„Schlechter Start, aber guter Endspurt“: Ulrich Schäfer analysiert die Berichterstattung zur VW-Krise

Ulrich Schäfer bei seinem Vortrag
„Wir sind schwach gestartet, waren am Mittwoch bereits besser als die FAZ und am Ende der Woche sogar besser als der Spiegel.“ Foto: Max von Andrian-Werburg

Erfolge und Misserfolge bei der Berichterstattung über den Abgasskandal bei Volkswagen (VW) erklärte Ulrich Schäfer, Leiter des Wirtschaftsressorts der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), am 10. Dezember an der Universität Würzburg. In seinem Vortrag in der Reihe „Wirtschaftsjournalisten aus der Praxis“ stellt er die internen Vorgänge bei der SZ während der ersten Woche des Abgasskandals bei Volkswagen dar. „Wir sind schwach gestartet, waren am Mittwoch bereits besser als die FAZ und am Ende der Woche sogar besser als der Spiegel.“, führte Ulrich Schäfer aus.

Ein Schreiben der EPA

VW manipulierte die Schadstoffreinigungsanlagen seiner Dieselautos. Die ersten Informationen zu dieser Manipulation kamen zu einem ungünstigen Zeitpunkt, an einem Freitagabend um 18 Uhr, an die Öffentlichkeit. „Da waren wir alle längst im Feierabend und nur noch ein Kollege vom Spätdienst anwesend“, erklärte Ulrich Schäfer. Das Schreiben der amerikanischen Umweltbehörde EPA erwähnte nur einen Strafbetrag pro Auto, der erst später hochgerechnet zu einer möglichen Gesamtstrafe von 18 Milliarden Dollar führte. An diesem ersten Tag veröffentlichte die SZ deshalb nur zwei kleinere Meldungen auf ihrem Onlineauftritt. Über das ganze Wochenende hinweg kamen nur drei weitere kleinere Artikel hinzu.

Nicht aus der Routine gekommen

Während der VW-Aktienkurs um 23 Prozent einbricht, recherchierten bei der SZ am darauffolgenden Montag bereits sieben Journalisten zum VW-Abgasskandal. Das Thema schaffte es am Folgetag dann zum ersten Mal auf die Titelseite der SZ. Im Laufe der Woche habe die SZ das Team von sieben auf dreizehn Journalisten ressortübergreifend aufgestockt. Die SZ veröffentlichte an zwei aufeinander folgenden Tagen Leitartikel zum Skandal. „Das ist sehr ungewöhnlich.“ merkte Ulrich Schäfer an. „Das nächste Mal, wenn das passiert, ist wahrscheinlich Angela Merkel zurückgetreten.“

Im Wirtschaftsjournalismus profiliert sich keiner alleine

Letztendlich brauchte die SZ etwas Zeit um sich auf den VW-Skandal einzustellen. Die ressortübergreifende Zusammenarbeit eines interdisziplinären Teams habe aber schließlich zum Erfolg geführt. „Dies spiegelte sich auch in einer Auflagensteigerung wieder.“, erläuterte Ulrich Schäfer. In einer anschließenden Diskussion mit dem Publikum erklärte Ulrich Schäfer auf die Frage, ob nicht ein zu großer Fokus auf den VW-Skandal gelegt wurde: „Wir erwarten nicht, dass Sie alles lesen. Die SZ ist wie ein gehobener Supermarkt, Sie gehen durch und nehmen sich was Sie brauchen.“

Appell an angehende Wirtschaftsjournalisten

Zum Abschluss seines Vortrags richtete sich Ulrich Schäfer noch mit einem Appell an die anwesenden angehenden Wirtschaftsjournalisten. Er habe zwar einen tiefen Einblick in die Praxis gegeben, dennoch seien Praktika in unterschiedlichen Redaktionen für ein fundamentales Verständnis der Vorgänge in einer Redaktion unerlässlich. Weiterhin meinte Ulrich Schäfer: „Das Wichtigste für einen Journalisten in der Ausbildung ist genau eine Sache: Schreiben, Schreiben, Schreiben.“

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