„Ungleichheit ist kein moralisches Problem“

Porträt Rainer Hank
"Ich bin im Denken als Liberaler radikaler geworden." Foto: Rainer Hank

Vom Linken zum Liberalen, vom Theologie-, Philosophie- und Literaturstudenten zum Leiter des Wirtschaftsressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Rainer Hank spricht mit MAIN darüber, wieso er Kinderarbeit nicht ablehnt und TTIP kritisch sieht. Ein Gespräch über Liberalismus, Ungleichheit und Journalismus.

 

In Ihrem aktuellen Buch „Links, wo das Herz schlägt“ zeichnen Sie Ihren Weg vom Linken zum Liberalen nach. Es liest sich einerseits als Milieustudie der damaligen linken Studentenszene und andererseits als brennendes Bekenntnis zum Liberalismus. Kann man das so sagen?

Rainer Hank: Das kann man so sagen, und während ich in den 70er und frühen 80er Jahren eher ein Mainstream-Linker war, bin ich im Denken als Liberaler radikaler geworden. Normalerweise gilt das Liberale, jedenfalls im europäischen Sinn, als ausgeglichener und das Linke eher als das Schärfere. Bei mir ist es umgekehrt gegangen.

„Wer ein Verbot von Kinderarbeit für Bangladesch will, ist ein Jobkiller. Denn Kinderarbeit macht Länder reich. Man muss für Kinderarbeit sein, weil nur Kinderarbeit Kinderarbeit überflüssig macht.“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Demnach führt nur radikaler Neoliberalismus ein Land zu Wohlstand. Man muss eine Generation verschleißen, um schließlich Wachstum zu generieren – ist das das deprimierende Fazit Ihres Buches?

Das ist nur deprimierend, wenn man es aus dem Kontext reißt. Wenn man es im Kontext lässt, geht es ja gegen die Moralisten, die mit einer quasi universalistischen Moral Kinderarbeit verbieten wollen, dadurch moralisch für sich auf der guten und besseren Seite stehen und nicht die Konsequenzen ihres moralistischen Rigorismus sehen. Darum, nicht um einen wirtschaftshistorischen Determinismus zu begründen, geht es in in diesem Zitat. Tatsächlich war es bisher im Verlauf der Wirtschaftsgeschichte immer so, dass erst die Kinderarbeit kam und dann das Verbot der Kinderarbeit. Und nicht umgekehrt erst das Verbot der Kinderarbeit, dann der Wohlstand.

 Sie behandeln in Ihrem Buch auch das Thema Ungleichheit und werfen die Frage auf, ob Ungleichheit etwas Schlechtes sein muss – muss ein Liberaler jedes Maß an Ungleichheit akzeptieren?

Das ist auch ein Disput innerhalb der Liberalen, der unter dem Stichwort Chancengleichheit geführt wird. Ich denke, dass Ungleichheit schon ein Problem sein kann, wenn sie ins Extrem überschlägt. Aber im Prinzip ist Ungleichheit kein moralisches Problem. Ungleichheit ist der normale Zustand der Menschen: We are all born unequal. Und es gehört zur Conditio Humana, also zur Bedingung unseres Lebens dazu, aus dieser Ungleichheit das Beste zu machen.

Man muss sich keine Sorgen machen, solange die Ungleichheit keine ewig gleichbleibende Klassengesellschaft definiert. Also solange jeder die Möglichkeit hat, einen anderen, der mehr hat zu entmachten und gleichzeitig einer, der mehr hat, nicht davon ausgehen kann, immer dort zu bleiben.

Konkret: Ein System, in dem Einkommen und Vermögen so ungleich verteilt sind wie in den USA ist demnach wünschenswert?

Das ist doch zur Zeit das beste Beispiel dafür, dass Ungleichheit gut ist, solange es soziale Mobilität gibt: Marc Zuckerberg, ein Studienabbrecher von Harvard, ist in wenigen Jahren zum Milliardär geworden. Niemand hindert Sie daran, zum Zuckerberg zu werden. Und das werden Sie im Zweifel eher in Amerika als in Deutschland. Niemand hat ihn daran gehindert – noch nicht einmal Herr Piketty – 99 Prozent seines Einkommens zu verschenken. Und dann sagen die Deutschen, Geld verschenken darf er auch nicht, weil wir dafür demokratische Regierungen brauchen, die wissen viel besser, wie wir das Vermögen von Herrn Zuckerberg verteilen. Das ist doch unfassbar.

 

Die EU ist janusgesichtig.

 

Sie brachten die Bewältigung der europäischen Staatsschuldenkrise ohne den Euro ins Spiel und diskutierten die Möglichkeit eines Austritts Griechenlands aus der Währungsunion. Ist Liberalismus für Sie unvereinbar mit der EU in Ihrer heutigen Form?

Die EU ist janusgesichtig. Sie ist einerseits zentralisierend für die Gemeinschaft und harmonisierend, was mit einer liberalen, freiheitlichen Wettbewerbstheorie schwer zu vereinbaren ist. Zugleich zeigt sie aber auch das gute, liberale Gesicht da, wo Staaten sich verpflichtet haben, einige Privilegien abzubauen und gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Staaten delegieren an die Gemeinschaftsinstanz die Überwachung eines Level Playing Field, das verhindert, dass wir bestimmte Berufsgruppen, Lohnempfänger, etc. schützen. Das ist der liberale Anteil der EU, der in den letzten Jahren seltener im Mittelpunkt stand. Brüssel wurde geschwächt in der Aufgabe, Privilegien zu schleifen, während die Zentralisierung gestärkt wurde.

 

Gerade weil und wenn man für den Freihandel ist, musste und muss man sich ärgern über TTIP.

 

Zu einem liberalen Wirtschaftssystem gehört meist auch Freihandel. Die Dokumente zu den Verhandlungen über TTIP ‒ das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA ‒ sind größtenteils geheim. Wie wirkt sich das auf Ihre journalistische Arbeit aus? Kann die Presse so in vollem Umfang zu einer informierten Öffentlichkeit beitragen?

Gerade weil und wenn man für den Freihandel ist, musste und muss man sich ärgern über TTIP. Einerseits wegen der durch nichts zu rechtfertigende Intransparenz und Geheimnistuerei. Andererseits wegen der bis heute schwachen Begründung für die Privatisierung des Rechts in der Schiedsgerichtbarkeit. Beides macht es einem schwer. Umso mehr muss man für den Freihandel kämpfen, aber zugleich gerade nicht jeden TTIP-Quatsch mitrechtfertigen.

Lassen Sie uns über Journalismus sprechen. Wie kommt man vom Theologie-, Literaturwissenschafts- und Philosophiestudium zum Wirtschaftsjournalismus?

Wie die Jungfrau zum Kind. Das waren schon in den späten 80er Jahren nicht die normalen Zugangswege. Aber ich glaube, heute hätte ich keine Chance mehr. Damals hatte ich gerade eine Hospitanz im Feuilleton der FAZ und eines Tages spazierte ein Wirtschaftsredakteur über den Flur des Feuilletons und sagte: „Was wollen Sie eigentlich mit Ihrem Leben machen?“ und ich sagte: „Ich will Journalist werden.“ Dann sagte er: „Dann kommen Sie doch mal in die Wirtschaftsredaktion, wir suchen Leute.“ So war’s dann: Die suchten wirklich jemand und haben mich mit diesen Orchideenvoraussetzung unter der Bedingung genommen, dass ich mich mit der Ökonomie vertraut machte. Also habe ich mein Bestes gegeben. Seitdem bin ich mit großer Freude Wirtschaftsredakteur.

Der Spiegel gab kürzlich Stellenkürzungen bekannt, die Zeitungsbranche ist schon länger in der Krise. Sie schrieben zur Zeitungskrise gemeinsam mit Kollegen: „Den Zenit überschritt die Branche schon in den Jahren 1982/1983. […] Am Internet alleine kann der Niedergang also nicht liegen.“ Wo sehen Sie die Gründe für die Krise?

Der Peak, von dem ich da geschrieben habe, korreliert mit Beginn und Ausweitung des privaten Rundfunks. Ich habe ja gesagt am Internet allein kann es nicht liegen.. Aber mehr und mehr hat die Zeitung ihr Monopol als notwendige Tagesverpflichtung zur Lektüre verloren. Die Menschen sind ja nicht dümmer geworden, aber um klug zu bleiben und sich in der Welt zu orientieren, gibt es in der Zwischenzeit viel mehr Alternativen als die Zeitung, wie das noch in den 80ern der Fall war. Das ist die Nutzer- und Nachfrageseite.

Beim Angebot hat sich die die duale Finanzierung zwischen Anzeigen und Vertrieb aufgelöst. Die Anzeigenkunden wenden sich häufig von den Zeitungen ab. Das war auch beim „Spiegel“ dramatisch. Man sucht andere Möglichkeiten der Werbung und sieht: Das Werbebudget ist nicht kleiner geworden. Aber der Teil davon, der an die Zeitungen abfällt, ist dramatisch kleiner geworden.

 

Da meint jeder, der irgendwie ein paar Sätze sagen kann, er sei damit auch ein Deuter.

 

Jetzt wo es diese vielen Alternativen gibt: Wie kann eine Zeitung heute noch relevant bleiben, wie muss sie sich für die Zukunft ausrichten?

Das passiert ja immer wieder im Wettbewerb. Ein Stichwort haben Sie ja selbst gerade genannt: „Relevanz“. Aus meiner Sicht ist Relevanz deutlich wichtiger als Aktualität; Aktualität ist ein notwendiger, aber nicht hinreichender Bestandteil für Relevanz. Sie müssen den Menschen das Gefühl geben: Das geht mich etwas an. Die Zeitungen müssen das Vertrauen zurück gewinnen oder verstärken, wenn sie ihn nicht verloren haben, dass sie eine besondere Deutungskompetenz haben. Und diese besondere Deutungskompetenz hängt mit Professionalität zusammen. Auch das Bewusstsein ist ja leider nicht mehr überall da, sondern da meint jeder, der irgendwie ein paar Sätze sagen kann, er sei damit auch ein Deuter.

Das bedeutet nicht, dass ich als Journalist die Weisheit mit Löffeln gefressen habe. Aber es gibt eine bestimmte Professionalität des Handwerks, das die Deutungen stärker, aussagekräftiger, glaubwürdiger, und abdeckender macht. Dazu kommt das was, man im Moment mit dem Modewort „kuratieren“ beschreibt. Früher hat man einfacher gesagt: „Ach schön, dass jeden Tag soviel passiert, dass es gerade in eine Zeitung reingeht.“ Heute heißt das, es geht darum, die Spreu vom Weizen zu scheiden. So kann man die unübersichtliche Vielfalt dessen, was auf einen zuströmt ordnen, verstehen, beurteilen, kommentieren. Das ist nichts anderes, als das was Journalisten immer schon gemacht haben, aber sie müssen es noch stärker, noch intensiver, noch glaubwürdiger vermitteln.

Die Online-Plattformen großer Zeitungen testen noch immer verschiedene Geschäftsmodelle neben rein werbefinanzierten Artikeln. Welches Modell könnte hier zukunftsweisend sein?

Da bin ich kein Experte. Aber ich sehe, dass es einen Zielkonflikt gibt: Wenn man sich durch Werbung finanzieren will, muss man auf Teufel komm raus Reichweite schaffen. Reichweite schafft man am besten, indem man seine Inhalte verschenkt, was die verheerende Wirkung hat, dass es eben nicht mehr zum Gemeinwissen gehört, dass man für geistige Inhalte etwas bezahlen muss. Aber in dem Moment, wo Bezahlschranken abschrecken, verliert man Reichweite, indem man Preisschilder an die geistigen Inhalte klebt. Aber allein das Wort „Bezahlschranken“ ist schon fürchterlich – Als ob jemand sagen würde, der Bäcker hat eine Bezahlschranke eingerichtet, weil er für den Kaffee, den ich mir gerade geholt habe, 2,50 Euro will!

Lesen Sie die Online-Kommentare zu Ihren eigenen Artikeln?

Zunehmend weniger. Das kann leserverachtend klingen, aber das bin ich wirklich nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass Online-Kommentatoren – Leserbriefschreiber waren das auch – eine spezielle Spezies von schreibenden Zeitgenossen sind. Vor der Art, wie sich dort häufig unangenehm Emotionalität, bis hin zu Hass und Schmähungen ausbreitet, muss man sich als Journalist schützen.

Ich setze mich mit jedem Kommentar und Gegenargument zu meinen Artikeln gerne auseinander – aber in den Online-Kommentaren sind selten Argumente und sehr häufig Schmähungen zu lesen.

Inwiefern verändern Blogs die Arbeit, vielleicht sogar das Selbstverständnis von Journalisten?

Sie verändern sie und bereichern sie! Während es früher dazugehörte, dass man die Konkurrenz national und international zur Kenntnis nimmt, gehört es jetzt als Journalist dazu, dass man auch mit vergleichbarem Zeiteinsatz Blogs zur Kenntnis nimmt.

Ich lese zum Beispiel sehr häufig Mankiw, Cochrane und andere Ökonomenblogs, man hat da so seine Lieblinge. Immer wieder verlässt man dann den ausgetretenen Weg und sucht sich anderes. Ähnliches gilt ja doch auch für die sozialen Medien. Twitter und Facebook gehört zum normalen Arbeitsverhalten des Journalisten mittlerweile dazu.

Wie gut schaffen es Wirtschaftsjournalisten in Deutschland sehr komplexe Sachverhalte wie die Finanzkrise für die Öffentlichkeit richtig und verständlich aufzubereiten?

Ich glaube, gut. Man wächst ja an seinen Aufgaben. Man könnte natürlich kritisieren, dass sie die Finanzkrise nicht vorhergesehen haben, sie sind aber auch keine Prognostiker. Aber Wirtschaftsjournalisten sind sowohl in der Finanzkrise als auch in der Eurokrise in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand außerordentlich besser geworden. Das Thema war neu ‒ klar wusste man auch vorher was eine Bank ist. Ich bin kein Bankenexperte, aber ich weiß heute tausendmal besser Bescheid, wie eine Bank funktioniert und was das Riskante am Bankgeschäft ist, als ich es vor zehn Jahren wusste. Und über Staatsfinanzierung und Staatsverschuldung im Rahmen der Eurokrise kann man dasselbe sagen.

Herr Hank, danke für das Gespräch!

 

 

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