„Man muss den Sport vor den Menschen schützen, die ihn besitzen.“

Jochen Leufgens im Lichthof der Neuen Uni
"Wenn wir diese Themen nicht behandeln, wird der Sport verkommen." - Jochen Leufgens über kritischen Sportjournalismus

Über Doping und Korruption wird im Sport gern geschwiegen. Journalisten müssten hier eine Korrektivfunktion einnehmen, damit der Sport nicht verkomme, erklärt Jochen Leufgens, auch wenn man dann bei einigen Kollegen als Nestbeschmutzer gelte.  Bei seinem Gastvortrag an der Universität Würzburg am 21. Januar in der Reihe “Wirtschaftsjournalisten aus der Praxis” sprach der  Sportjournalist und ARD-Redakteur Jochen Leufgens über die Autonomie des Sports, die FIFA und kritische Sportberichterstattung.

Autonomie des Sports: „Das Geld wird gerne genommen“

Jochen Leufgens hinterfragte die Forderung des Sports nach Autonomie , also einer möglichst geringen Einmischung von Staaten in die Aktivitäten des organisierten Sports. Leufgens kritisierte, Sportverbände würden eine Verletzung dieser Autonomie nur dann sanktionieren, wenn es ihren eigenen Interessen entgegenkommt. „250 Millionen Euro. Das ist die Summe, die alleine Deutschland jedes Jahr für die Spitzensportförderung bereitstellt. Da redet dann keiner mehr von Autonomie, das Geld vom Staat wird gerne genommen. Bloß eine Einmischung, sei es zum Beispiel ein Dopinggesetz, das erst dieses Jahr durchgekommen ist, wird ständig abgelehnt.“, kritisierte der Journalist.

Doping, Korruption und ein nicht reformierbares System

Doping ist einer von Leufgens Schwerpunkten. Er leitet die ARD Dopingredaktion. Seine Dokumentation „Geheimsache Doping. Wie Russland seine Sieger macht“ wurde im Januar mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Ein anderer Schwerpunkt im Jahr 2015 war der FIFA-Korruptionsskandal. In der Diskussion mit dem Publikum konstatierte Jochen Leufgens zum Weltfußballverband: „Ich halte die FIFA aufgrund ihrer Grundanlage für nicht reformierbar.“ Zu dieser These führte er die Regelung an, wonach auch sehr kleine Staaten dasselbe Stimmrecht wie andere Nationen besitzen. Dieses nur auf den ersten Blick demokratische System erlaube es der FIFA, kleine Länder in ihrem Sinn zu beeinflussen. „Das ist eine Simulation von Demokratie, die immer nur den Leuten nützt, die dieses System am Laufen halten.“, so Leufgens.

Auflage und Quote statt Kritik

Viele Journalisten, die nur über Spielverläufe und Wettkampfergebnisse berichteten, sähen seine Arbeit kritisch. „Alles was wir in unseren Dokumentationen zeigen, macht aus Sicht vieler Redaktionen deren Arbeit im Prinzip kaputt. Ich halte diese Sicht für falsch.“, kritisierte Jochen Leufgens. Für viele Medien sei die klassische Sportberichterstattung attraktiv, weil sie Auflage und Quote brächte. Ein Teil des Problems sei auch, dass es keine gute sportjournalistische Lehre in Deutschland gebe.

Zum kritischen Sportjournalismus meinte er: „Wenn wir diese Themen nicht behandeln, wird der Sport verkommen. Ich glaube man muss den Sport teilweise vor den Menschen schützen, die ihn – zumindest im Moment noch – besitzen.“

 

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