Ein ungewöhnlicher Weg

Hansrudi Lenz in seinem Büro. Foto: Claudio Höll

Hansrudi Lenz prüfte Jahresabschlüsse, untersuchte die Wissenschaft mit ihren eigenen Methoden, half ehemalige DDR-Betriebe zu privatisieren und ist heute BWL-Professor in Würzburg. Ein Porträt.

Hansrudi Lenz’ kennt die Praxis. Seine ersten Erfahrungen nach dem Studium waren jedoch ernüchternd: Als Prüfungsassistent in einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die heute zu PWC gehört, fing er kurz vor seiner Promotion „ganz unten“ an, wie er heute sagt: „Die intellektuellen Anforderungen waren gering. Man hat einfachste Tätigkeiten verrichtet“. Noch in der Probezeit kündigte Lenz und kehrte zurück an die Freie Universität Berlin, wo er bereits sein Studium mit Schwerpunkt auf Rechnungslegung, Prüfung und Steuern absolviert hatte und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt war. Mit Bilanzen und Jahresabschlüssen hatte die Stelle als Hochschulassistent, die man ihm anbot, wenig zu tun: Er arbeitete am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie der Ökonomie. Für dessen Forschung, wie auch für Philosophie und Ethik hatte Hansrudi Lenz sich schon zuvor interessiert, freiwillig Seminare des fachfremden Lehrstuhls besucht, trotzdem sei es „ein ungewöhnlicher Weg“.

Wenn Hansrudi Lenz heute, 42 Jahre nachdem er die FU Berlin zum ersten Mal betrat, von diesem Weg erzählt, sitzt er entspannt in einem der schwarzen, ledergepolsterten Stühle am schweren Holztisch seines Büros. Die Januarsonne hinter dem Fenster fällt nicht auf die Villen und Parks Dahlems, sondern legt sich auf das satte Gelb der Türme der St.-Stephans-Kirche und auf das Rotbraun der Dächer der Würzburger Altstadt, die der heutige Studiendekan von seinem Büro im dritten Stock der Neuen Uni überblickt: 1996 führt ihn der Ruf als Professor für Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsprüfungs- und Beratungswesen von der Spree an den Main.

Nach über 20 Jahren von Berlin nach Würzburg, eine große Umstellung? „Für mich nicht, für meine Frau schon. Von der Hauptstadt Berlin ins katholische Würzburg, das war auch ein bisschen ein Kulturschock.“ Er selbst verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem kleinen Dorf im Südschwarzwald: „Diese kleineren Strukturen sind mir schon vertraut gewesen.“ Auch für seine Kinder schätzte er das „etwas kleinere, überschaubare Umfeld“. Auf einem Whiteboard hinter dem Wissenschaftler teilt sich ein Diagramm den Platz mit bunten Buchstaben, die Papa viel Spaß bei der Arbeit wünschen.

In Berlin sollte die Zeit in der Wirtschaftsprüfung – er nennt sie „frustrierend“ – nicht der einzige praktische Berührungspunkt mit dem Feld bleiben, das er erforscht. 1993 beginnt er seine Arbeit für die Treuhandanstalt Berlin in der Abteilung Beteiligungscontrolling. Was trocken klingen mag, erzählt ein Kapitel deutsch-deutscher Geschichte: Die Sanierung und Privatisierung der ehemaligen Staatsbetriebe der DDR verlief schleppend und ineffizient. Die Treuhand bildete daher Holdinggesellschaften, die die Sanierung übernehmen sollten – finanziert wurden sie dabei weiter von der Treuhandanstalt, und damit vom Steuerzahler. Die Manager der Holdings – der Idee nach laut Hansrudi Lenz eine „kleine schlagkräftige Truppe“ anstatt des schwerfälligen Treuhandapparats – sollten nach Erfolg bezahlt werden. Hansrudi Lenz beschreibt seine Arbeit so: „Erst war meine Aufgabe den größten Unfug zu verhindern, dass zum Beispiel nicht der gleiche Sachverhalt dreimal eingereicht wird, um die Tantieme (der Holdingmanager, Anm. d. Red.) hochzutreiben.“

Später wechselte er die Seiten. Er arbeitete nun für eine der Holdinggesellschaften, statt diese zu kontrollieren. Ein Grund auch: „Ich kannte ja in etwa die Gehälter, die dort gezahlt wurden.“ Seine neue Aufgabe: „Mir wurde zum Beispiel ein neuer Kaufvertrag vorgelegt und man sagte: ‚Herr Lenz, rechnen Sie mal durch, wie sich das auf meine Tantieme auswirkt’“. Kernfragen der BWL: wie wirken Anreizstrukturen, wie wird Bilanzpolitik betrieben, lernte Hansrudi Lenz so in der Praxis kennen: „Geld“– Hansrudi Lenz reibt den Daumen an Zeige- und Mittelfinger – „war ein sehr mächtiger Motivator.“

Während Hansrudi Lenz mit ruhiger Stimme erzählt, gestikuliert er – lebhaft, aber unaufgeregt. In ordentlichen kleinen Türmen stapeln sich überall im Büro Bücher und Dokumente. Zuoberst liegt vor uns die Arbeit eines Studenten, auf dem blauen Umschlag prangt das Logo der Universität. Den wenigen Platz im Regal neben uns, der nicht von Ordnern und Büchern eingenommen wird, teilen sich bunte Tassen mit einer Aristoteles-Büste, einer Buddha-Statue und der Figur einer hinduistischen Gottheit.

Seine Forschung ist für Hansrudi Lenz auch heute nicht losgelöst von der Wirklichkeit, die sie beschreibt. Das merken etwa Spiegel-Online-Nutzer, wenn sie unter einem Artikel seinen Kommentar lesen, der auf Fehler bei der Abschreibungshöhe im Bericht hinweist. – „Das war bis jetzt das erste und letzte Mal, dass ich einen Internetartikel kommentiert habe.“ Das merken auch die Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministeriums, wenn er in einem Brief zu einem Eckpunktepapier über die EU-Abschlussprüferreform Stellung nimmt – „Weiß nicht, ob sie ihn überhaupt gelesen haben“. Die Wissenschaft sollte bei der Gesetzgebung mehr Gehör finden, interessengetriebene Verbände weniger, findet Hansrudi Lenz, am wichtigsten sei aber: „Der entscheidende Punkt wäre, dass der ganze Prozess transparent gemacht wird.“

Wer auf der Galerie über dem mit Glas überdachten Lichthof der Neuen Universität vor Hansrudi Lenz’ Büro steht, liest auf dem Schild unter seinem Namen: „Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsprüfungs- und Beratungswesen“. Die Themen aus seiner Zeit als Hochschulassistent am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie hat er trotzdem nicht zurückgelassen. Einer seiner beiden Forschungsschwerpunkte liegt auf Wissenschaftstheorie und Ethik in der Wirtschaftswissenschaft. In seiner Ethikforschung diskutierte er, wieso Menschen überhaupt moralisch handeln. Hansrudi Lenz geht gerne darauf ein, meint aber bald: „Das ist schon ein paar Jahre her.“ Viel lieber spricht er über sein neues Thema in der Ethikforschung: Hansrudi Lenz möchte „Interessenkonflikte, die durch eine zu enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Universität entstehen können“, erforschen. Mit dieser Idee steht er noch am Anfang. Etwa funktioniere dies über die Drittmittelfinanzierung, Lehrbeauftragte und Honorarprofessoren aus Unternehmen, oder auch über sogenannte Corporate MBAs, also Studiengänge, in denen Firmen jedes Jahr eine feste Zahl ihrer Mitarbeiter ausbilden lassen. Hansrudi Lenz, an dessen eigenem Lehrstuhl, wie er selbst erwähnt auch Lehrbeauftragte aus den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften arbeiten, betont: „Das ist alles legal.“ – ihn interessiert die mögliche Einflussnahme auf Forschung und Lehre innerhalb des rechtlich Zulässigen. Eine Herausforderung ist es, belastbare Daten zu dem Thema zu finden: „Es gibt nichts intransparenteres als Hochschulen“, so der Professor. Dabei gilt für Hansrudi Lenz generell: „Das Problem bestimmt die Methode. Es gibt Probleme, die kann man statistisch untersuchen und es gibt Probleme, die man dann doch besser qualitativ untersucht.“ Deswegen will er in den letzten Jahren, die ihm noch an der Universität Würzburg bleiben mit diesem Teil seiner Forschung „weg von diesen in Teilen auch langweilig gewordenen Regressionsmodellen. Es wird methodisch immer aufwendiger, aber irgendwie hat man das Gefühl man kommt doch nicht so wirklich an den Kern ran.“ Später, das Gespräch ist eigentlich schon vorbei, spricht er noch einmal davon – kurz scheint er frustriert.

Noch Zeit für ein Foto? Er habe heute keine Krawatte an – egal. Ein kurzer Blick in den kleinen Spiegel mit dem tönernen Rahmen, dann steht er neben Aristoteles und Buddha und lächelt.

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