Über den „Mythos Ökonomie“ – Flaschenbier und Kaffeehaus-Kultur

Cafe Klug
Die Gäste des Café Klug diskutieren. Anlass dazu geben die von Benedikt Martini gestalteten Bierdeckel.

Eine gewöhnliche Kneipe in Uni-Nähe. Man sitzt gemütlich an einem Tisch und nippt an seinem Bier. Man kommt ins Gespräch. 

 

 

Georg: Wie in einem typischen Wiener Kaffeehaus sieht es hier aber nicht aus. Warum hast du dich dafür entschieden, das Kaffeehaus in eine Kneipe nach Würzburg zu verlegen?

Benedikt: Weil es mir darum geht, eine politische Diskussion wieder in die Öffentlichkeit zu bringen – in einen physischen, öffentlichen Raum. Auch wenn die Kneipe gewissermaßen ein privater Ort ist, kommen verschiedene Menschen in einem Raum zusammen. Das macht die Kneipe wiederum öffentlich!

G: Zumal auch jeder den Zugang dazu hat!

B: Genau! Wenn man sich mit Leuten in einer Kneipe trifft, sind alle hierarchisch gesehen auf der gleichen Ebene. Anders als bei einem Vortrag: Ein Experte steht vorne und erzählt. Den im Publikum sitzenden Laien wird aber nur ab und an gestattet, etwas zum Thema zu sagen. In der Kneipe hingegen gibt es dieses Gefälle zwischen Fachautorität und Publikum nicht. Es gibt also keinen vorab geregelten Ablauf einer Diskussion. Eine natürliche Dynamik entsteht.

G: Du nutzt Plakate, aber auch Bierdeckel und Servietten. Diese sind ja nicht gerade die typischen Medien!

B: Bierdeckel und Servietten sind aber als typisches Inventar von Kneipen nun einmal vorhanden. Somit muss man nicht, auf örtlichkeitsfremde Dinge zurückgreifen. Wenn man heutzutage vom öffentlichen Raum spricht, lässt sich eine Art Privatisierungsprozess beobachten. Der Bierdeckel dient als klassische Werbefläche für Brauereien und auf diese Weise einem privaten, kommerziellen Zweck. Ich hingegen verwende die Fläche des Bierdeckels dafür, Themen von gesellschaftlichem Belang in die Öffentlichkeit zu tragen. Wenn man nun an seinem Bier nippt, wirft man automatisch auch einen Blick auf den Bierdeckel. Dabei kann es ja auch passieren, dass man neben dem Alkohol auch mal die darauf stehende Information konsumiert. Ungezwungen!

G: Du verwandelst die Werbebotschaften auf dem Bierdeckel?

B: Durch die Umwandlung der Werbebotschaft gibt es aber gleichzeitig auch einen Irritationsmoment. Dort, wo man normalerweise eine Bierwerbung erwarten würde, steht etwas komplett anderes. Der Kneipenbesucher ist verwundert. Doch gerade aufgrund dieser Verwunderung – den „Aha-Moment“ – fangen ja vielleicht die Leute an, über den Inhalt der Botschaft zu diskutieren. Ein öffentlicher Diskurs entsteht!

G: Woher stammt also deine Motivation, politische Themen und Informationen für jeden greifbar zu machen?

B: Ohje! In gewisser Weise hat mich diese Thematik schon immer interessiert. Es macht sich ja durchaus eine Tendenz zur Entpolitisierung unserer Gesellschaft bemerkbar. Und ich wollte wieder eine Art politischen Diskurs in die Öffentlichkeit bringen. Der Gedanke, mich konkret damit zu befassen, kam mir aber tatsächlich erst mit der Euro-Krise. Das müsste im Jahre 2012 gewesen sein, als eine Art Höhepunkt darin erreicht war, dass man sich permanent über die „faulen Südländer“ und die sog. „Pleitegriechen“ beklagte. Diese seien ja selbst Schuld an ihrer Lage, weil sie faul seien und falsch gehaushaltet hätten.

G: Und weil sie nichts zum Wachstum beitragen?

B: Eben nicht so wie die braven Deutschen. Ohne damals wirklich genau gewusst zu haben, was in Griechenland abgelaufen ist, dachte ich mir Folgendes: Das zahlenmäßig kleine Volk der Griechen, das kleine Land, das ökonomisch in der Euro-Zone auch gar nicht ins Gewicht fällt, kann nicht alleine für die im Land ablaufenden Prozess verantwortlich gemacht werden. Und das ist im Endeffekt auch ein öffentliches Thema, das alle betrifft. Das ökonomische System wirkt sich in seiner Funktionsweise nun einmal auf die gesamte Gesellschaft und bestimmt in gewisser Weise, wie die Menschen miteinander leben. Denn die Ökonomie, das Wirtschaftssystem besteht ja nicht einfach neben den Menschen, sondern prägt auch die Kultur des Menschen.

G: Wie ein über Jahrhunderte hinweg konstruierter Glaube?

B: So kann man es sagen. Da es sich bei der Ökonomie um einen Teil unseres alltäglichen Lebens handelt, sollte auch jeder ein Verständnis davon haben. Zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung sollte sich damit auseinandersetzen, um sich somit am politischen Diskurs beteiligen zu können. Gerade die Euro-Krise ist ein komplexes Thema, zu dem es nicht nur die eine Wahrheit gibt. Es ist natürlich immer abhängig von der Perspektive des Betrachters oder der Position, die man in dem Falle einnimmt. In der heutigen Zeit hat aber die Ideologie eines freien Marktes, des Neoliberalismus – wie auch immer man es nennen mag – die Deutungshoheit. Dies ist den Menschen durch den Prozess der Sozialisation inzwischen schon so stark eingeprägt worden, sodass viele Themen gar nicht erst richtig hinterfragt werden. Zum Beispiel ist heutzutage die Toleranz der Menschen gegenüber sozialer Ungerechtigkeit wesentlich höher, als es noch in den 1950er- oder 1960er-Jahren der Fall war.

G: Entspringt das Wirtschaftssystem keinem Naturgesetz?

B: Gerade weil unser Wirtschaftssystem nicht von einer „höheren Macht“ erschaffen wurde und keinem Naturgesetz entspringt, sondern von den Menschen selbst konstruiert wurde, ist es im Umkehrschluss auch eben durch die Menschen selbst veränderbar. Deshalb ist ein gesellschaftlicher Diskurs nötig. Die Menschen müssen sich über die Art des Zusammenlebens in einer Gesellschaft einigen und nicht alles als gegeben hinnehmen.

G: In diesem Zusammenhang fällt vor allem der plakative Titel deines Projekts auf: „Mythos Ökonomie“. Warum verwendest du gerade den Begriff „Mythos“?

B: Mit dem Begriff „Mythos“ soll eine Art allgemeingültige Wahrheit hinterfragt werden. Die Ökonomie wird fälschlicherweise von vielen Menschen nicht als Konstrukt wahrgenommen, sondern als naturgegeben verstanden. Zugleich gibt es auch viele gängige ökonomische Mythen, wie zum Beispiel: „Vom Wirtschaftswachstum profitieren alle“ bzw. „Wir brauchen mehr Wirtschaftswachstum“. Mit diesen Aussagen werden wir durch die Massenmedien quasi permanent konfrontiert. Auch die Hauptforderungen der Politik – egal ob Konservative, Christdemokraten, Sozialdemokraten oder andere – beziehen sich auf Wirtschaftswachstum. Man hinterfragt aber nicht den Grund dieser Forderung: Warum braucht man mehr Wachstum?

G: Genau das ist das große Problem. Der durchschnittliche Medienrezipient hinterfragt das Informationsangebot nicht mehr. Dieser Entwicklung willst du mit Plakaten, Bierdeckeln, aber vor allem auch durch deine Animationen zum Thema Ökonomie entgegenwirken und eine zusätzliche Sichtweise bieten.

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