Bofinger vergleicht diese Fehlinterpretation mit dem Stand der Medizin im Jahr 1500. Bis dahin gingen die Ärzte davon aus, dass das Blut vom Herzen in die Extremitäten fließt und die Bewegung dort endet. Erst mit der Erforschung des menschlichen Körpers wurde entdeckt, dass das Blut zum Herzen zurückfließt und das System des

Blutkreislaufs entwickelt. Genauso stützen sich die bisherigen Finanzmarktmodelle auf veraltete Annahmen, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. In den Lehrbüchern werden aber weiterhin Güter verwendet, um Geldströme abzubilden. Heutzutage ist jedoch klar, dass Geld und Güter völlig unterschiedliche Eigenschaften besitzen. An diesem Punkt will Peter Bofinger ansetzen. Als Ausgangspunkt dient eine Idee des britischen Ökonomen Keynes, der mit seiner „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ eines der bekanntesten und am häufigsten gelehrten volkswirtschaftlichen Modelle formulierte. Keynes schlug vor, den Finanzmarkt anhand einer monetären Theorie abzubilden. Konkret forderte er die Charakteristiken und das Verhalten von Geld im Wirtschaftskreislauf zu überdenken, anstatt ihm wie bisher güterähnliche Eigenschaften zuzuschreiben. Er formulierte diese Idee aber nie aus.

„Überall auf der Welt sind solche Bausteine verteilt. Es gibt noch andere Ökonomen, die ähnlich wie ich denken. Ich finde es extrem spannend die verschiedenen Bausteine einzusammeln und zusammenzusetzen, um zu sehen was am Ende herauskommt.“ Für dieses Vorhaben nimmt sich Peter Bofinger ab April 2016 ein Forschungssemester. Im Frühjahr will er eine Konferenz organisieren, um verschiedene Wissenschaftler zusammenzubringen und gemeinsam über die Struktur des Finanzsystems diskutieren. Er selbst beschäftigt sich zurzeit mit der Erstellung eines Skripts, das den bisherigen Forschungsstand zu diesem Thema zusammenfasst. Sollten seine Bemühungen erfolgreich sein, will er in naher Zukunft auch ein Buch schreiben. Es soll das Ergebnis seiner Forschung zusammenfassen und das Finanzsystem detailliert anhand des monetären Ansatzes beschreibt. Gelingt ihm das, könnte sein Beitrag zu seinem Herzensthema Finanzmarkt vielleicht zu einem Umdenken in der Volkswirtschaftslehre führen.

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