Zwölf Tonnen Kleidung, aber keine Almosen

Etwa zwölf Tonnen Kleidung laden Helfer und Flüchtlinge aus dem Lkw-Anhänger. Foto: Dorothee Jeschke.

Es ist Montag der 21. Dezember kurz vor neun Uhr, ein regnerischer Morgen. Das Gelände der ehemaligen Ledward-Kaserne in Schweinfurt liegt wie verlassen da. Bis vor einigen Monaten war auf dem etwa 26 Hektar großen Areal noch die US-Armee stationiert. Seit Anfang Juli dieses Jahres befindet sich hier die Erstaufnahme für Flüchtlinge des Kreises Unterfranken. Der Haupteingang liegt an der Ecke Kasernenweg/Niederwerrner Straße. Er ist durch ein schweres elektrisch betriebenes Eisentor gesichert. Daneben befindet sich ein Durchlass mit Pförtner für die Fußgänger. Durchgelassen werden nur ehrenamtliche Helfer, Besucher, die sich registrieren müssen und Flüchtlinge mit einem „Bewohner-Ausweis“. Links vor dem Tor befindet sich ein längliches, flaches Gebäude, welches an einen übergroßen Garagenbau erinnert.

Davor haben sich, trotz des schlechten Wetters, an diesem Morgen einige Leute versammelt, ein Kamerateam ist auch vor Ort. Gerade fährt ein Lkw vom Garagenhof. Ein Mann mit rot-orange leuchtender Jacke vom Roten Kreuz unterhält sich mit zwei weiteren Männern. Er scheint zu wissen was als nächstes passieren wird. Es ist Thomas Lindörfer, Kreisgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK).

Zwölf Tonnen Kleidung: „Creme-Ware“ für Schweinfurt

Der Lkw wendet und nimmt den Anhänger auf, der zuvor am Straßenrand abgestellt war. Mit präzisen Lenkbewegungen schlägt der Fahrer rückwärts den schmalen Weg vor den Garagenbau ein – eine Gasse zwischen den parkenden Autos, nicht mehr als fünf Meter breit. Alle Anwesenden verfolgen gespannt jedes seiner Lenkmanöver. „Die Zugmaschine wurde eben schon ausgeladen, jetzt kommt der Anhänger dran“, erklärt Lindörfer.

Eine Gruppe von 15 jungen Männern hat sich vor dem Garagentor positioniert, auf welches der Lkw zusteuert. Sie kommen aus Afghanistan und sind erst seit kurzem in Schweinfurt. Ein junger Mann mit heller Kappe und blauer Weste mit Leuchtstreifen gibt der Gruppe Anweisungen. Mohammad Afshar ist seit zehn Jahren in Deutschland. Auch er kam damals als Flüchtling. Mittlerweile ist er als Flüchtling anerkannt und arbeitet als hauptamtlicher Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Schweinfurt in der Erstaufnahme. Neben Dari (Persisch) spricht er vier weitere Sprachen: Deutsch, Englisch, Russisch und Arabisch. Bei der Verständigung zwischen den deutschen Helfern und den helfenden Flüchtlingen nimmt er somit eine wichtige Rolle ein. „Zu Beginn konnte man sich etwa mit jedem zehnten Flüchtling auf Englisch verständigen, heute sind es weniger“, berichtet Lindörfer, „obwohl die meisten der Flüchtlinge in Schweinfurt aus der Mittelschicht stammen“.

Über die Hälfte der Flüchtlinge kommt aus Syrien

Derzeit leben 800 Flüchtlinge auf dem alten Kasernengelände. Zu Höchstzeiten waren es mehr als 2.000. Wie lange die Flüchtlinge in der Erstaufnahme bleiben ist sehr unterschiedlich, zwischen ein paar Tagen oder im Sonderfall einem halben Jahr ist alles möglich. Etwas mehr als die Hälfte der Flüchtlinge kommt aus Syrien, danach folgt Afghanistan, einen kleineren Anteil bilden Ukrainer und Georgier. Der Grund für die überschaubare Zusammensetzung der ethnischen Gruppen ist nicht, wie man annehmen könnte, die Vermeidung von Konflikten, sondern die Arbeitsweise des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, welches sich auch auf dem Gelände befindet. Bei einer geringeren Zahl von Herkunftsländern reduziert sich auch die Anzahl der benötigen Dolmetscher.

Der Anhänger, der rund zwölf Tonnen Kleidung geladen hat, ist bereit zum Ausladen. Neugierig öffnet ein Helfer die schweren Hecktüren. Im Inneren sind große helle Kleidersäcke bis unter die Decke gestapelt. Sofort geht es los. Die Helfer bilden eine lange Kette, die von der Ladefläche bis in die Garage hinein reicht. Alle sind hoch motiviert, sie werfen sich die 25 bis 50 Kilogramm schweren Säcke zu, als wären diese federleicht, dabei rufen sie sich Sätze auf Dari zu. Die Helfer in der Garage stapeln die ankommenden Kleidersäcke an einer Wand. In der Halle, die innen Platz für einige Lkw bieten würde, ist noch etwas Freiraum vorhanden. Auf der gegenüberliegenden Seite türmen sich bereits hohe Berge aus Kartons und Kisten.

"Säckeweise

99 Prozent sind verwendbar

Die 15.000 Altkleider im Wert von etwa 50.000 Euro wurden einmalig von der SOEX GROUP, einem der weltweit führenden Unternehmen für Altkleidervermarktung, gespendet und stammen aus deutschen Privathaushalten. Gesammelt, vorsortiert und verpackt wurde die gespendete Bekleidung von dem Unternehmen EFIBA, einer Tochtergesellschaft der SOEX.

Die Textilien für Schweinfurt werden als „Creme-Ware“ bezeichnet. „Die sind besser als 1A“, sagt Günter Riendl, Außendienstler der EFIBA. Er begleitet die Übergabe des Transports. 99 Prozent der gespendeten Ware ist verwendbar. Alles ist dabei, von Frauenkleidern über Babykleidung und Kinderkleidung bis hin zu Männerhosen und Schuhen. Besonders benötigt werden in der Erstaufnahme schlanke Herrengrößen. „In den Tagen um Weihnachten wurde von der Bevölkerung weniger gespendet als zuvor“, stellt Lindörfer fest. Er hofft auf weitere Spenden durch die Bevölkerung. Für diesen Zweck gibt es an der zum Haupteingang liegenden Seite des Garagenbaus eine Einwurfklappe.

Nach einer knappen halben Stunde ist der Anhänger leer und die Kleidungssäcke türmen sich geordnet an der Hallenwand. Alle sind froh, dass es geschafft ist. Die Leichtigkeit, mit der die Säcke zu Beginn geworfen wurden, war bereits nach einigen Minuten verflogen, da sich das Gewicht deutlich bemerkbar machte. Abschließend versammeln sich alle Helfer noch einmal für ein Gruppenbild vor dem Berg von Altkleidersäcken.

Hochbetrieb in Gebäude 212: Wie im Winterschlussverkauf

Hinter dem Haupteingangstor liegt Gebäude 212. Eine schmale Treppe führt runter in den Keller, man gelangt in einen zwanzig Meter langen Gang. In der Mitte verläuft ein rot-weißes Absperrband. „Auf der einen Seite stehen die Männer und auf der anderen Seite die Frauen für den Zugang in die Kleiderausgabestelle an“, erklärt Lindörfer. Um für einen geordneten Ablauf zu sorgen und eine Überfüllung der Räumlichkeiten zu vermeiden, stehen unterstützend Soldaten der Bundeswehr im Rahmen der Aktion „Helfende Hände“ bereit. An diesem Vormittag ist die Schlange ungewöhnlich kurz. Die Kleiderausgabe hat an fünf Vormittagen in der Woche geöffnet. Etwa 200 Menschen kommen täglich um sich Kleidungsstücke auszusuchen. Jeder Bewohner darf sich einmalig acht Teile kostenlos auswählen damit eine Grundausstattung gewährleistet ist. Diese Bestimmung orientiert sich am Sachleistungsprinzip und wurde von der Stadt Schweinfurt beschlossen.

Neue Stellen beim Bayrischen Roten Kreuz

Beim Bayerischen Roten Kreuz wurden extra neue Stellen geschaffen, um den zusätzlichen Arbeitsaufwand zu bewältigen. Lindörfer selbst verwendet die Hälfte seiner Arbeitszeit für den Bereich Flüchtlinge. Er kümmert sich in erster Linie um die Schaffung von Strukturen, innerhalb derer das Rote Kreuz die Flüchtlingsarbeit unterstützen kann. Darüber hinaus gehört es zu seinen Aufgaben, Vereinbarungen mit der Stadt Schweinfurt und der Regierung Unterfrankens zu treffen. Allein 70 ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen die BRK-Kleidersortierung und -ausgabe. „Ohne ihre Hilfe würde es nicht gehen“, betont Lindörfer deren Bedeutung. Darüber hinaus sind weitere ehrenamtliche Helfer aktiv, diese sind überwiegend in Institutionen wie Diakonie und Caritas organisiert. Sie führen die Asylsozialberatung durch, darüber hinaus reicht das Angebot von Kinderbetreuung über Deutschkurse bis hin zum Häkeln oder dem Kennenlernen des deutschen Mülltrennungssystems. Das Rote Kreuz ist für alles rund um das Thema Kleidung zuständig.

„Man darf die Einzelschicksale nicht zu nah an sich heran lassen um seine Arbeit weiter erledigen zu können“ mahnt Lindörfer. Dennoch schätzt er seine Aufgaben sehr, die interkulturelle Zusammenarbeit und die Möglichkeit anderen Menschen helfen zu können.

Monatliche 14o Euro pro Person

Neben der Unterstützung durch die ehrenamtlichen Helfer werden die Flüchtlinge nach dem Asylbewerberleistungsgesetz über das Sozialamt der Stadt Schweinfurt unterstützt. Je nach persönlicher und familiärer Situation führt dies zu einer monatlichen Zahlung von circa 140 Euro pro Person. In der Unterkunft ist die Vollverpflegung gewährleistet: In einer großen Halle gibt es zwei Stationen an denen die Essensverteilung  stattfindet. Es gibt ein warmes Mittagessen und zwei Lunchpakete für Frühstück und Abendessen. Die Stadt Schweinfurt unterstützt für die Flüchtlinge auch die Arbeit des Roten Kreuzes. Sie stellt die Räumlichkeiten für die Lagerung und Sortierung der gespendeten Kleidung zur Verfügung.

Die Regierung Unterfrankes stellt die Kellerräume bereit, in der die BRK-Kleiderausgabe stattfinden. Die Stadt Schweinfurt hatte das Kasernengelände im Februar erworben. Die Aufnahmeeinrichtung ist für insgesamt fünf Jahre vorgesehen. Parallel plant man ab 2017 einen Teil des Areals für die Ausweitung des Campus der Hochschule für angewandte Wissenschaften Schweinfurt-Würzburg zu verwenden. Ebenfalls sollen dort Wohnheime für die Studenten und eine Stadthalle entstehen.

Hochbetrieb in der Kleiderkammer in Schweinfurt. Foto: Dorothee Jeschke
Hochbetrieb in der Kleiderkammer in Schweinfurt. Foto: Dorothee Jeschke

Wie mitten im Winterschlussverkauf

In der Kleiderkammer herrschen Hochbetrieb und hektisches Treiben, als befände man sich mitten im Winterschlussverkauf. Die Kleidung ist nach Frauen, Männern und Kindern sortiert. In einem separaten Raum sind Taschen und Koffer gelagert. Jung und Alt wühlen sich durch die Regale und Kleiderstangen. Der Raum ist von Stimmengewirr gefüllt. Die Kleiderausgabe wird von den beiden hauptamtlichen Mitarbeiterinnen Cornelia Kirchhof und Sabine Ruß koordiniert und überwacht. Sie haben sich hinter der Kasse am Ausgang positioniert. Dort bringen die Flüchtlinge die ausgewählten Kleiderstücke hin. Um den Betrieb in der Ausgabe geordnet aufrecht halten zu können, sind weitere ehrenamtliche Helfer vor Ort. Ebenso wie vier junge Frauen aus Syrien, die tatkräftig mithelfen.

Die Kleidungsstücke werden, nachdem sie in der Garagenhalle gesammelt wurden, sortiert und dann in die BRK-Kleiderausgabestelle gebracht wo sie kostenlos oder gegen eine geringe Schutzgebühr abgegeben werden. „Es soll kein Eindruck von Almosen erweckt werden und der Schwarzhandel mit kostenloser Kleidung soll verhindert werden. Vielmehr wollen wir ein Gefühl von einem richtigen Einkauf vermitteln“, erklärt Lindörfer. Extraanfertigungen sind auch möglich. Wenn jemand eine Burka oder eine spezielle Übergröße bräuchte, würde diese genäht werden, das ist in Schweinfurt aber noch nicht vorgekommen.

„Die Dankbarkeit der Menschen in ihren glücklichen Gesichtern zu sehen, wenn sie sich zum Beispiel über eine neue Winterjacke freuen, ist der schönste Lohn für die Helfer“, sagt Lindörfer und weiter betont er, wie froh es ihn macht „zu wissen, dass die Arbeit, die man tut, wichtig ist und direkt bei den Menschen ankommt“. Die gespendete Kleidung leistet einen kleinen, aber wichtigen Beitrag dazu, dass den Menschen etwas zurückgegeben werden kann was sie bei ihrer Flucht zurücklassen mussten. Schließlich sind viele von ihnen in Deutschland mit nicht mehr als dem angekommen, was sie gerade am Leib trugen.

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