Wie Erzähler Geschichte(n) schreiben

Rainer Hank referiert über Storytelling
Ein Skandal, viele Stories: Rainer Hank erklärt Storytelling am Beispiel VW-Abgasaffäre.

Rainer Hank erklärte an der Universität Würzburg am Beispiel des VW-Abgasskandal, wie Storytelling im Wirtschaftsjournalismus funktioniert. Der Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hielt am 12. November 2015 einen Vortrag in der Reihe „Wirtschaftsjournalisten aus der Praxis“ und erläuterte den Studierenden Theorie und Praxis des Erzählens von Geschichten im Wirtschaftsjournalismus.

Mit Geschichten Öffentlichkeit und Märkte beeinflussen

„Ein Ganzes ist, was ein Anfang, Mitte und Ende hat“, begann Rainer Hank mit einem Zitat des altgriechischen Philosophen Aristoteles seinen Vortrag und beschrieb damit den grundsätzlichen Aufbau einer Erzählung. Geschichten seien dazu da, Sachverhalte zu vereinfachen. Sie könnten Menschen dabei helfen, sich mit Dingen und Themen zu identifizieren und so auch Zukunft und Alltag zu bewältigen. Als Erzähler kämen in der Wirtschaftskommunikation beispielsweise Unternehmen, Aktionäre, Ökonomen oder einfache Mitarbeiter vor. Ihr Ziel sei es oft Kunden, Politik, Öffentlichkeit und Märkte zu beeinflussen.

„Change the story and you change the meaning of the facts“, erklärte Rainer Hank und wies dabei auf die Deutungsmacht sowie die Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten hin. Abhängig von der Perspektive beziehungsweise der subjektiven Einstellung des Erzählers gegenüber einer Thematik könne derselbe Sachverhalt auf unterschiedliche Art und Weise dargestellt werden.

Der VW-Skandal: Storytelling aus der Praxis

Ein Beispiel für unterschiedliche Deutungsmuster im Storytelling sei der VW-Abgasskandal. Rainer Hank erklärte dies an Artikeln aus dem Wirtschaftsjournalismus, die dabei unterschiedliche Ursachen desselben Skandals feststellten. „Die technischen Hintergründe sind nur schwer für den Laien zu verstehen“, erläuterte Rainer Hank. Aus diesem Grund spiele Storytelling eine so wichtige Rolle für die Öffentlichkeit, da es den Sachverhalt verständlicher mache.

„Es gibt Autoren, die den Abgas-Skandal auf menschliches Versagen und Größenwahn des mittlerweile zurückgetretenen Konzern-Chefs Martin Winterkorn zurückführen.“, erklärte Hank am Beispiel eines Spiegel-Artikels. Andere sähen ein System-Versagen, verursacht durch das VW-Gesetze als Ursache für das Chaos bei VW. Beide Perspektiven erzählten eine glaubhafte Geschichte, wie es zum Skandal kam und bauten so einen Mythos auf. Deutungsmuster, die sich durchsetzten würden laut Hank auch langfristig als Story über die Ursache hängen bleiben.

Diskussion über Ablösung klassischer Darstellungsformen durch Storytelling

Modernes Storytelling könne traditionellere Darstellungsformen des Journalismus nicht komplett ersetzen, erklärte Hank in einer Diskussionsrunde mit dem Publikum im Anschluss an seinen Vortrag. Eine wachsende Nachfrage nach Storytelling bei Unternehmen, Medien und Rezipienten sei aber zu erkennen. In dieser Situation sei nun der Wirtschaftsjournalismus gefordert. Wirtschaftsjournalisten müssten diese Geschichten erkennen, dechiffrieren und entmythologisieren.

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