Fehlender Praxisbezug im Studium: „Die Politik ist hier nicht gefragt“

Fehlender Praxisbezug an den Unis? - "Ich sehe aktuell keinen Handlungsbedarf beim Gesetzgeber." Foto: Oliver Jörg

Der CSU-Abgeordnete Oliver Jörg sitzt seit 2008 für den Wahlkreis Würzburg Stadt im Bayerischen Landtag. Er sagt: Schon seit seiner Jugend fasziniert ihn an Politik vor allem die Möglichkeit zu gestalten. Nach Abschluss seines Jurastudiums beschloss er deshalb eine politische Laufbahn einzuschlagen. Heute ist er stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst im Bayerischen Landtag und Landesvorsitzender des Arbeitskreises Hochschule und Kultur der CSU. Im Interview spricht er über seine Arbeit im Wissenschaftsausschuss und über die konkrete Bedeutung der Hochschulpolitik für die Universitätsstadt Würzburg.

 

Herr Jörg, Sie sind seit 2008 im Bayerischen Landtag und momentan stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Kultur. Warum haben Sie gerade diesen Ausschuss gewählt?

Das ist etwas kompliziert. Es wird Auf Bezirksebene fraktionsintern entschieden, wer in welchen Ausschuss darf. Wenn man frisch in den Landtag kommt, ist es so wie überall im Leben. Man muss zunächst hinten anstehen. Ältere Kollegen sind natürlich schon in Themenfelder eingearbeitet und sitzen seit mehreren Jahre im selben Ausschuss. In der Regel sind die beliebtesten Ausschüsse schon vergeben, der Klassiker ist natürlich der Haushaltsausschuss. Ich hatte aber schon immer eine Affinität für Hochschulpolitik, weil ich jahrelang im Ring für christliche Studenten aktiv war. Da hat der Wissenschaftsausschuss natürlich gut zu mir gepasst, aber letztendlich habe ich es der Landtagspräsidentin zu verdanken, die die Entscheidung getroffen hat. In der letzten Legislaturperiode war ich zusätzlich noch im Sozialausschuss. Den musste ich aber aus Zeitgründen leider aufgeben. Seit dieser Zeit erfahren aber sozialpolitische Themen in der Hochschulpolitik bei mir besondere Beachtung.

Welche Erfolge konnten Sie in den letzten Jahren im Wissenschaftsausschuss erzielen?

Ich persönlich habe in der letzten Legislaturperiode daran mitgewirkt das Studium flexibler zu gestalten. Dazu zählt maßgeblich die Neudefinition der Hochschulen der Angewandten Wissenschaften (HAW). Mehr Menschen sollen die Möglichkeit haben dort zu studieren. Die Durchlässigkeit, die in Deutschland bereits im schulischen System besteht, haben wir auf die Hochschulen übertragen. Heute kann man mit einem Gesellenbrief und drei Jahren Berufserfahrung an einer HAW studieren. Ein anderes Thema war die Erweiterung des berufsbegleitenden Studienangebots wie zum Beispiel ein duales – oder Teilzeitstudium oder einzelne Weiterbildungsangebote. Wir versuchen dadurch den Berufseinstieg zu erleichtern. Der dritte Punkt ist in Kofinanzierung mit dem Bund der Ausbau der Hochschulen für den doppelten Abiturjahrgang. In Bezug auf Würzburg haben wir uns vor allem Haushaltsmittel zur Sanierung von Universitätsgebäuden wie etwa der Kopfklinik in Grombühl gesichert. Außerdem wurde die Mensateria gebaut, um im Anschluss die alte Mensa am Hubland zu erneuern.

Wie geht es in der aktuellen Wahlperiode weiter? Welche Pläne wollen Sie als nächstes umsetzen?

Ganz interessant ist beispielsweise die Entscheidung des Bundes das Bafög alleine zu finanzieren. In diesem Zuge wurden für Bayern 130 Millionen Euro freigesetzt, die wir anders als andere Bundesländer komplett für die Bildung einsetzen wollen. Unser Schwerpunkt liegt hier besonders auf dem Hochschulsystem. Wir stecken etwa 80 bis 85 Prozent in den Wissenschaftsbereich. Dazu zählt vor allem die Dezentralisierungsstrategie, die das Angebot der HAW noch stärker in die breite Fläche bringen soll.

Ein weiteres Thema ist die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse. Generell geht es dabei um einen Ausgleich der Lebensqualität zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Bezogen auf die Hochschulpolitik bedeutet das, dass externe Hochschulstandorte wie Feuchtwangen oder Rothenburg eingerichtet werden. Zudem werden sich die Hochschulen stärkere spezialisieren. Sie sollen ihr eigenes Profil entwickeln, um auf dem Wettbewerbsmarkt um Studienbewerber attraktiver zu sein. Die Universitäten machen das über die Exzellenzinitiative, die jetzt fortgesetzt werden muss. Weiterhin muss das Label der Hochschule für angewandte Wissenschaften als technische Hochschule mit Inhalt gefüllt werden. Mit Blick auf die Zukunft ist eine Weiterentwicklung in Richtung größerer Internationalität denkbar oder das Angebot eines sozialwissenschaftlichen Profils. Der andere große Block ist die Digitalisierung. In diesem Moment wurden bayernweit 20 neue Professuren im Digitalisierungsbereich eingerichtet.

Sie sind auch für die Hochschulpolitik verantwortlich. Für wie wichtig halten Sie dieses Thema gerade in Bezug auf Würzburg?

Ich denke das ist ein ganz zentraler Punkt. In Unterfranken sind die Hochschule und die Universität der größte Arbeitgeber. Unsere Region lebt von der Wissenschaft und den jungen Menschen die hierherkommen und sich für die Region begeistern. Allerdings müssen die Neubürger später auch einen Arbeitsplatz finden, um in der Region zu bleiben. Wenn man sich die demographischen Entwicklungsvorhersagen für Würzburg Stadt und Land ansieht, gehört die Region zu diejenigen die Wachstumspotenzial besitzen. Dieser Verantwortung muss die Wirtschaft gerecht werden. Deshalb sollte sich die Hochschulpolitik nicht ausschließlich um die akademische Schiene bemühen, sondern auch alle anderen Ausbildungsformen berücksichtigen. Für mich ist die Sicherung der Arbeitsplätze und die Gewährleistung der Ausbildung ein absolut zentrales Thema.

Viele Studenten beklagen sich über den fehlenden Praxisbezug in ihrem Studium. Stimmen Sie dem zu?

Das kann ich leider nicht bewerten, nehme es aber sehr ernst. Adressat ist hier vor allem die Hochschule selber. An der FH ist der Praxisbezug ja grundsätzlich höher, da ein Praxissemester obligatorisch ist und alle Lehrenden aus der Praxis kommen. Dafür spiegelt sich im Lehrangebot der Universität ein höheres Abstrahierungsniveau wider. Da stellt sich die Frage, ob es an der Universität trotzdem praxisrelevante Bezüge gibt? Ich würde diese Frage durchaus mit ja beantworten. Universitätsstudenten steigen in ihren Beruf mit der learning-by-doing-Strategie ein. Das funktioniert, weil ihnen eine breite Allgemeinbildung vermittelt wurde und sie sich so schnell in neue Themenfelder einarbeiten können.

Trotzdem muss man solche Beschwerden ernst nehmen und sich zunächst darüber klar werden, was der einzelne damit meint, um Abhilfe zu schaffen. Die Politik ist hier zunächst nicht gefragt, weil sich der Landtag nicht in konkrete Lehrangebote der Hochschulen einmischen darf. Die Initiative muss deshalb ganz klar von den Hochschulen ausgehen. Den Studierenden steht außerdem die Möglichkeit offen, sich in verschiedenen Hochschulgruppierungen zu engagieren, um direkten Einfluss zu nehmen.


 

Campus-Umfrage: Bereitet Euch Euer Uni-Studium auf die Praxis vor?

Wie gut ein Unistudium auf die Berufspraxis vorbereitet, will Oliver Jörg nicht bewerten. Auf dem Campus der Uni Würzburg sind die Studierenden geteilter Meinung:


 

Sehen Sie Punkte bei denen vonseiten der Universitäten Handlungsbedarf besteht, um das Studium dem späteren Berufsalltag näher zu bringen?

Nicht nur die Eigeninitiative der Studierenden selbst ist hier gefragt, auch die Universitäten selbst sollten regionale Netzwerke mit der Wirtschaft stärker ausbauen. Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften haben damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Aber auch Universitäten, wie etwa die Bayreuther Universität, sind in der Technologie Allianz Oberfranken (TAO) eng mit der Wirtschaft vernetzt.

Wie realistisch sind gesetzliche Nachbesserungen in diesem Bereich?

Ich sehe aktuell keinen Handlungsbedarf beim Gesetzgeber. Die Universitäten haben den nötigen Freiraum, sich der Herausforderungen selbst anzunehmen.

Gibt es Alternativen zum Universitätsstudium, die Theorie und Praxis besser verknüpfen?

Wir haben in Deutschland für jede Leidenschaft das passende Angebot. Gerade das duale Modell, das die Berufsschulausbildung mit der Praxis im Betrieb koppelt, ist eine Erfolgsschlager, der weltweit vielmals kopiert wurde. Und der Erfolg gibt uns ja Recht. Wir haben in Deutschland eine Arbeitslosenquote, die europaweit immer zu den niedrigsten zählt. Der nächste Punkt ist die Verschränkung zwischen Wissenschaft und Praxis. Die neu eingerichteten HAWs sind ein Paradebeispiel für eine praxisorientierte Hochschulausbildung. Das Universitätsstudium hingegen besitzt mit seiner theoretischen Ausrichtung weniger Anwendungsbezug. Um aber auch hier den Wissens- und Forschungstransfer zu optimieren, wurden beispielsweise die Technologietransferzentren eingerichtet. Außerdem gibt es verschiedene private Bildungsangebote, die von der Logopädie- über die Dolmetscherschule bis hin zu den Wirtschaftsakademien weitere Möglichkeiten bieten sich abseits eines Studiums zu qualifizieren. Ich glaube wir können in diese Richtung einiges bieten und es liegt an jedem Einzelnen, inwiefern er diese Angebote nutzt.

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